DER zeit | raum BLOG


Was wäre, wenn das Ende naht?

Gestern kam der olle Hollywood-Katastrophenfilm „Deep Impact“ im Fernsehen. Während ich das etwa dritte Mal mitbangte und mithoffte, dass der gefürchtete Einschlag an der Erde vorübergehen möge, kam mir der Gedanke – und berechtigt: Was wäre, wenn das Ende tatsächlich vor der Türe stünde?

Seit mein alter Freund Rainer vor einigen Wochen für mich völlig unverhofft verstarb, fühle ich mich in einem seltsamen Vakuum. Ihr wisst ja, ich liebe meinen Job. Doch im Moment scheint es mir ziemlich zweitrangig, wenn nicht sogar völlig nebensächlich, ob ich feste gebucht werde, ständig gefragt und gefordert bin. Neue Klamotten? Die nächste Handtasche? Schuhe? Alles weniger wichtig als sonst. Egal auch, ob mein Fuß mal wieder zickt oder mein Pferd. Ich genieße das Leben, gebe gerne Geld für mich oder andere Menschen aus und lasse meinem Pony seine Marotten, während ich es mit Karotten überfülle.

Und was ist schon Geld wert? Ich tue so, als ob mich das auch nicht retten würde, wenn mein Konto mich über das so genannte Rentenalter (wann war das nochmal genau?) trägt. Was es ja auch nicht tut. Ich sterbe sicher. Fragt sich nur, wann.

Wie sich Rainer wohl gefühlt haben mag, als ihm die Krebsdiagnose vor wenigen Jahren vermittelt wurde? Ob er wohl anders mit der verfügbaren Rest-Lebenszeit umgegangen ist als üblich und ob er vielleicht alles im rechten Licht sehen konnte, wichtig von unwichtig unterschieden hat? Sich nur noch selten oder überhaupt nicht mehr aufgeregt hat über den alltäglichen Irrsinn? Ich weiß es nicht, wüsste es aber zu gerne und denke dauernd darüber nach. Und an ihn und seine Frau.

Im Urlaub habe ich ein Buch über ein Selbstexperiment gelesen. Es handelt von dem Versuch, den eigenen Todestag auf ein Jahr später festzulegen und zu sehen, was das mit einem macht. In Sachen Achtsamkeit und Wachsamkeit fand die Autorin heraus, dass sie ihr gewohntes Verhalten in vielen Fällen ad acta legte zugunsten der Menschen und Dinge, die ihr wirklich Spaß machten und Sinn vermittelten. Existenzängste waren existenziellen Fragen gewichen und bedeutender als der nächste Tausender auf dem Konto war plötzlich der Preis, den man tatsächlich für dieses Geld bezahlen würde. Das ist interessant und seit einiger Zeit ebenso relevant für mich. Ich lasse mich bereits ein wenig von diesen Gedanken leiten und nicht erst, seitdem ich dieses Buch gelesen habe – und seitdem Rainer tot ist.

Doch gestern, während Deep Impact und der verbleibenden Wochen und Tage, die im Film immer wieder bis zum großen Countdown eingeblendet werden, merkte ich verstärkt, dass ich zu einigen Fragen noch keine Antworten habe. Diese Fragen sind nun aber dringlicher geworden.

Ich träume beispielsweise schon seit sehr langer Zeit von einem Sommer in Griechenland. Und von einem eigenen Zuhause dort. Ich überlege, ob und wie ich das verwirklichen könnte. Doch was mache ich in der Zwischenzeit mit meinem geliebten Pferd? Und wie  es im Winter, der auf den Sommer zwangsläufig folgt, dort wohl so ist? Vermutlich öde und leer und nass und kalt. Wie hier auch.

Als wir gestern beim Garagentrödel hier in Uttenreuth waren, mein Mann und ich, lief mir eine Katze über den Weg, mit der ich mich spontan anfreundete. Die zugehörigen Herrchen fragten mich, ob ich die Katze gerne übernähme. Sie haben gerade ihr Haus verkauft und möchten jetzt mit einem Unimog die Welt bereisen. Ja. Ich würde die (arme) Katze natürlich nehmen. Doch ich vermute, dass sie immer wieder von uns zu ihrem alten Haus laufen würde. Die Katze kann man nicht so leicht verpflanzen. Und ich? Bin ich wie die Herrchen und mache etwas aus meinen hoffentlich nächsten Jahren? Oder bin ich wie die Katze, ortsgebunden unflexibel? Und wenn ich hier so verwurzelt bin, sollte ich mir dann nicht so bald als möglich einen ganzen Zoo zulegen, so lange es noch nicht zu spät ist? Werde ich auf das Reisen vielleicht ganz verzichten können und mir stattdessen lieber lauter Herzenswesen nach Hause einladen – Hund, Katze und vielleicht ein paar Ziegen, die mag mein Mann so gerne? Einen alten Schuppen hätten wir ja.

Oder sollte ich im Job so richtig Gas geben und das Leben on the road genießen? Ich mag das jetzt ganz gerne – ab und an in fremden Städten und Hotels zugange zu sein, die Workshops und Teilnehmer landauf, landab sowieso. Heute habe ich mir mal ein mögliches neues Auto angesehen. Nichts teures, aber Geld ist mir gerade eh ziemlich egal. Zumal mein weiser Steuerberater neulich meinte: „Alles richtig gemacht hast du dann, wenn zum Zeitpunkt deines Ablebens kein Geld mehr auf dem Konto ist.“ Ja, ja. Doch ich weiß ja nicht, wann der Asteroid auf der Erde aufschlägt oder meine persönliche Welt untergeht. Ich weiß nur, dass es in meinem Himmel langsam voll wird. Also werde ich mir weiter Gedanken über mein Leben machen. In der Hoffnung, dass ich mit Bestimmtheit eine (womöglich neue) Richtung finde – auch ohne absehbares Ende. Noch ist es jedenfalls nicht so weit. Und eines weiß ich sicher: So schlecht, dass ich eine Weg-von-Motivation entwickeln könnte, ist es im Hier und Jetzt auch wieder nicht. Ob es gut genug ist für die nächsten, vielleicht letzten Jahre, weiß der Geier.

25.07.2018


Nägel mit Köpfen

Heute Morgen habe ich auf Antenne Bayern gehört, dass die Moderatoren sich mit Knigge-Verhaltenstipps beschäftigen. Es ging um die Frage wie Mann sich verhält, wenn er beschirmt im strömenden Regen an der Ampel wartet, während eine Dame wie ein begossener Pudel neben ihm trieft.

Was für eine banale Frage! Schade, dass sie kein Gewinnspiel draus gemacht haben. Interessant aber, dass es auf Antenne Bayern um Knigge geht. Könnte das ein Hinweis auf einen im Volk grassierenden Trend sein? Als Menschen- und Motivforscherin stelle ich ja schon seit geraumer Zeit fest, dass Empathie und Umsicht aussterben. Gut also, dass die im Radio davon Wind bekamen. Mit dem Medium lassen sich schon ein paar Leute von heute erreichen. Also womöglich auch einige, die es nötig haben.

Schade, dass die sich auf Antenne Bayern nur mit solchen Gentleman-Benimm-Tipps befassen. Ihr wisst ja, ich habe ständig Beispiele für soziale Störungen und Gestörtheiten auf Lager. Letzte Woche stand ich beispielsweise in einem Schuhgeschäft an der Kasse. Ich hatte das Geld bereits abgezählt in den Händen und wartete so vor mich hin. Schon ein wenig länger. Endlich erschien eine Schuhfachverkäuferin und ich lächelte sie freudig an, ich hatte bereits monoton-flach geatmet und befand mich kurz vor der nächsten REM-Phase, denn ich hatte schon nicht mehr mit ihrem Erscheinen gerechnet. Doch die Fachfrau sah mich nicht. Sie redete mit zwei älteren Kundinnen, die mich auch nicht sahen, sich aber mit Nachdruck links vor mich quetschten. Ich rückte samt Ware nach rechts und dotzte an einen wartenden Herren an, der gleich rief: „Diese Ware hier gehört aber nicht mehr zu mir.“ Ich lächelte weiter und diesmal beruhigend den nebenstehenden Mann an. Der mich irgendwie auch nicht richtig sah.

Kurz beschäftigte ich mich mit der Erfahrung, wie es wohl sein mochte, wenn man plötzlich unsichtbar werden würde. So etwas wird ja in Filmen ab und an zur Story. Auch das Schrumpfen oder Altern. Aber zurück zur Reality-Doku: Als ich endlich dran war, meine Gelenke waren bereits steif und mein Nacken schmerzte, fasste ich Mut: „Ich meine das jetzt nicht böse“, sagte ich zur mich nun abkassieren wollenden Fachverkäuferin, „aber war das Absicht, dass Sie mich nicht als erste bezahlen ließen, mich keines Blickes würdigten und stattdessen die beiden älteren Damen beim Vordrängeln unterstützten? Das war keine schöne Situation für mich!“ Die Verkäuferin war sehr freundlich, fühlte sich nicht angegriffen und sagte, sie sei mit der Situation überfordert gewesen – die älteren Damen hatten sich einfach Präsenz verschafft.

Es geht also doch. Es ist mir möglich, Haltung zu bewahren und Standing zu zeigen, ohne anderen verbale Gewalt anzutun. Und weil ich gerade so schön in Schwung bin, mache ich gleich weiter Nägel mit Köpfen. Bei der gut betuchten Manager-Familie, die ihren Hund jeden Abend, Winter wie Sommer, zwischen 21 und 22 Uhr im am Grundstück angrenzenden Waldstück frei laufen und andere Tiere verschrecken lässt. Das Gebell ähnelt einem Gebrüll und währt ziemlich genau eine Stunde. Mir fehlt jede Nacht eine halbe Stunde Schlaf, die ich mit klopfendem Herzen im Bett liege und mich über die Unverfrorenheit dieser Nachbarn ärgere. Seit gestern weiß ich aus einer Unterhaltung, dass ich nicht die einzige mit Schlafrhythmusstörungen und Wutgedanken bin. Also schreite ich zur Tat. Und Nils mit dem alltäglichen Fußball-Carport-Gedöns kommt als nächstes dran. Ich werde berichten.

17.07.2018


Keine Angst vor der Angst

Heute wundere ich mich mal nicht öffentlich darüber, dass im Edeka die Wassermelonen nicht an der Kasse gewogen werden können und gefühlte 50 Leute in der Feierabendschlange warten mussten, bis die Kassiererin die Melone zum Metzger und zurück geschleppt hatte. Ich lasse mich auch nicht darüber aus, dass die andere Kassiererin einem freundlich fragenden älteren Mann herablassend antwortete: „Iiiich? Ich mache die Kasse jetzt ganz bestimmt nicht auf. Vielleicht meine Kollegin…!“ Ich schreibe heute mal nicht über Ärger. Sondern über Angst.

Kennt ihr Angst, habt ihr Ängste? Ich glaubte bis vor einigen Jahren völlig furchtlos zu sein. Bis ich älter und vielleicht auch weiser, gepaart mit einsichtiger wurde. Tatsächlich habe ich Ängste: Ich habe Angst vor dem Alleinesein und davor, dass mein Mann vor mir stirbt (finde es aber gleichzeitig egoistisch, so zu denken). Ich fürchte mich seit geraumer Zeit vor Hunden, die mir keine eindeutigen Willkommenssignale senden (was sie vermutlich deshalb nicht tun, weil sie genau wie ich darauf warten – nur fehlt mir zum freundlichen Wedeln leider der Schwanz). Ich atme manchmal, wenn ich Auto fahre, eher flach (wahrscheinlich stehe ich dann kurz vor der monotoniebedingten Ohnmacht). Wenn ich das dann bemerke, öffne ich die Fenster, schnappe Luft und konzentriere mich im Anschluss auf meinen Atem. Beobachte ich den und mich dann so, atme ich zu schnell und mir wird angst und bange, während mein Herz wie toll klopft. Außerdem finde ich tiefe und undurchsichtige Gewässer unheimlich und im Wald, wenn da so ein stiller, stummer Mann ohne Hund in der Gegend rum steht, wünsche ich mir beim Joggen immer öfter ein Tränengasspray herbei. Womöglich sehe ich zu viel „Aktenzeichen XY ungelöst“ und sollte anstatt wie ein Kaninchen auf der Flucht einfach mal zum nächsten DM-Drogeriemarkt hoppeln und mir was Abstoßendes besorgen, das kein Parfüm ist. Und schließlich: ich will nicht vom Pferd fallen. Nicht noch einmal und nicht noch öfter. Aber die Geschichte mit dem Pferd und mir in freier Wildbahn – die Märchen von Waldgeistern und Kornfeen, falsch stehender Sonne und ungünstigen Sternenkonstellationen – die kennt ihr ja schon.

Jetzt habe ich mir also ein Buch über Angst gekauft und da steht jede Menge Interessantes drin. Beispielsweise habe ich nicht gewusst, dass wir Menschen lediglich zwei Ur-Ängste besitzen: die Angst vor großen Höhen und die Angst vor lauten Geräuschen. Diese angeborenen Ängste haben uns wohl zur Arterhaltung genutzt, sonst hätten wir sie ja nicht. Das zeigt schon einmal, dass Angst an und für sich etwas für uns Nützliches ist. Sie will uns schützen vor lauernder Gefahr. Wenn nun jemand beispielsweise eine große Angst (Phobie) vor Hunden hat, so ist diese mit ziemlicher Sicherheit erlernt. Das geschieht vorzugsweise in den ersten sechs Lebensjahren, wenn das Kind sich an den Eltern orientiert und sieht wie diese zu Hunden stehen. Nimmt das Kind Ängste mit konkretem Hunde-Bezug wahr, so übernimmt es diese durch die im Kopf wohnenden Spiegelneuronen. Will heißen: Wächst ein Kind mit Hunden im Haushalt auf und hat es infolgedessen Eltern, die Hunde mögen und mit ihnen umzugehen verstehen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Kind als späterer Erwachsener eine Hunde-Phobie entwickelt sehr gering.

Das Gleiche gilt jetzt für Spinnen, Menschenmassen, Aufzüge, Wasser, Feuer, Schlangen und was euch sonst noch so dazu einfallen mag. Aber auch für abstrakte Themen wie den Umgang mit Veränderungen, unglücklichen Liebesbeziehungen oder Jobs, die krank machen. Wenn Kinder die Eltern beim Durchhalten erleben, beim stoischen Weitermachen fern des persönlichen Wohlbefindens, kann es auch sein, dass diese Muster übernommen werden. Ängste als Störungsbilder oder auch Panikattacken kommen meist dann ins Spiel, wenn sich das erwachsen gewordene Kind in einer Lebenssituation verstrickt hat, in der es längst hätte handeln, sich retten müssen, jedoch zugunsten des geerbten Musters verzichtet hat. Dann übernimmt das Unterbewusstsein gewissermaßen die Steuerung und schickt mal die Angst ans Ruder, die das Leben fortan so quälend gestaltet, dass man ins Denken und Handeln gehen muss.

Doch zurück zu mir:

Hätte meine Mutter also damals, als ich mit etwa zehn Jahren das erste Mal vom Pferd gefallen bin, nicht solche Angst gehabt, wäre ich womöglich heute nicht so ein Weichei? Nein, so einfach ist es nicht ganz! Denn wir können uns ja als Erwachsene dem noch einmal stellen, was aber leider richtig Hirnschmalz erfordert. Der gedankliche Rückzug auf die prägenden frühen Jahre á la „Ich bin halt so und ich weiß sogar, weshalb“ kann leider als Ausrede nicht mehr gelten seit die Hirnforschung herausfand, dass das menschliche Gehirn wie ein Muskel trainiert werden kann. Das bedeutet: Sind unsere Ängste erworben, überwiegen Gedanken zum Angst einflößenden Lebenskontext bzw. zu den darin potenziell liegenden Gefahren. Die zugehörigen Strukturen im Hirn sind dann besonders gut trainiert während die positiven, zuversichtlichen und das Selbstvertrauen sichernden Spuren, die zu günstigen Erlebnissen und Ergebnissen contra die Angst führen könnten, unterrepräsentiert, weil schlicht zu schwach ausgeprägt sind.

Mittels einer wissenschaftlichen Studie fand man heraus, dass das für Orientierung zuständige Hirnareal von Taxifahrern in London um etliches voluminöser ist als das von Büroangestellten – auch daraus schloss man, dass das Gehirn lebt und sich weiterentwickeln kann wie ein Muskel. Man nennt das übrigens die Neuroplastizität des Hirns.

Falls ihr euch also an einer Angst stört, deren Herkunft ihr womöglich kennt, aber kein lebensbedrohliches Element darin orten könnt, dann achtet bitte bewusst darauf, was ihr in dieser Situation über euch und eure Bewältigungschancen denkt. Vor allem aber vergesst nicht, euch das vollendete positive Resultat vorzustellen und es zu genießen – wenn ihr es gedanklich immer und immer wieder durchgeht mit allen verfügbaren Sinnen, wächst genau die Hirnstruktur, die euch als Angstbezwinger zugutekommt.

Alles beginnt mit einem positiven und im Präsens formulierten Satz, der die Zielvorstellung auf den Punkt bringt. Bitte achtet hier darauf, dass ihr kein „Nein“ einbaut, ebenso wenig sollten negative Worte wie „angstfrei“, „furchtlos“ oder auch „entspannt“ (weil im Wort die Spannung steckt) darin vorkommen.

Beispiel-Satz zum Loswerden von Ängsten beim Autofahren oder vor Details wie Tunnels, die den mobilen Aktionsradius extrem beschränken:

Ich unternehme gerne spontane Autofahrten!

Stellt euch nun das Zielereignis visuell vor: Was seht ihr dann alles, was entdeckt ihr im Detail, wer oder was begleitet euren Weg, wo befindet ihr euch dann? Seht ihr eure rot belackten Hände am Lederlenkrad, vor euch leuchten die Dioden des Bordcomputers, draußen fliegt eine wundervolle Landschaft an euch vorbei, euer kühles Cola steht in der Mittelkonsole und der Mann eurer Träume sitzt neben euch?

Was alles hört ihr im Zielbild? Womöglich das angenehme Summen des Motors, das leise Knarzen des Ledersitzes, im Radio läuft euer Lieblingssong, ihr öffnet das Fenster und nehmt das Wummern des Luftzugs wahr.

Was alles spürt ihr? Hier könnten Gefühle von Freiheit und Abenteuer dabei sein und natürlich auch das bequeme Sitzen, der frische Luftzug auf der Haut.

Was alles riecht, schmeckt ihr…

Jetzt lasse ich euch mit eurer Phantasie alleine. Ich denke, ihr habt verstanden. Der Arbeitsanteil lautet: Geht das Zielereignis täglich für euch durch und benutzt eure Sinne für die Vorstellung. So bilden sich im Hirn neue Verknüpfungen, die eurer Furcht Beine machen. Und genau darin liegt die Crux: Wessen Leidensdruck (zum Glück) nicht groß genug ist, der hat keine Lust auf derartiges Mentaltraining, zumal es ja echt anstrengend ist. Der behält dann selbstgewählt seine Angst. Mir soll´s recht sein. Leben und leben lassen, sage ich nur. Sonst hätte ich ja auch zu der Melonenträgerin vom Anfang was gesagt, oder?

10.07.2018


Irgendwas ist immer

Meine zeit|raum-Kollegin Julia hat mich kürzlich gebeten, mal wieder über etwas Positives zu schreiben. Und glaubt mir, das würde ich auch sehr gerne. Auf die Dinge, die mir gegenwärtig widerfahren, scheine ich aber wenig Einfluss zu haben. Tatsächlich erinnern mich einige Ereignisse an den Song „Ironic“ von Alanis Morissette, in dem es ja um die Häufung bescheuerter Zufälle geht. Mir geht es genauso.

Dass kurz vor meiner ersehnten Griechenland-Reise mein guter Freund aus Studientagen an einer Krebserkrankung und für mich völlig überraschend gestorben ist und im Urlaub eine enge Freundin meiner Freundin an einem Schlaganfall, das zähle ich jetzt mal nicht zum oben Genannten. Das Adjektiv „bescheuert“ ist hierfür auch unpassend. Ich würde eher sagen, es ist zum k***** und wundere mich deshalb wenig, dass ich mich in den goldgelben Sand übergeben habe und im Anschluss einen Tag mit Magenkrämpfen im Bett verbracht habe.

Es sind eher Dinge wie diese: Ich sitze mit meinem Mann in einem Strandcafé und wir trinken Frappé mit Blick auf das tiefblaue Meer. Wir genießen schweigend. Bis ein alter Grieche angefahren kommt und nicht rechts und nicht links von uns, sondern direkt vor unseren Augen parkt. Das Meer war schlagartig weg. Ich blickte völlig verstört, gestört, zu dem aussteigenden Fahrer und fragte auf Englisch, ob er nicht vielleicht bitteschön ein wenig weiter woanders halten könnte. Konnte er nicht. Klar.

Auf unserer Hotelterrasse wohnt eine Schwalbenfamilie. Wir ergötzen uns an dem Anblick, dass die fünf Jungen tagsüber mit den Köpfen und am Abend mit den Schwänzen nach vorne im Bau hocken (zwecks Vermeidung von Netzbeschmutzung, vermute ich). Leider haben die lieben Kleinen alle paar Stunden Hunger und die Elterntiere alle Flügel voll zu tun, um die Brut satt zu kriegen. Auch nachts. Aus dem Zwitschern wird ein Kreischen. Auch nachts. Wir machten nur selten ein Auge zu. Denn wenn die Schwalben mal schliefen, schepperte es aus der Hotelküche oder Hunde schlugen an oder Menschen gaben laute Laute von sich. Da ist Nils zuhause Zucker!

An einem Abend kommen wir von einem Tagesausflug zurück und freuen uns auf ein Kaltgetränk auf der Terrasse. Leider kann sich nur einer setzen, denn der zweite Stuhl ist lehnenseits bereits besetzt. Und zwar von einer Art Eichelhäher-Küken, das uns mit seinen großen Glubschern neugierig beäugt. Niedlich, das Teil. Ich stehe ein wenig dumm in der Gegendrum und übe fränkisches Blödschauen, da tauchen die beiden Hotelhunde auf, erfreut wedelnd. Der Vogel verduftet, kommt aber mangels Tragweite nicht wirklich auf Distanz. Die Hunde lassen sich von meinem aufgeregten Kreischen gerade noch stoppen und sich rechts und links vom Küken zur Wache nieder. Ich beauftrage meinen Mann, die Hunde abzulenken (er hatte das missverstanden und ließ sich abschlecken) und versuchte mich im Vogelfang. Was für ein beträchtlicher Schnabel dem hysterisch quiekenden und flatternden Vieh schon wuchs, das fiel mir erst im Laufe des Prozesses auf, der leider zur Flucht führte, von der wiederum die Hunde ganz begeistert Notiz nahmen. Am Ende segelte das Küken auf eine andere Terrasse, wo ausgerechnet der saß, dem ich mich am wenigsten nähern wollte. Also überließ ich es seinem Schicksal und fragte mich, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, die Hunde hätten es gefressen.

Der Mensch hatte in der Nacht zuvor – volltrunken – so laut gebrüllt und immer wieder lauthals seine Frau zur Schnecke gemacht, dass ich einen Gewaltakt befürchtete. Ich schlich zunächst in den Hotelgarten und versuchte, die Zimmernummer zu erspähen. Dann rief ich an der Rezeption an und riet, die Polizei zu benachrichtigen. Das Mädel vom Empfang war Anfang Zwanzig und tat mir dann echt leid als sie zum Nachgucken kam. Der ausschließlich griechisch sprechende Hotelgärtner, der sich mittlerweile zu mir in meinem Pyjama gesellt hatte, und ich, wir staunten nicht schlecht über die groben Worte und Drohgebärden des volltrunkenen Volltrottels. Leider kam bei einer der Schimpftiraden auch zutage, dass die angeschriene, reglos im Bett liegende Angetraute des Depps einen Gehirntumor hat und von daher momentan ungewiss war, ob sie überhaupt noch lebt (in Angebracht des Totalbesäufnisses). Also eilte mein medizinkundiger Gatte in die Höhle des Löwen, um die Vitalfunktionen der Kranken zu überprüfen. Der Gärtner und ich, wir ließen das Geschehen nicht aus den Augen. Ich vor allem meinen Mann nicht, um den ich wirklich Angst hatte, aber er kann das ja gut – psychisch Kranke deeskalieren. So gelang es ihm auch mit Volldepp, dem im cholerischen Koller zu allem Überfluss immer wieder die Türe zufiel. Ich weiß nicht, wie oft der Gärtner mit Ersatz-Zimmerkarte hin und her gerannt ist.

Als wir dann zwei Morgen später abreisen wollten, sahen wir die beiden – Volldepp und Krebskranke – bereits wieder rauchend (und wahrscheinlich erneut oder immer noch besoffen) auf der Terrasse sitzen, mit gepackten Koffern und noch immer dem Küken. An der Rezeption erzählte man mir, sie wären des Hotels verwiesen worden, weil es zu viele Beschwerden gab. Dass ich in der Nacht zuvor wieder nicht geschlafen hatte, konntet ihr euch wahrscheinlich schon denken. Ich war grundalarmiert, immer mit einem Ohr auf der Terrasse, bei den Schwalben, dem Küken und dem Volldepp, und natürlich hat mir das ganze Schicksal verdammt leidgetan. So ein Drama. Schlimmes Schicksal. Wieder mal.

Schließlich war ich froh, Hotel und Geschehen im geliebten Griechenland hinter mir lassen zu können. Im Flieger sitzend versuchte ich mich im Schlafnachholen, was ja gehen soll, habe ich neulich erst in einer Studie gelesen. Dann kamen Volldepp und Kranke hereinspaziert! Ausgerechnet in unseren Flieger… und neben mir waren noch zwei Plätze frei. Ich quetschte meinem Mann den Arm und beteuerte, keine Sekunde länger hier sitzen bleiben zu wollen, wenn es zum Schlimmsten käme. Kam es dann aber zum Glück nicht, sie nahmen zwei Reihen vor uns Platz und ich ging auf Tauschstation und atmete tief durch.

Manchmal ist das Leben eben auch gnädig, was gerade nötig ist, denn das Magenmittel geht schon wieder aus. Sorry, liebe Juli – du musst selbst zugeben: irgendwas ist immer.

27.06.2018


Leichtes Gepäck

Am Wochenende waren wir auf eine Hochzeit eingeladen. Eine Kollegin meines Mannes heiratete ihren Angetrauten nach 16 Jahren erneut – kirchlich. Die Zeremonie fand im auserwählten Kreise aus Familie, Freunden und wenigen Kollegen statt. Mir standen quasi unentwegt die Tränen in den Augen und falls gerade einmal nicht, war ich schlicht am Staunen.

Wenn ihr wollt, könnt ihr das jetzt auf die bestimmt in den Startlöchern befindlichen Wechseljahrshormone schieben. Ich habe andere gute Gründe für meine Befindlichkeiten geortet. Beispielsweise beispiellose Aufrichtigkeit und allgegenwärtige Liebe. Das völlige Fehlen jedweder Unstimmigkeiten und Bewertungen rundete den emotionalen Cocktail schlüssig ab und hauchte dem ganzen Erleben tatsächlich etwas Sakrales ein.

Nicht nur, weil der Ehemann seiner Frau ein rockiges Lied geschrieben hatte, das er selbst vortrug und im Singblatt zeichnete mit „Für meine Geliebte“. Sondern auch, weil die beiden während der gesamten Festivität statt Schnickschnack und Perfektionsstreben einfach unaufgeregte Lust auf ein fröhliches Miteinander zur Schau stellten. Auch das Wissen, dass die Gäste bewusst und nicht gezwungenermaßen ausgesucht waren, ließ das Event zu einem seltenen Segen für alle werden. Außerdem war ein Hund mit in der Kirche und das mag ich ja sowieso.

Doch mir geht über alle das Bemerkenswerte hinaus noch etwas anderes nachhaltig unter die Haut und das wühlt mich auch am heutigen Tag danach gehörig auf: Als die Gäste einander am Abend, im Wirtshaus, vorgestellt wurden, bedachte der Ehemann seine beiden Töchter mit schönen Worten. Zur Kleinen, einer wilden Fee mit bestimmt gelegentlichen Knutschkugel- sowie Satansbratenqualitäten, sagte er: Du bist die beste Tochter, die man sich wünschen kann.

Ist das nicht bewegend?

Wer von uns hat denn jemals so etwas gehört?

Gesagt gekriegt oder wenigstens geahnt – und zwar ganz unabhängig von Benimm und Leistung?

Da ich mir dessen bewusst bin, wie viele Menschen auch im höheren Alter unter den Lasten zu leiden haben, die während der prägenden Kindheitsjahre entstanden sind und später zu immer größeren Zerwürfnissen führten – zu Konflikten als lebenslänglichen Dauerbegleitern – knie ich mental nieder vor so viel Größe und Weitsicht.

Dieses Mädchen wird von Haus aus leichtes Gepäck mit ins Leben nehmen. Und jetzt sagt mir, dass euch das nicht anrührt. Dann sind es eben bei mir verflucht doch die Wechseljahre oder euch wurde als Kind ebenfalls dieses seltene Glück, ein wahrhaftes Geschenk zuteil.

Bleibt die Frage, ob die Kleine sich der großen Worte, die ihr unter anderem Leichtigkeit versprechen, als Erwachsene noch erinnert. Ich glaube nicht. Aber das Seelengedächtnis, die Psyche, wird sich schon daran laben, kann ich mir vorstellen. Es handelt sich ja schließlich um bekömmliche Kost, leicht verdaulich und gesund.

Ist schon unter diesen Denkaspekten eigentümlich, dass mich gerade in dieser Nacht ein Magendarmvirus befiel, der mir heftige Bauchschmerzen bereitete. Aber es ist wie es ist und ihr wisst ja: wenn es noch nicht gut ist, wird es schon noch werden.

29.05.2018


Lieber alleine zuhause

Ich war in den letzten drei Tagen, also rund um Pfingsten, öfter mal außer Haus unterwegs. Völlig freiwillig, das heißt, ich wandelte auf privaten Pfaden und verfolgte Freizeitinteressen. Allerdings überlege ich nun in Anbetracht der traumatischen Häufung abgefahrener Erlebnisse, ob ich in künftigen Fällen sogenannter Feiertage nicht lieber doch alleine zuhause bleiben werde statt mich outdoor sozial befremden zu lassen.

Mein verlängertes Pfingstwochenende fing am Freitagnachmittag noch ganz beschaulich mit einem Friseurbesuch an. Und ich war an und für sich auch ganz entspannt und vorfreudig bis dahin. Als meine Friseurin jedoch während sie meine Haare tönte, wusch, schnitt und fönte mehrfach mit ihrer Tochter telefonierte, die in einem Action-Painting-Kurs überdimensionierte Bilder produziert hatte und nun überrascht realisierte, dass sie diese nicht mit dem Fahrrad nach Hause transportieren konnte, wurde ich allmählich immer nervöser. Tatsächlich ist die linke Haarseite hinter dem Ohr aktuell etwas länger als die rechte. Aber was soll´s. Verglichen mit dem Syrienkonflikt ist das wirklich nicht der Rede wert.

Im Anschluss traf ich mich mit einer Freundin beim Griechen und wir wurden, wie üblich, mit einem Ouzo begrüßt, den wir beide nicht tranken. Wir waren angeregt in unsere Unterhaltung vertieft, als ich rechts von uns ein Kleinkind auf dem Schoß der vermutlich Mutter wahrnahm, das deren Ouzo staunend über Tisch und Schoß vergoss. Dem ersten Impuls, ihr meinen Ouzo geschwind rüberzureichen, kam ich nicht schnell genug nach. Denn ehe ich es mich versah, hatte das Kleinkind erneut einen Ouzo in den Pfoten, der wieder über Tisch und Schoß vergossen wurde. Ich starrte irritiert Richtung Erziehungsberechtigte, die das offenbar völlig normal fand (oder so tat als ob).

Wenig später wurde eben dieses Schnaps-Baby von einem etwas älteren Kind an unserem Tisch aufgebaut. Die Ouzopfoten krallten sich in unser Tischtuch und das größere Kind raufte dem Kleinen hingebungsvoll die noch lichte Haarpracht. Ich nehme an, das hat süß aussehen sollen. Wir reagierten ohne Absprache mit Ignoranz, zumal sich meine Freundin gerade in einem Bericht über die fünfköpfige Kindermeute in ihrer Nachbarschaft, angeführt durch den Schreihals Nils und seine geräuschresistente (autistische?) Mutter, in Rage redete. Ich hatte vollstes Verständnis und enormes Mitgefühl, denn auch bei uns gegenüber – und das wissen die regelmäßigen Blog-Leser – gibt es einen solchen Nils, der derzeit Hockey im Carport übt, manchmal mit seinem ebenfalls verhaltensauffälligen Vater. Wenn ihr das nach einem langen, anstrengenden Tag übersteht, das im Sekundentakt auftretende „Klackdiklackklackklack“, dann kann euch im Leben nicht mehr viel passieren.

Als ich später nach Haus komme, guckt mein Mann gerade eine Sendung mit Jürgen von der Lippe. Der beschreibt eine Begegnung mit Mutter und Baby im Fahrstuhl. Die Mutter will unbedingt, dass der Knirps die Tasten drückt, was er wohl nicht rafft. Von der Lippe wartet eine Weile und beschließt dann zu sagen: „Verehrte Dame, muss ich denn jetzt hier drin bleiben, bis Ihr Hoffnungsträger die Fahrstuhlführerprüfung schafft?“ und mich zerreißt es fast. Können Menschen wirklich so völlig frei von Umsicht sein?

Ja: Einen Tag später gehe ich mit meiner Freundin aus München spazieren. Wir unterhalten uns und werden plötzlich von einem Hund fixiert, dessen Frauchen ihm beherzt hinterherhechelt, um Einhalt zu gebieten. Puh, das scheint ja eine abgewendete Gefahrenlage gewesen zu sein, dachten wir. Bis der kleinste Köter aus der gleichen Meute überraschend abwendete und kläffend Kurs auf uns nahm. Kommenrtar Frauchen: „Das hat er noch nie gemacht.“ Ich lache wenig herzlich und sage ihr, dass mir dieses bescheuerte Statement neulich auch entfahren ist, als mein Hundefreund Lemmy meine Ansage ignorierte. Ich habe es zum Glück gemerkt, was ich da sage und mich sofort bei dem anderen beteiligten Frauchen entschuldigt.

Keine fünfzig Meter nach Klein-Kläffi kommen uns drei Frauen mit drei Hunden entgegen. Einer entscheidet sich gegen uns und springt mich an. Leise knurrend, aber immerhin. Gott sei es gedankt reicht er mir nur bis zu Wade, auf die ich notfalls hätte verzichten können. Ich frage das Frauchen: „Mal ganz ehrlich, finden Sie das in Ordnung?“ Die Antwort kennt ihr. Ich schnaube vor Wut und meine Freundin Eva sagt ganz gelassen „...die Menschen sind so. Keiner übernimmt mehr Verantwortung und – nein – es liegt nicht an dir, das sagt die wahrscheinlich dauernd zu irgendjemandem“, was es nicht wirklich besser macht. Meine gesunde Betriebstemperatur von 37 Grad ist längst überschritten.

Heute sind wir dann, auch zwecks Stressabbau, mit dem Fahrrad nach Nürnberg gefahren, mein Mann und ich. Wir haben ein Orgelkonzert in der Lorenzkirche besucht und sind im Anschluss ins Casa Pane, um eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen. Vor besagtem Café hatten sich ziemlich professionelle Straßenmusiker aufgebaut. Vermutlich aus Ungarn. Jedenfalls war die Musik lustig, laut und über Geschmack lässt sich bestimmt nicht streiten. Mit Menschen, die pöbelnd diskriminierende Bemerkungen über eine solche Combo und Beschimpfungen für das teils wirklich begeisternd applaudierende Publikum keifen, allerdings schon. Ich rief zu der Gift absondernden Ziege „dann gehen Sie doch einfach woanders hin“ und überlegte, ob ich ihr einfach einen Kaffee ausgeben sollte, damit sie, die an einem leeren Tisch saß, wenigstens einen anderen Grund finden könnte zu bleiben als ihrer Mitmenschheit auf den Keks zu gehen. Mit Erleichterung nahm ich, bevor ich die gute Tat umsetzen konnte, eine Taube wahr, die sich zwischen Schaufenster und Tresen des Cafés verfangen hatte. Ich befreite das aufgescheuchte Tier und wir fuhren nach Hause. Hier bleibe ich nun erst mal. Mindestens bis morgen und in der Hoffnung, mein Glaube an mich, das Leben, die Menschen und die Welt an sich ist bis dahin wieder einigermaßen im Lot.

23.05.2018


Work-Life-Balance

Solltet ihr euch gewundert haben, dass ich so lange abwesend war, blogtechnisch: Es gibt mich noch, ich bin nicht von den schottischen Schafen absorbiert oder vom Winde verweht worden. Ich bin nur tierisch beschäftigt mit dem Arbeitsansturm und dabei das nicht zu vergessen, was ich euch immer ans Herz lege – die Work-Life-Balance.

Noch gelingt sie mir ganz gut. Wenn auch die Grenzen zwischen An- und Entspannung immer mehr verwischen. Jetzt gerade zum Beispiel sitze ich auf der Graskoppel meines Pferdes im Schatten und während die Zicke friedlich zwischen Glockenblumen und Margeriten äst, schreibe ich euch mal wieder eine Botschaft. Ob das wirklich so gedacht ist mit der Balance?

Das kommt auf die Betrachtung an. Ich wähle eine innovative: Da mein Gut Zeit gerade sehr knapp ist, balanciere ich mit den kleinsten Einheiten, die man sich nur vorstellen kann. An meinen meisten Tagen ist gerade so viel Aktion auf der Agenda, dass ich mich frage, wie das alles in die verfügbare Wachzeit passen soll. Also beweise ich mir selbst, dass ich nicht zwingend untergehen muss, auch wenn mir das Wasser gerade bis zum Hals steht. Ich lächle und atme und weiß, auch das geht vorüber. Das ist schon mal die geeignete Grundhaltung. Und mit der lässt sich mächtig was stemmen.

Heute Morgen, ein Samstag, bin ich um kurz nach 5 Uhr aufgestanden. Im Anschluss habe ich mich sofort an das Zusammenrühren der Zutaten des Erdbeerkuchens für den morgigen Muttertag gemacht. Während der Teig im Ofen buk, bin ich joggen gegangen. Das erste verbuche ich als Work (Teig), das zweite als Life (Laufen). Bei meiner Rückkehr begegnete mir mein Mann im Keller, der mich – in Anbetracht des Kuchens, der alleine im Backrohr vor sich hin blubberte – verwundert (vielleicht war es auch bewundernd?) anglotzte. Rasch nahm ich die Treppen als Workout-Finish und befreite das Backwerk noch vollends im Zeitplan. Im Anschluss zog ich flugs meine Reitklamotten über und fuhr – Kaffee trinkend (Life) ins Büro, um dort einen Bericht zum Teamsetting von Freitagabend zu produzieren und zu verschicken (Work). Wie gewollt fuhr ich um 9.30 h – den Rest-Kaffee schlürfend (Life) zu meinem Pferd, um es auf dem Platz reitend zu bewegen (sie bewegte mich – also Work). Jetzt sitze ich im Schatten und schreibe (Work-Life), während ich gedenke, um 12.30 h zuhause zum Brunch in Erscheinung zu treten (Life) und meinen Mittagsschlaf zu halten (Life). Später werden wir noch radelnd shoppen gehen (Doppel-Life). Hoffentlich habe ich bis dahin schon geduscht – obwohl ja besondere Zeiten auch mal besondere Maßnahmen, Rationalisierung, rechtfertigen. Vielleicht spare ich mir das Duschen und wünsche mir einfach ein Gewitter*, wenn wir aus der Stadt zurückradeln. Das spart auch Zeit. Und essen können wir auch unterwegs. Habe ich erst neulich gesehen, dass das geht. Und ob ihr es glaubt oder nicht, der junge Mann hat freihändig Fahrrad fahrend mit Stäbchen asiatische Nudeln gefuttert. Was der kann, das kann ich doch bestimmt auch.

Ob ich auf meinen derzeitigen Lebensstil stolz bin? Nein, natürlich nicht! Ich weiß mir nur nicht anders zu helfen. Glücklich bin ich allerdings darüber, dass ich vorhin trotz meines unablässigen Balancierens (Work-Life) das Eichhörnchen, das ebenso aufgescheucht wie ich auf die Straße und zurück und wieder auf der Straße rannte, um am Ende doch vor meinem Auto auf die andere Seite zu wechseln, n i c h t überfahren, sondern stattdessen eine Vollbremsung hingelegt habe (Life), bei der mir meine mittlerweile im Auto befindlichen fünf angetrunkenen Wasserflaschen geräuschvoll um die Ohren flogen. Achtsam bin ich also noch, wenn das auch zwischenzeitlich harte Arbeit geworden ist.

 

*Anmerkung: Es gewitterte just in dem Moment, in dem wir uns in der Innenstadt aufs Rad schwangen. Wir wurden wie bestellt nass. Allerdings hatte ich bereits geduscht. Mist.

15.05.2018


Wer Kampf ansagt, kriegt Krieg

Gestern bei der Echo-Verleihung stieg Campino mit Kollegah und Kollege in den Ring. Zur Sache will ich mich gar nicht groß äußern. Nur darüber, dass Krieg zu Krieg führt – und dieser Mangel an Auseinandersetzungs- und Reflexionsfähigkeit widert mich nicht erst seit Trump regelmäßig an.

Hat jemand von euch gestern die Echo-Preisverleihung auf VOX verfolgt? Ich konnte nicht anders, weil ich erst um 21 Uhr von einem Vortrag nach Hause und nicht so schnell runterkam. So ein richtig guter Alternativplan zum Bett war das allerdings nicht. Ich habe mich aufgeregt. Hier das, was mich genervt hat, in etwa dieser Reihenfolge:

  • Deutsche Sänger und Bands, die alle gleich klingen und zwillingshaft aussehen
  • Komisch geschriebener Wincent Weiss, der in seiner Dankesrede ständig „Scheiße“ und „Fuck“ sagte und allen schon einmal androhte, sich gnadenlos zuzuballern bei der After-Show-Party (mein innerer Kritiker fasste sich ermüdet ans Hirn)
  • Helene Fischer, die ich einfach nicht mehr sehen kann (hier kann man gut erkennen, das Perfektion auch nicht alles ist)
  • Kollegah und seine diversen Rapper-Kollegen – ich vermute stark, dass ich diese Künstler samt ihrer Kunstwerke einfach nicht verstehe (meine Schuld)

Alt-Punk Campino fasste sich ein Herz und wetterte auf einigermaßen diplomatische Weise gegen diesen Kollegah und Farid Bang, die in ihrem beknackten Song den überflüssigen Satz über das Körperschema von Auschwitz-Insassen missbrauchen mussten. Ja, Kunst hat Grenzen – bin ganz deiner Meinung, Campino. Kunst. Alles andere wohl eher nicht. Jedenfalls war klar, dass eine Retourkutsche folgen würde. Da hat der Farid doch glatt den Hintern in der Hose besessen und während der Veranstaltung ein Campino-Porträt hingerotzt, das den Kampfgegner als Engel zeigt. Ach Gottchen, wie hübsch.

An was ich euch aber erinnern wollte: Wer Kampf sät, erntet Kampf. Wer sich als Weltverbesserer aufmacht, bekommt Gegenwind. Wer in den Ring steigt und Ansprachen von oben herab hält, wird abgewatscht. Das ging mir letzte Woche genau so, Campino, als ich in unserer nur suboptimal gemeinnützigen Stall-Whats-App-Gruppe bekundete, es gemein gefunden zu haben, dass jemand fotografiert wie ein anderer vergaß seinen Dreck wegzukehren. Besagte Kritikerin erteilte mir wenige Tage später Leckerli-Verbot für ihr Pferd.

Menschen sind so und dazu braucht es keine geschmacklose Textzeile. Es reicht schon einfach, wenn du anderen den Blickwinkel erweitern oder das kollektive Miteinander optimieren willst. Ungefragt. Die Watsche hat mich jedenfalls getroffen. Kollegah wahrscheinlich seine nicht. Vermutlich hat der Cobrakopf einfach seine Sturmmaske auf oder erlebt mangels neuer Freunde seine ganz persönliche Mondfinsternis. Was weiß ich.

13.04.2018


Blut ist dicker als Wasser

Schon wieder ein Blog zum Thema Streit. Dabei kann ich wirklich nichts dafür. Genau genommen bin ich nicht einmal betroffen. Höchstens beteiligt. Als Beobachter. Manchmal genervter.

In unserer kleinen Familie brodelt es mal wieder. Ich habe mir diesmal vorgenommen, mich herauszuhalten. Schließlich sind alle erwachsen, niemand benötigt einen Anwalt oder Fürsprecher und beide Rollen stehen mir auch gar nicht zu. Allerdings ist mir über Ostern klar geworden, wie wichtig es sein kann, sich die Zeit zu nehmen und die Nerven zu haben, einfach mal zuzuhören und nachzufragen, den Menschen Gehör zu schenken und Raum, sich verstanden zu fühlen.

Sich komplett rauszuhalten hatte für mich den Zweck, weiterhin gut schlafen zu können. Ich habe in meinen fast fünfzig Lebensjahren gelernt, dass ich die Menschen nicht ändern und ihre eigenen psychischen Wachstumspäckchen nicht auflösen kann. Zusätzlich habe ich als Coach erfahren, wie leicht es ist, involviert zu werden, indem man Stellung bezieht und sich womöglich doch auf eine Seite schlägt. Dann ist man mittendrin und wird schnell selbst zum Anschürer oder Angeklagten.

Die Rettung könnte auf ganz anderem Wege nahen. Wenn sich nämlich Konfliktträger klar darüber würden, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Mit diesem Bewusstsein ließe sich vieles relativieren. Auch der Wahrnehmungspositionswechsel, die Suche nach dem Motiv des jeweils anderen, könnte enorm erleichternd sein, denn eine „böse Absicht“ steckt selten hinter dem Handeln. Vielmehr verteidigen die Menschen sich und ihre Werte, ihre Sicht auf eine Sache. Könnte der ein oder die andere hier einmal abstrahieren und verstehen, dass es nur kurzfristig Genugtuung bereitet, in der Sache Recht zu behalten, wir aber die Beziehungen aufs Spiel setzen und einen dauerhaften Bruch riskieren, wäre allen geholfen.

Ja, allen. Wenn die Beziehung zum jeweils anderen es schon nicht wert ist, sich in Güte, Milde und Vergebung zu üben, so könnten es ja auch noch ein guter Grund sein, verhärtete Positionen zu überdenken, weil man andere Lieben entlasten möchte.

Und im Notfall, wenn wirklich keiner zu einem Entgegenkommen bereit ist, dann ist das halt so und zu akzeptieren. Ohnehin scheint es in Familien völlig normal zu sein, dass sich Geister scheiden. Vielleicht hat irgendjemand versäumt, uns das in unserer Kindheit mitzugeben für den späteren Lebenspfad. Gespeist von Idealen, die kaum jemals in der Realität gelebt werden, hecheln wir ständig der allumfassenden familiären Harmonie hinterher und der innigen Verbindung für die Ewigkeit. Blut ist dicker als Wasser, gell? Nur sehe ich das da draußen so gut wie nie in den Familien. Ich sehe Kleinigkeiten, die zu großen Eklats führen. Ich sehe Fehlinterpretationen („Unverschämtheiten“), die auf ein suboptimales Selbstwertgefühl gründen, so dass man sich immer gleich persönlich gemeint und angeklagt fühlt. Ich sehe Verletzungen, die über Jahrzehnte verschleppt statt angesprochen worden sind und ausgelöst von aktuellen Belanglosigkeiten mit unsäglicher Explosivität – unverhältnismäßig – eskalieren. Ich sehe enttäuschte Erwartungen, von denen leider keiner etwas wusste. Ich sehe Geltungsbedürftigkeit, die Menschen zu Übergriffen veranlassen. Und ich sehe Antipathie, die dazu führt, dass eine Beziehung einfach nur so weit trägt wie weiße Flaggen sanft im lauen Lüftlein wehen.

Ich sehe verfeindete Schwestern und bissige Schwägerinnen, Mütter, die neue Lebensgefährtinnen der Söhne nicht kennen lernen wollen, weil sie sie für Ehebrecherinnen halten und enterbte Kinder, weil sie die falschen Menschen geheiratet haben. Ich sehe Familien an Schwachsinn zerbrechen – überheblich, weil die eigenen Werte für allmächtig und die der anderen für nichtig erklärt werden.

Nur selten orte ich reflektierte Menschen, die andere sein lassen können und aus ihrer eigenen Fehlbarkeit Nachsicht generieren. Sie wandeln mit der Gewissheit auf der Welt, dass sie im Glashaus sitzen und haben deshalb schon lange aufgehört, mit Steinen auf andere zu werfen. Was übrigens immer einfacher ist, als sich zu fragen, mit welchem eigenen Zündstoff man den Konflikt angefacht, was man selbst beigetragen hat.

Ja, auch du und du. Wir alle haben Ecken und Kanten und Macken und Schrullen. Wie wäre es, wenn wir alle bereits beim Baby-Konflikt genannt Missverständnis das Gespräch mit dem anderen suchen, statt uns über Dritte zu erleichtern, so dass es ein Hintenrum-Gerede gibt und die Gerüchteküche brodelt, was die miese Sache immer schlimmer macht?

Die Entscheidung, wie wir mit Unstimmigkeiten umgehen wollen, obliegt uns allen ganz alleine und sie ist im Grunde ganz unabhängig vom Anlass, über den man sich entzweit. Ich finde sie im Grunde ganz einfach und habe folgende Schlüsse gezogen:

  • Wir müssen nicht jeden lieben und auch nicht die ganze Familie oder jeden Freund aus Kindheitstagen.
  • Wenn wir aber Wert darauf legen, langjährige Verbindungen zu behalten, können wir auch weiterhin Kontakt pflegen – auch wenn wir denjenigen nicht (mehr) lieben und nur manches an ihm mögen.
  • Wie wir den Kontakt gestalten, können wir ausprobieren und immer wieder neu definieren. Gibt mir eine langjährige Freundin nur noch wenig Aufmerksamkeit, weil sie auf sich und ihre Belange fokussiert, treffe ich sie halt seltener. Werden gemeinsame Familientreffen zur schrulligen Schaubühne, rufe ich zu Feiertagen halt nur noch an oder besuche die Menschen einzeln.
  • Wenn ich Menschen sehr schätze, versuche ich achtsam und liebevoll zu sein – wie jemand, mit dem man sich gerne umgibt. Gleiches mit Gleichem heimzahlen, aus dem Kontakt gehen, um den anderen zu „strafen“, verbale Spitzen abzusondern, um zu einer Reaktion zu provozieren? All diese Manipulationen versuche ich, mir und anderen zu ersparen. Meistens.
  • Wenn mich Menschen in ihrem Umfeld als verzichtbar empfinden – das können übrigens auch Familienmitglieder sein – und diesen Eindruck durch Kontakt-Passivität und Desinteresse an meinem Leben verstärken, m u s s ich keine Nähe suchen oder die Verbindung halten. Nur darf ich dann auch nicht mit dem vermeintlichen Verlust hadern, sondern die Konsequenzen zu tragen bereit sein.

Ich habe fertig. Seid friedlich!

04.04.2018


Streiten will gelernt sein

Was mir derzeit gehäuft begegnet: Konflikte und ihre verheerenden Auswirkungen. Was ich mich in Anbetracht dessen ständig frage: Worauf warten die Menschen eigentlich – auf den sicheren Absturz?

In meinen Seminaren fließen derzeit häufig Tränen. Völlig unerheblich, ob ich eine Führungsklausur gebe, einen Workshop zum Thema Stimmungsmanagement halte oder interveniere in Sachen Burnout-Prävention – ständig weint jemand. Und dahinter stehen gerade ungelöste Konflikte, die auf der Beziehungsebene schwelen, bis einer der Betroffenen in die Krankheit flüchtet oder den Arbeitsplatz für immer verlässt.

Ich hinterfrage, analysiere, motiviere und tröste. Doch mir sind die Hände gebunden, so lange ich keinen Auftrag habe. Alarmierend finde ich es, wenn der Personalrat bereits im Spiel ist. Denn von daher scheint selten Mediationsbereitschaft zu kommen. Vielmehr werden die vermeintlichen „Täter“ unter Druck gesetzt. Drohungen helfen nur leider nicht wirklich weiter oder gar raus aus der Misere. Sie führen nur dazu, dass mindestens einer („das Opfer“) gestärkt und mindestens einer („der Täter“) verunsichert wird.

Falls der Täter eine Führungskraft ist, übrigens ja auch ein Mitarbeiter des Unternehmens und ebenso schutzbedürftig, unterbleibt bei Personalrat-Drohung in Zukunft nicht nur jedwedes Steuerungsverhalten, sondern auch irgendein Wort zum Opfer. Könnte ja das falsche sein. Sendepause also. Da jedes Opfer einen Fanclub um sich schart – der Mensch neigt ja dazu, sich zu verstärken, wenn er der Sache nicht Herr werden kann – verliert die Führungskraft nach kurzer Zeit an Handlungsvermögen und Durchsetzungskraft. Sind dann im Team ohnehin ein paar „dominantere“ Mitarbeiter, kann der Chef oder die Chefin eigentlich gleich einpacken.

Ist der Täter im Kollegenkreis angesiedelt, bleibt das mit den Fanclubs gleich. Nur sind es diesmal vermutlich mindestens zwei – der Fanclub des Täters u n d der des Opfers. Auch hier kann die Führungskraft im Prinzip gehen, weil das Team irgendwann nicht mehr führbar ist. Zu heterogen sind die Motive und Interessen und die Arbeitseffizienz lässt eh zu wünschen übrig.

Warum reden die Menschen nicht rechtzeitig miteinander und zwar bereits beim kleinsten Missklang und direkt, eins zu eins? Weshalb wollen so wenige Kleinigkeiten aus der Welt schaffen, bevor ein großes Gezeter entsteht? Trauen die Menschen sich die Konfrontation nicht zu, fühlen sie sich zu schwach? Haben Sie Angst vor dem Worst Case? Was soll denn aber nach einem eskalierten Konflikt noch kommen, der dann am Ende nicht mehr zu befrieden, geschweige denn zu lösen ist? Das Happy End?

Unbehandelte Konflikte werden immer schlimmer. Und damit meine ich: immer. Die Möglichkeit, dass eine der mindestens zwei beteiligten Personen an einem Tag in der Zukunft früh aufwacht mit renovierten Einsichten, die zum Umdenken und anders Handeln animieren, ist völliger Humbug.

Stattdessen wird also weiter gewartet und hintenrum geredet. Bis irgendwann bei irgendwem von beiden die Energie alle ist. Einen Konflikt zu haben, das bedeutet jeden Morgen mit dem Bewusstsein zur Arbeit zu gehen, dass ich dort meinen vom Feind zum Hassobjekt gewordenen Gegner antreffe. Ich muss vorsichtig sein. Beobachten. Darf nichts verkehrt machen. Muss wachsam sein, um mir kein Missgeschick des anderen entgehen zu lassen. Wer weiß, wozu ich meine ganz private Fehlersammlung noch brauchen kann. Wenn nicht zur Selbstverteidigung, dann womöglich zur Vernichtung des Gegenübers.

Lohnt sich das wirklich? Wo ist denn da der Profit? Ich sehe nur Verluste und zwar auf allen beteiligten Seiten. Und – ja – beteiligt sind wir alle, die wir von Konflikten mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Egal, ob wir im Auge des vernichtenden Orkans aktiv sind oder passiv bleibend am Rande Schutz suchen. Wir könnten alle etwas tun oder unterlassen, um die Lage zu klären oder zumindest zu verändern, einen Impuls in das miese System senden. Da aber keiner etwas tut, tut sich nichts.

Also fließen die Tränen in meinen Workshops vermutlich weiter und ich sage immer dasselbe: „So kannst du das nicht lassen! Tu´ etwas, suche das Gespräch mit dem anderen, beziehe die Führungskraft oder die nächste Ebene mit ein – um deiner selbst willen!“

Als hilfloser Helfer fühle ich mich dabei nicht. Auch Worte sind Energie und sie kommen an. Ich weiß es. Nur wann, das weiß ich nicht. Und obwohl wir heute in Sekundenschnelle Nachrichten um die ganze Welt schicken können, so kann es doch ziemlich dauern, bis ein Wort vom Schädeläußeren ins Bewusstsein dringt. Also warten wir es ab und hoffen und wünschen das Beste für alle Täter, Opfer und Gestalter da draußen. Erleuchtung und Vergebung, beispielsweise.

27.03.2018


Die Socke ist nicht schuld

Wenn ich Kommunikationsseminare halte, rede ich oft – beispielhaft – von den achtlos auf dem Wohnzimmerboden liegen gelassenen Socken als Streitobjekt. Regulär ernte ich damit Gelächter. Von den weiblichen Anwesenden, versteht sich. Wusstet ihr aber, liebe Leserinnen u n d Leser, dass die Socke an sich absolut unschuldig ist?

Genauso ist es jedoch. Das eigentliche Problem hinter der Socke oder hinter der skrupellos zusammengedätschten Zahnpastatube, dem Dreck auf dem eben noch blitzblank geputzten Küchenboden oder den auf die Herkunft des Drecks Schlüsse zulassenden, schwungvoll von den Füßen gekickten Schuhen im Flur ist in den meisten Fällen Stress. Nicht nur Studien, sondern auch meinen eigenen Beobachtungen zufolge sind die meisten Menschen tagtäglich am Rande ihrer Kräfte und überfordert vom Leben. Da kann jetzt wiederum das Leben nichts dafür, sondern die eigenen hohen Ansprüche an die Ausführung der meist viel zu vielen Rollen regeln das Belastungsbarometer gen Limit.

Neulich habe ich mit einer Burnout-Kandidatin im Seminar darüber diskutiert, warum sie glaubt, nur eine gute Mutter zu sein, wenn sie täglich frisch kocht (und ob sie wirklich meint, es sei schon einmal ein geliebtes Kind an einer Fertigpizza gestorben). Und eine andere Mutter konnte kaum still sitzen und nutzte jede Gelegenheit, mit ihrem zuhause auf die Kinder aufpassenden Mann darüber zu korrespondieren, ob er seine Sache richtig macht; sie konnte offenbar kaum fassen, dass Haus und Hof auch einmal ohne ihre Präsenz überleben konnten. An alle da draußen – das könnten jetzt übrigens auch Männer sein –, die sich gerade irgendwie berührt fühlen: Wenn ihr noch mehr Stress wollt, dann realisiert bitte alle eure Lebenspläne gleichzeitig! Baut ein Haus, wenn das erste Kind ein Säugling ist, sorgt so bald als biologisch möglich für das zweite, treibt währenddessen eure Karriere voran, bringt euch in den Zwiespalt aus Elternrolle, Überflieger, Hausmeister und Financier – und schafft euch gleich noch einen Hund an! Dann regt euch bald auch die Socke auf, ich schwöre.

Herumliegende Socken und dergleichen andere Störfaktoren dringen in Lebensphasen, für die Überforderung Standard ist, immer verstärkter ins Bewusstsein. Irgendwann knallt es und weil ja das ebenfalls im Haushalt lebende und somit gleichfalls vom Stress betroffene Wesen ebenso strapaziert ist, rappelt es im Karton mindestens hoch zwei. Sind wir erst einmal auf Socken-Themen sensibilisiert, fällt gemäß selektiver Wahrnehmung gleich das nächste und übernächste Defizit des Partners auf und wenn man diesem Prozess seinen Lauf lässt, wird womöglich irgendwann nichts Positives mehr zu finden sein.

Negative Erlebnisse haben in unserem Hirn mehr Gewicht als erfreuliche. Wir sehen also tatsächlich bald das Schöne nicht mehr, das, was uns hält und gefällt und was wir lieben. Ein probates Mittel, um dieser in den partnerschaftlichen Abgrund führenden Dynamik zu entkommen, ist die 5:1-Regel. Sie bedeutet, dass wir für jedes „Manko“ des Partners mindestens fünf angenehme Aspekte benennen können (sollten), um unsere Hirnbewertung zu relativieren. Diese fünf so genannten Ressourcen können Charakterzüge oder Gesten sein. Der mitgebrachte Blumenstrauß, das mit netten Worten versehene Post-it am Kühlschrank, die Lieblingsschokolade, das Leibgericht – nicht umsonst heißt es, dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten und warum sollte das nicht auch in der Partnerschaft so sein.

Nur darf man sich diese Dinge nicht nur vom Partner erwarten, sondern sie auch selbst zu geben bereit sein. Für den Partner ist der andere im akuten Stress-/Streitmoment ja auch Nervensäge, statt Tankstelle. Alleine ist nie jemand von irgendetwas betroffen, beteiligt sind wir alle am Gesamtgeschehen, die wir in Beziehungen leben. Also lasst uns damit beginnen, selbst Vorbild in Sachen partnerschaftlicher Achtsamkeit sein und mit exzellentem Beispiel vorangehen. Und übrigens: Selbstfürsorge ist n i c h t Sache des Partners, nicht er oder sie muss uns unsere Wünsche von den Augen ablesen, wir selbst müssen dafür Sorge tragen, dass wir einigermaßen geistig frisch und körperlich fit bleiben.

Sollten wir uns das schon nicht zugestehen, hauszuhalten mit unseren Kräften, wird es schwierig mit dem konstruktiven Beziehungsführungsvermögen. Wer ist schon gerne mit jemandem zusammen, der seine eigenen Bedürfnisse nicht kennt oder ernst nimmt und benennt und sich mustermäßig an seine Grenzen bringt? Der ständig explodiert und selbst die betagteste Socke verschreckt, die wahrlich schon einiges mitgemacht hat? Am Ende will euch auch der Hund nicht mehr, das kann ich euch sagen. Also übt euch in Freundlichkeit, Güte und Milde und fangt noch heute bei euch an! 

13.03.2018


Leben ist wie Kuchen backen

Heute habe ich einen Orangenkuchen gebacken. Ich bin bisher keine große Bäckerin gewesen, insofern ist so eine Aktion für mich jedes Mal Neuland und überaus spannend. Die Gelinggarantie war diesmal im Rezept inkludiert. Doch das Unternehmen drohte trotzdem zu scheitern. Wie das Leben halt so spielt...

Ich war an diesem sonntäglichen Morgen extra um halb sieben aufgestanden und habe mir Zeit für das Backwerk genommen. Noch etwas müde stellte ich alle Zutaten, Gefäße und – ganz wichtig – die Waage parat. Mein Handy lag auf dem Herd, damit ich das Rezept immer vor Augen haben konnte. Der Ofen war bereits vorgeheizt. Ich begann die Zutaten zu bemessen und beim „schaumig Rühren von Ei und Zucker“ kam mir die Ware merkwürdig, weil extrem schlapp vor. Ich rückte meine Lesebrille zurecht und warf einen prüfenden Blick aufs Handy, das zwischenzeitlich neue Whats App-Botschaften vermeldete. Ich las sie und antwortete mal eben schnell. Als ich zurück zum Rezept switchte, fiel mir glücklicherweise auf, dass ich den Zuckeranteil falsch bemessen hatte. Also rein mit der fehlenden Raffinade – und siehe da, schon schlug die Masse schaumige Blasen. Ich forderte nun meine volle Konzentration und lies mich von nichts mehr ablenken, bis ich schließlich keinen Teig vor mir hatte, sondern einen cremigen Brei aus Öl, Orangensaft, Mehl und besagtem Schaum. So konnte das auf keinen Fall ins Backrohr! Also beschloss ich mutig, so viel mehr Mehl zuzugeben, bis die grobe Anmutung eines Teigs entstand.

Am Ende kam ein ganz ansehnlicher Kuchen dabei raus. Er war gut in Form, duftete nach Sommer und schmeckte. Bis jetzt haben ihn jedenfalls alle Beteiligten, die engste Familie, überlebt – so deute ich zumindest die fehlenden telefonischen Rückmeldungen. Aber der Verzehr ist ja auch erst wenige Stunden her.

Jedenfalls habe ich selbst aus diesem lapidaren Vorhaben, das letztlich im Magen landete, etwas gelernt:

  • Setze dir ein Ziel, das du auch wirklich erreichen willst (Motivation) und überprüfe, ob du die nötigen Fähigkeiten sowie Ressourcen zur Zielerreichung hast (Energie, Zutaten & Co.) – notfalls mache es dir lieber leicht, als zu schwer
  • Überlege dir genau die nötigen Schritte und bereite dich gut auf die Durchführung vor
  • Fokussiere dein Ziel und widme dich ihm mit ganzer Konzentration, lasse dich von nichts ablenken
  • Bei drohenden Misserfolgen oder tatsächlichen Rückschritten sei mutig und experimentiere – wenn du auf dem Weg planlos bist, setze auf die Strategie „trial and error“
  • Gib deinen Projekten eine individuelle Note und die nötige Freiheit – nur weil andere auf einen Orangenkuchen einen Orangenguss machen, musst du das nicht auch so machen (ich habe dunkle Schokolade gewählt – lecker!)
  • Und dann packe es an oder backe es fertig und freue dich an deinem Erfolg

Und die Moral dieser Geschichte: Selbst Kuchenbacken kann ein Lernpaket sein. Wie das Leben eben. Lasst es euch schmecken!

06.03.2018


Karrierefaktor SelfSelling

Ich befasse mich im Moment mit dem Thema Selbstdarstellung. Nein, ich glaube nicht, dass ich (noch) mehr davon bräuchte. Ich bin ganz zufrieden. Aber viele andere da draußen sind es nicht. Also wird´s ein Workshop…

…und der ist nicht ganz neu, aber liegen geblieben auf halber Strecke und von anderen, akuteren Themen überholt. Jetzt muss ich aber ran, denn der Workshop ist gebucht und wird bald gehalten werden. Und zwar von mir. Also habe ich schon einmal begonnen, mich gedanklich heranzupirschen. Ich finde nun, meine Angst vor kognitiven Einbußen, wie im Blog-Artikel von letzter Woche beschrieben, war übereilt. Denn ich habe am gestrigen Sonntag die wohl treffendste Frage für die künftigen Teilnehmer des Seminars SelfSelling gebrainstormt: „Wer bist du und für was willst du gehalten werden?“

Die Frage kam mir während ich DSDS geguckt habe. Ich schaue die Castings immer wieder gerne und nicht, weil ich so ein großer Fan von Gegenwartsgedüdel bin oder ein Voyeur – freilich gibt es auch zum Schämen reichlich. Ich schaue das aus beruflichen Gründen: Es gibt quasi keine andere Sendung, die vor meiner Schlafenszeit läuft und einen ähnlich hohen psychologischen Gehalt hat wie DSDS. Wenn sich nämlich hier jemand gut darstellt und kann, was in diesem Format verlangt wird, hat er super Chancen. Es geht nicht ausschließlich um Schönheit. Auch nur das Können reicht nicht, wenn jemand nicht die ohnehin sehr locker definierte Optik oder das Bewegungsvermögen für die Bühne hat. Im Kontext DSDS werden Menschen gesucht, die ganzheitlich Talent besitzen, singen und sich sehen lassen können – und die nicht zuletzt dem Stress, der Belastung, dem Leistungsdruck gewachsen sind.

Da kam am Samstag ein Kandidat, von dem – da wette ich – haben 80 % der Zuschauer gedacht: „Oh weh, bestimmt hält der sich nur wieder für genial, aber pfeilgrad aus den gängig als genehm geltenden Gehörpräferenzen raus.“ Und dann kam aus diesem eher unscheinbaren und ein wenig suboptimal zurechtgemachten Menschen eine derart umwerfende Stimme raus! Selbstdarstellung wird jetzt bestimmt nachgeschult, weil das Talent so außerordentlich war.

In der selben Sendung trat eine junge Frau auf, der es offenbar ingesamt an Sendungsbewusstsein mangelte. Sie trug leider eine ihre Figur auf sehr uncharmante Weise betonende Hose – die von Nena in den 80ern hip gemachten Streifen zogen und bogen sich zu psychedelisch wirkenden Linien, die nach außen, also weg vom Oberschenkel strebten. Unschön. Noch furchtbarer allerdings waren die Laute, die das Mädel selbstzufrieden und ständig kichernd von sich gab. Putzig war sie ja irgendwie – aber unmöglich gekleidet und singen konnte sie auch nicht. Also war´s wieder nix mit SelfSelling on the Screen.

Doch dann kam ich ins Grübeln: Einmal von der Grundannahme ausgehend, dass es für wirklich jedes menschliche Verhalten den passenden Rahmen gibt – vielleicht war das Mädel super und nur der Kontext falsch? Echt jetzt, Spaß beiseite – ich habe den Schlüssel zum Seminar SelfSelling! Es geht einfach nur darum, ehrlich zu sich zu sein, seine Möglichkeiten und Grenzen gut zu kennen, realistisch einzuschätzen und sich natürlich auch zielorientiert weiterzuentwickeln. Wenn aber das Ziel so ganz und gar nicht zu meinen Anlagen passt, dann wird das nichts. Dann können auch das gewiefteste Styling, der fetteste Rhetorik-Kurs und das beste Benimm- und Catwalk-Training in der Regel wenig an der zumindest mittelfristigen Erfolgslosigkeit ändern. Ideal verkaufen kann ich mich doch da, wo meine Fähigkeiten reichen, anderen einen Nutzen stiften oder sie sogar zu begeistern, oder?

Es kann schon sein, dass jemand Hollywood-Schauspieler werden wollte und auf dem Weg dahin gemerkt hat, dass er besser auf die Theaterbühne passt. Mir geht es hier nicht um das Machen oder Lassen. Ganz sicher ist aber, dass ich Leute nicht dabei unterstützen kann und will, so echt zu sein, dass es schon nicht mehr zum Aushalten ist und sich der Rest der Herde mit Grauen von ihnen abwendet. Ich möchte Menschen eher dazu bringen, ehrlich zu sich und zu anderen zu sein. Dann können sie von mir aus auch echt sein und zwar in dem Rahmen, der zu ihnen passt wie Arsch auf Eimer. SelfSelling hat also nichts mit narzisstischer Selbstüberhöhung zu tun, sondern mit dem optimalen Darstellen dessen, was ist und dem Nachjustieren dessen, was ich zu entwickeln im Stande bin. Dann wird das was mit der Karriere und ganz egal, ob diese im Büro, auf Station, im Kindergarten oder auf den Brettern stattfindet, die für uns die Welt bedeuten. 

27.02.2018


Die Pubertät war eine Lachnummer

Jetzt schreibe ich mal über ein Thema, das niemand wissen will – und das doch alle Frauen be- und dadurch auch viele Männer trifft: das Klimakterium. Ehrlich gesagt hatte ich bis gestern keine Ahnung, ob ich nur live dabei oder auch schon mittendrin bin. Heute weiß ich mehr.

Vor zwei Jahren muss es etwa gewesen sein, als ich in meiner sommerlichen Arbeitspause mutig dem Unausweichlichen näher kommen wollte, bevor es mir näher kommen sollte. Also kaufte ich ein Buch, ich glaube es hieß „Die verwandelte Frau“, und schämte mich erst am Strand damit, um mich wenig später höchst gelangweilt weniger strapaziösen Dingen zuzuwenden. Außerdem ist es ja nicht gerade sexy, sich mit der Menopause in der Sonne zu aalen und schon gar nicht in Griechenland, wo ich mich eigentlich zeitlos alterslos fühle – forever young dank feinsandiger Kindheitserinnerungen, zumindest einen Urlaub lang.

Seitdem habe ich mich proaktiv nicht mehr um die Wechseljahre geschert. Doch ab jetzt wird alles anders: Vor kurzem war ich zu einem Kaffeekränzchen eingeladen. Meine Freundin ist unwesentlich älter als ich und die Damen, die alljährlich in Erscheinung treten, um sich an den vom Hausmann gebackenen Kuchenvariationen zu laben, sind auch etwa Mitte Fünfzig. Umso erstaunter war ich, dass das Kuchengemetzel dieses Jahr unter das Motto „80er“ gestellt wurde. Das könnte am Datum gelegen haben, muss es aber nicht. Jedenfalls kam ich in Sweatshirt und Jeans. Obwohl ich tags zuvor noch überlegt hatte, ob ich vielleicht doch noch zur gealterten Madonna mutieren könnte (ich konnte nicht mangels Haaren, Minirock, Spitzenhandschuhen und vor allem wegen einer ziemlich gemeinen Blockade im Iliosakralgelenk, die mich halluxbedingt zum Hinterherziehen meines linken Beines veranlasste). Schlussendlich kam ich einfach wie ich mich fühlte: ausgelutscht und alt. Die anderen „Mädels“ im Hippie- oder Piratendress lungerten nicht lange im Flur, sondern riefen gut gelaunt Alexa zu „Spiel Earth, Wind & Fire!“. Sofort dröhnte „Gloria“ aus den Boxen. Ich habe dieses Lied schon immer gehasst. Ich nahm neben dem Hund Platz, auf der Couch und starrte irritiert und irgendwie ladegehemmt auf das bunte Gemenge aus Wechseljährigen, wie sich wenig später herausstellen sollte. Denn beim dann doch wie gewohnt am Tisch stattfindenden Kuchengelage wurde ich, veranlasst durch die Hitzewallung einer der Beteiligten, aufgeklärt: das Klimakterium ist gar nicht lustig! Frau schwitzt und möchte sich sofort alle Klamotten vom Leib reißen (Gott bewahre!), um danach sofort zur Frostbeule zu avancieren. Frau leidet unter Schlafstörungen und Schmerzen in den Brüsten, was wohl irgendwas mit dem Hormon zu tun hat, das auch für die Stillzeit wichtig ist (irrwitzig!). Was hier hilft, ist übrigens Salbeitee. Das Schlimmste aber sind die kognitiven Einbußen und da wurde mir wirklich bange. Schließlich ist ja nicht mein Aussehen, sehr wohl aber mein Hirn mein Kapital.

Nachdenklich und ein bisschen traumatisiert ging ich nach Hause. Einen Tag später merkte ich im Büro, dass ich meinen Kalender daheim vergessen hatte, was mir in zehn Jahren kein einziges Mal passiert ist. Ich meditierte kurz und innig und konnte das meiste aus meinem internen Memo namens Kopf rekapitulieren. Tags darauf merkte ich wiederum im Büro, dass ich meine Lesebrille daheim vergessen hatte. Ich wartete bis 9 Uhr und rannte zum Optiker, um mir eine Billigbrille zu besorgen, die jetzt vor Ort bleibt. Tags darauf bemerkte ich in letzter Minute, also knapp vor Verlassen des Hauses, vom Tageslicht erhellte Soßenflecken auf meiner Bluse und zog mich zügig um. Immer öfter habe ich meine Slips verkehrt herum an, das geht schon länger so, und wenn ich mal nicht aufpasse, gieße ich das heiße Wasser in die Tasse, statt in die bereit gestellte Teekanne. Hitzewallungen und Kälteanflüge hatte ich schon als Teenie, wohingegen ich niemals so viele Pickel hatte wie im angehenden Herbst/Winter 2017 – ich steuerte mit Teebaumöl gegen und nahm auch gleich eine Großpackung Johanniskraut mit, die jetzt leider aufgebraucht ist. Schon trübt sich das ohnehin nimmermüde Gedankenkarussel zusehends ein. Dass ich neulich am Geldautomaten keine (!) einzige Geheimzahl meiner drei (!) Karten mehr wusste und bargeldlos das Weite suchen musste, gibt all diesen Um- und Zuständen etwas gnadenlos Gemeines. Und jetzt noch das:

Am Wochenende kam eine Workshop-Teilnehmerin mit Tränen und entschuldigte sich, was sie nicht hätte tun müssen, denn wir anderen Frauen waren voller Mitgefühl. Das seien nur die Wechseljahre und an manchen Tagen erkenne sie sich nicht wieder. Au weia – ich mich auch nicht, vor allem nicht im Spiegel. Ich bin also doch schon mittendrin, und die Pubertät scheint echt ein Dreck dagegen gewesen zu sein.

20.02.2018


Von Mund zu Mund

Diesmal wurden mir Geschichten zugetragen, die ich euch erzählen muss, weil sie so – in zwei Fällen schräg – und dazu noch kurios sind. Irre und irritierend, sozusagen. Mal sehen, ob ich euch erheitern kann. Und zum Nachdenken bringen, wie immer...

Am vergangenen Freitag habe ich meine Eltern vom Flughafen in Nürnberg abgeholt. Das war wieder ein Erlebnis. Falls ihr mal an einem Abend nicht wisst, wohin mit euch, fahrt doch einfach zum Albrecht-Dürer-Airport und wartet auf ankommende Maschinen. Es ist immer mindestens eine Szene dabei, die das Herz berührt. Ich habe einen Hund beobachtet, der sein Frauchen, die vom Zoll kam, erst im letzten Moment erkannt hat. Eine solche Freude kann definitiv nur ein Hund leben – mit wie auf heißer Herdplatte tanzenden Tatzen, erregtem Hochtonfiepen und Kurbelschwanz. Wenn mir nicht etwas Ähnliches am selben Morgen mit meinem Gassihund Lemmy widerfahren wäre, der zwei Mal pro Woche regelrecht über mich herfällt, wenn ich in Erscheinung trete – ich wäre wahrscheinlich sofort zum Tierheim aufgebrochen, um mir auch wieder jemanden zu sichern, der sich so unbändig über mich freuen kann. Schlicht, weil ich „bin“. Jedenfalls wurden dann auch, welch´ Überraschung, meine braun gebrannten Eltern von der Schiebetüre ausgespuckt und im Auto hat mein Vater von folgender Begebenheit erzählt: Er hat auf Teneriffa sein Handy-Guthaben bei einem inländischen Telekom-Anbieter aufladen wollen und im Outlet vor Ort sein Anliegen vorgetragen. Er spricht sehr gut Spanisch, der Papa. Die aufgeschneckte Dame dort verlangte seinen Ausweis und fragte ihn, ob er Russe sei. Er verneinte, sich noch einmal selbst mit einem Blick auf den Ausweis verwirrt rückversichernd und fragte erstaunt zurück, warum die Telefon-Diva das glaube. Sie antwortete, sie könne seinen Pass nicht lesen. Er zu ihr: „Sie halten ihn ja auch verkehrt herum!“ Darauf hob sie verdutzt die frisch gezupften Augenbrauen und stolzierte lässig zum Kopiergerät. Im Anschluss daran fragte sie ihn, ob er auch englisch spräche und auch das bejahte mein mittlerweile innerlich zwischen Flucht und Angriff pendelnder Vater. Also sprach er dann englisch, was ihn leider auch nicht davor verschont bleiben ließ, Dumpfbacke am nächsten Tag wiederholt zu besuchen, da leider auf der ausgehändigten Karte kein Guthaben verbucht war. Vermutlich hatte sie das einfach vergessen, weil sie ja sehr beschäftigt mit der Zu- und Anordnung der Nationalität gewesen sein muss. Aber nicht, dass ihr jetzt glaubt, sie sei sich irgendeiner Schuld bewusst gewesen oder hätte sich entschuldigt oder geschämt. Nein: Ein Pfau behält, vielleicht auch aufgrund des extrem geringen Hirnumfanges, das federleichte Köpfchen immer oberhalb der Augenhöhe der wurmähnlichen Normalmenschheit. Da habe ich mir gedacht, was es doch für ein Glück sein muss, wenn man ziemlich untalentiert auf der Welt wandelt. Das Selbstwertgefühl scheint sich schadlos zu halten, wohingegen so viele mit mehr Intellekt bestückten Menschen von Selbstzweifeln gepeinigt ihr Dasein fristen. Macht Dummheit also schlau?

Die zweite Geschichte wurde mir gestern von einer Freundin zugetragen, die beruflich viel unterwegs ist in Deutschland. Sie ließ eines Tages über ihre Assistentin ein Zimmer in der Nähe von München buchen, das zwar stadtnah, aber vor allem auch nahe bei dem Kunden lag, den sie am nächsten Tag besuchen wollte. Sie kam also an und fuhr erst einmal ein gutes Stück durch einen Wald. Mitten in diesem Wald lag – im zwischenzeitlich Finsteren – ein unbeleuchtetes Haus. Als sie ihr Auto abgestellt hatte und sich dem Anwesen näherte, veranlasste sie wenigstens den Bewegungsmelder, sie in Empfang zu nehmen und so konnte sie den an die verriegelte Eingangstüre geklebten Zettel mit einer Handynummer überhaupt sehen. Sie wählte also die Nummer und die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung erklärte, das Hotel habe im Moment „eigentlich Betriebsferien“, doch es sei der Schlüssel zum Haus im Wald in der anliegenden Garage in einem Kästchen auf dem Regal rechts hinten hinterlegt worden. Meine Freundin machte sich mit Taschenlampen-App auf die Suche und wurde fündig, schloss die Eingangstüre auf und suchte ihr Zimmer. Da saß sie dann etwa zehn Minuten auf ihrem Bett und lauschte der Stille um sie herum. Und obwohl die Telefonstimme ihr verheißungsvoll versprochen hatte, am nächsten Morgen eigens wegen ihr und höchstpersönlich in Erscheinung zu treten, um ihr ein Frühstück zu bereiten, entschloss sie sich, das Weite zu suchen. Szenen von „Shining“ gingen ihr durch den Kopf und angstvolle Gedanken á la „Wrong Turn“ fuhren ihr in die Glieder, während sie das Hotel des Grauens durch die menschenleeren Flure verließ. Der Wahnsinn muss wirklich nicht weit weg gewesen sein, trotzdem das Hotel strategisch nahe lag. Sind solche Leute noch ganz koscher, frage ich mich, oder haben wir es hier einfach erneut mit dem bewährten Empathiedefizit-Syndrom – ich nenne es in meinen Texten nun künftig immer EDS – zu tun?

Und zuletzt die Gute-Nacht-Geschichte für heute: Eine Pferdefrau mit jungem Wallach fuhr für eine Woche in den Urlaub. Als sie wiederkam und das Pferd ritt, schlug es wie wild mit dem Kopf. Das wiederholte sich aufs Neue. Und schließlich zog sie alle altbewährten Register aus Tierarzt, Sattler und Osteopath. Nichts half. Sie konnte das Pferd nicht mehr reiten, als ihr eine Bekannte die Telefonnummer einer Tierkommunikatorin gab. Diese konsultierte sie und es wurde der Draht zum Pferd hergestellt, das sich erst einmal verweigerte, mit jemandem anderen zu sprechen als mit der Besitzerin selbst, die es ja aber gerade eben nicht verstand. Schließlich gewährte das Tier der Pferdeflüsterin die Ehre und teilte ihr mit, dass ihm der Urlaub seiner Besitzerin nicht mitgeteilt worden sei. Eine ganze Woche lebte das Pferd in Angst und Sorge und der Schreck fuhr im ins Skelett. Die Besitzerin entschuldigte sich und wollte wissen, was sie tun könne, um das Kopfschütteln abzustellen. Das Pferd sagte, das würde es selbst schaffen, wenn es endlich einmal wieder so richtig rennen und toben dürfe. Also tat die Besitzerin wie ihr geheißen und stellte das Tier auf einen Platz, wo dem wilden Treiben nichts im Wege stand. Dort verharrte das Pferd zehn Minuten, regungslos. Die Besitzerin dachte bei sich: „Super, wieder 40 Euro für die Katz´!“ und wollte das Pferd wieder einholen. Dann geschah es. Der wild gewordene Wallach gebärdete sich wie ein Hengst während der Brunft und buckelte sich ordentlich die schlechte Laune weg. Danach – war das Kopfschütteln spurlos verschwunden und das Reiterglück wieder vollkommen. Sachen gibt es, nicht wahr? Also: Träumt weiter und haltet viel mehr für möglich als ihr bislang zu glauben wagtet!

06.02.2018


Warum wir alle nur das Eine wollen

Am Wochenende habe ich einen kompakten Artikel über die ausufernden deutschen Ernährungsgepflogenheiten in der Zeitung entdeckt. Genauer ging es darum, dass viele von uns zu viel essen. Oder das Falsche. Oder das Richtige zur falschen Zeit. Was dabei herauskommt, nimmt bestenfalls adipöse Züge an und schlimmstenfalls macht es krank.

Gähn. Ist ja nun wirklich nichts Neues? Stimmt! Nur hat mich ein Satz im Artikel ziemlich nachdenklich gemacht und zwar, dass wir biologisch gesehen darauf geeicht sind, so viel Nahrung wie nur möglich zu uns zu nehmen. Das ist bei uns demnach genetisch gesehen Programm: All you can eat. Na, prima. Wenn wir also von Haus und seit Urzeiten zum Naschen neigen, uns nach Feierabend entweder an Schokolade laben oder uns Chips zum TV vor Tütenende nicht loslassen wollen, dann haben wir an und für sich gar kein Problem. Das ist halt unsere Natur und wenn die Leckereien schon mal da sind, machen wir einfach nur das, wofür wir bestimmt sind. Wir essen sie auf.

Wir kämpfen also gegen die Genetik, wenn wir uns Essen verwehren und uns nicht jederzeit nähren. Kein Wunder, dass wir ärztlich dazu angehalten sind, zum Ausgleich in Bewegung zu bleiben. Das Problem der übermäßigen Verfügbarkeit von Futter hatten die in der Steinzeit halt einfach nicht. Die mussten sammeln und suchen, um etwas in den Magen zu bekommen. Wir hingegen haben 24/7-Food, weil ja die Tanke notfalls auch noch wach ist, wenn der innere Schweinehund ungeniert und zur Unzeit nach Nahrung giert. Nur sollten wir einfach das Jagen nicht gänzlich aus dem Speiseplan streichen. Und wenn man sich dann erst mal nachts bei Regen zur ARAL in die Drausnickstraße aufmachen muss – zu Fuß – verschlägt es einem vielleicht doch auch den kleinen Hunger zwischendurch.

Interessant ist ja, dass ich selbst nach ausgiebigem Abendmahl immer noch extremen Heißhunger auf Süßes habe. Manchmal denke ich auch schon während des abschließenden Spaghetti-Malmens an das Hanuta, das gleich folgen wird. Finde ich schon irgendwie entartet. Muss ich mir aber jetzt Sorgen machen, wo ich doch genetisch für das Vernichten von Nahrung vorgesehen bin? Oder hat das Hanuta eigentlich das Problem?

Der schlaue Professor, der in dem Artikel zitiert wurde, empfiehlt Menschen mit adipöser Neigung – die übrigens auch veranlagt sein kann, was dann zusammen mit unserem Fressprogramm doppelt gemein ist – ein Ernährungstagebuch zu führen und sich einmal aktiv damit zu befassen, wann sie was essen. Ich kann mir vorstellen, dass bei dieser Anstrengung die Rückbesinnung auf das täglich´ Brot auf dem Fuße folgt. Zumindest kurzfristig. Er meinte auch, dass bei der Erkenntnis des Musters „Nahrung = Belohnung“ Kreativität her muss, damit man andere Gutsis und somit weitere, kalorienärmere Wahlmöglichkeiten in petto hat. Der Experte riet übrigens nicht zum gänzlichen Genuss-Verzicht, sondern zu mehr Qualität statt Quantität – also lieber die längste Praline der Welt nach dem Abendmahl als das hausbackene Hanuta zum Dessert. Den Plan habe ich direkt umgesetzt, als ich vorhin zur Jagd bei REWE aufgebrochen bin. Auch gut. 

29.01.2018


Ist Empathie weiblich?

Nicht, dass ihr denkt, es passiert gerade nichts. Im Gegenteil! Doch ich muss noch ein wenig Gras über einiges wachsen lassen, bevor ich den Erlebnissen erlaube, vom Licht der Öffentlichkeit beschienen zu werden. Die Diskretion zu wahren, trotz meiner Mitteilungsfreude, ist manchmal eine echte Herausforderung. Über was ich also zu schreiben gedenke, ist das obige Thema und die Frage, ob Empathie weiblich ist.

Wie ich darauf komme: Ich habe in den letzten Monaten intensiver wahrgenommen, dass Männer vieles mit sich selbst ausmachen und auch die Dinge, die andere (meist sind das Frauen) tangieren, mit „inneren Dialogen oder Deals“ abhandeln. So kann es also passieren, dass ein Mann in Anbetracht einer Handlung völlig mit sich im Reinen ist, wohingegen die Lebensabschnittsgefährtin oder Angetraute abgeht wie eine Rakete. Zum Beispiel, weil sie weder verbal gefragt, noch mental einbezogen wurde. Kommt es dann, weil es der Teufel oder die Arglosigkeit so will, in kürzerer Zeit öfter zu explosiven Begegnungen, neigt der vom Wandeln über das beziehungstechnische Tretminenfeld bereits ziemlich irritierte, wenn nicht gar verschreckte Mann dazu, über sein nächstes Projekt Stillschweigen zu bewahren. Wehe, wenn die Herzensdame Lunte riecht – der Kamm schwillt, der Busen wogt und Kim Jong-un ist vergleichsweise niedlich!

Interessant dabei ist, dass meist keinerlei böse Absicht hinter den (verschwiegenen) Handlungen wohnt. Es ist eher völlige Bedenkenlosigkeit. Oder, in anderen Worten, auch mangelnde Empathie.

Empathie beschreibt das Einfühlungsvermögen und das Mitgefühl eines Menschen. Auf der kognitiven Ebene bedeutet das, die Fähigkeit zu besitzen, herausfinden oder vorwegdenken zu können, wie ein anderer etwas wahrnimmt und wie es demjenigen dabei geht. Auf der emotionalen Ebene ist von Empathie die Rede, wenn man selbst zu Tränen gerührt ist, weil ein anderer traurig ist oder gleichermaßen fuchsig wird, wenn jemand von einem Wut-Erlebnis berichtet – die Gefühle übertragen sich, was übrigens im Coaching-Prozess ein wichtiges Werkzeug ist: Das Nachfühlenkönnen ist oft wichtiger als das logische Durchdringen- und Nachvollziehenkönnen.

Wenn also ein Kerl seiner Liebsten einen Zweitfernseher zu Weihnachten schenkt, damit er am Hauptfernseher ungestörter Fußball gucken kann oder nicht ein, sondern für das heimische Büro gleich mehrere Arbeitswerkzeuge – wie würdet ihr das finden? Wenn ein Göttergatte seinem etwas dralleren Engelchen eine transparente Bluse Größe M schenkt (die womöglich gepasst hätte vor 20 Jahren) – alles cool? Wenn Mann heimlich Pornos ansieht und Frau das merkt – Hauptsache, er ist beschäftigt? Wenn jemand, der in zweiter Ehe mit seiner neuen Frau lebt, im Zweifelsfall auf Rufe aus dem alten Leben sofort pariert, teils ohne die Zweitfrau einzubeziehen – erstmal noch ein paar Jahre atmen?

Gute Gründe hat das fraglos alles. Aber bemerkenswert ist, dass Empathie umso entwickelter in einem Menschen ist, je näher dieser selbst seinen Gefühlen kommen kann. Heißt: Jemand, dessen eigener „Innenfühler“ sich selten regt oder auch verkümmert ist (weil er wenig benutzt wurde), kann sich schlecht in die emotionale Verfassung seines Gegenübers versetzen. Er hat quasi keinen Schimmer, was er durch sein Verhalten bei einer anderen Person auslöst oder auch anrichtet.

Ist Empathie also deshalb eher weiblich, weil wir von Natur aus auf Harmonie, Mediation, Rücksichtnahme, Einbezug aller gepolt sind und weil es für Frauen eher „normal“ als ungewöhnlich ist, über die eigenen Gefühle zu reflektieren und zu sprechen? Vermutlich! Der männliche Deal lautet: Ich meine es nicht böse, ich tue ihr damit nichts an, ich nehme ihr damit nichts weg, also passt es. 0-1-Denken. Wen wundert es da noch, dass die Zündschnüre der jeweils weiblichen Pendants kürzer werden und es immer schwieriger wird, sich zusammen auf sicherem Terrain zu bewegen.

Aber um jetzt nicht den Hass der Männer auf mich zu ziehen, sage ich noch etwas zu eurer (und meiner) Entschuldigung:

  1. Es gibt immer auch Ausnahmen von dieser möglichen Regel
  2. Ihr könnt Empathie lernen, wenn ihr eure Gefühlswelt als Teil von euch akzeptiert
  3. Wahre Anführer, solltet ihr als Chef euer Geld verdienen, sind auf Empathie angewiesen – sie macht ihnen die Menschenführung bedeutend leichter
  4. Der goldene Schlüssel zu den Herzen anderer, so auch zu euren Frauen, ist es, sich v o r irgendwelchen Taten, so auch vor Geschenken, mit dem Gedanken zu beschäftigen, welche Auswirkungen wohl zu erwarten (zu befürchten) sind
  5. Mit Empathie ist das Zusammenleben leichter – und für euch definitiv stress- und streitfreier

Außerdem kenne ich auch unempathische Frauen und einige davon leben sogar das Helfersyndrom in sozial anerkannter Weise aus, sind dabei jedoch nicht etwa von Mitgefühl beflügelt, sondern laben sich an der Selbsterhöhung durch die Unterstützung Bedürftiger. Ich will das alles nicht bewerten. Es i s t einfach so. Woher die neue Milde stammt? Mein innerer Kritiker hat es gerade schwer, das Neue Jahr ist noch jung und ich habe ihm einen guten Vorsatz als Maulsperre verpasst! Ich möchte einfach nur hinweisen auf die Vielfalt des (zwischen-) menschlichen Seins und euch vor Abgründen bewahren. Und mich. Also lasst uns denken u n d fühlen und nicht mit Steinen werfen, während wir selbst noch im Glashaus wachsen und gedeihen.

23.01.2018


Gesundes Neues Jahr?

Das wünsche ich euch, liebe LeserInnen. Und zwar von ganzem Herzen. Lasst es euch gut gehen in 2018, seid lieb zu euch und entrümpelt am besten gleich zu Beginn des Jahres eure ausgeleierten Glaubenssätze á la „Ich muss…“. Denn in Wahrheit müssen wir alle ziemlich wenig.

Wie wäre es denn stattdessen mit „Ich will…“? Gefällt mir deutlich besser und entschleunigt total, weil das Müssen Druck aufbaut. Außerdem hat dieses positivere Statement den Vorteil, dass ihr auch gleich überprüfen könnt, ob das Wollen im jeweiligen Kontext auch wirklich stimmt.

Falls ihr mir gerade nicht folgen könnt, erkläre ich euch jetzt den Hintergrund. Ich hatte eine wirklich feine Auszeit im Norden von Gran Canaria. Vor dem Abflug gab es nur noch „Ich muss…“-Sätze in meinem Hirn, gerne gefolgt vom Anhängsel „schnell“. Also war mein Tempo mal wieder dermaßen hoch, dass am Ende des Tages noch Zeit übrig blieb, um mich mental zu langweilen. Dabei war ich körperlich total erschöpft. In diesem Zustand zwischen Fisch und Fleisch durfte ich mich in Gelassenheit üben, während durch die Insolvenz der Airline Niki bis wenige Stunden vor dem Urlaub nicht klar war, ob ich überhaupt, ab wo und wann ich fliegen werde. Im Zuge dieser Hängepartie habe ich meinen bewahrheiteten Albtraum durchlebt – Packen in zwei Stunden – um nach München zu düsen. Dort wurde der Flug dann am Gate endgültig storniert, dafür konnte ich meinen Mann erfolgreich deeskalieren und Uwe Ochsenknecht am Flughafen treffen. Statt mildes Lüftchen auf Gran Canaria war erst einmal Frösteln in Leipzig angesagt, weil der Flug dorthin verlegt und auf den Folgetag verschoben wurde. Wenn mir also noch irgendjemand etwas über Flexibilität als d a s Soft Skill unserer Zeit erzählen will – ich bin jetzt sicher, ich wäre nicht mit den Dinos ausgestorben, so anpassungsfähig wie ich bin.

Gran Canaria del Norte war friedlich und menschenarm, fischreich und windig. Beim Wandern habe ich außer Ziegen, urig-hässliche Dörfer und wundervolle Natur wenig gesehen, infolgedessen nichts zu meckern gehabt. Und jetzt?

Ich bin zurück. Mein Tempo hat sich zwischen den Jahren dermaßen reduziert, dass am Ende des Tages noch viele Aufgaben übrig bleiben. Dafür ist das „Ich will…“ sehr stark, „Ich muss…“ so gut wie getilgt. Was ich davon habe? Bestimmt einen niedrigeren Blutdruck, tagsüber ein Lächeln auf den Lippen und nächtliche Unruhe, weil ich vermutlich überschlafen bin. Außerdem bin ich extrem dankbar. Mir geht es nämlich saumäßig gut, während mich Verdachtsmomente auf Knochenkrebs, Hirntumor und Kreuzbandriss sowie mit Sicherheit Herpes am Auge und Anorexie im Bekanntenkreis umgeben.

Warum also nicht einfach still sein, andächtig, ob des großen Glücks, das sich Gesundheit nennt und den Alltag glücklich genießen. Ohne Wenn und Aber und müssen und schnell. Kontrollieren lässt sich das Leben sowieso nicht. Nur leben. Also los! Und wenn ihr euch gerade auf einem geistig ähnlich gekachelten Weg befindet, kann ich noch etwas zur Ergänzung empfehlen:

Sucht euch eine schöne Postkarte heraus, mit einem Motiv, das euch berührt oder/und einem Sinnspruch, der euch inspiriert. Schreibt euch selbst einen kleinen Brief mit den guten Wünschen für dieses Jahr. Legt die Karte neben euren PC oder auf euer Nachtkästchen – irgendwo hin, wo ihr sie täglich, vielleicht sogar mehrmals lesen könnt. Ich mache dieses Experiment und ich bin gespannt, ob sich meine neuen Glaubenssätze in 2018 bewahrheiten. Macht mir die Freude, euch den Spaß und einfach mal mit – für ein Neues Jahr in dem nur eines Vorschrift ist: euer Wohlbefinden.

09.01.2018


Völlig am Ende

Und zwar am Geschäftsjahresende. Zumindest ist es das für mich, denn ich fliege am Samstag nach Gran Canaria und falls mir dort nicht die Sonne auf den käseweißen Bauch scheinen mag, dann gehe ich halt wandern. Mir egal. Hauptsache weg. Obwohl…

…es ist halt wieder Montag. Und Montage – das mag ein Glaubenssatz sein – sind einfach gemeine Tage. Passt doch mal auf: In der Regel ist das Wetter am Montag entweder nach einem verregneten Wochenende so etwas von schön, dass man sich fragt, wer da oben uns quälen will. Oder Montage sind total trüb und neblig, verhangen wie die verschlafene Stimmung, die man davonträgt, wenn man am Wochenende endlich mal länger geschlafen und öfter wenig getan hat als üblich.

Vielleicht können es mir Montage auch nie richtig recht machen. Genau wie die Menschen, die mir am Montagmorgen begegnen. Im heutigen Falle – ich „bewaffnet“ mit Deutschem Doggenfreund Lemmy samt Leine in der linken Hand und Regenschirm in der rechten (wer jetzt mitgezählt hat, weiß, dass ich alle Hände voll zu tun hatte) – werde auf dem ohnehin schmalen Gehsteig mit einem Rad fahrenden Kind um die zwölf Jahre konfrontiert. Nein, wir konnten so schnell nicht auf die Straße rennen, da fuhren Autos. Das Riesenbaby mit dem starren Blick hat aber auch nicht daran gedacht, kurz mal eben abzusteigen. Es gab also einen Beinahe-Crash und mir fehlten die Worte, sonst wäre ich gerne noch die ein oder andere Botschaft losgeworden.

Zweihundert Meter später – Lemmy und ich drücken uns an den linken Straßenrand, weil der Bürgersteig fehlt – kommt uns eine Spätpubertierende mit Langhaar entgegengeweht. Sie weicht nicht aus und ich kann nicht ausweichen. Sie bleibt in der imaginären Spur. Ich plärre sie an: „Weich´ halt bitte ein paar Millimeter aus!“ Sie schaut grimmig und ich verstehe, sie hat keinen Bock auf Umwelt. Stöpsel im Ohr.

Ich frage mich sowieso, warum früh um 7.50 Uhr nicht mehr in Uttenreuth passiert. Horden von Schülern radeln ins Emil-von-Behring-Gymnasium, in der Regel in Viererreihen á la „uns gehört die Welt“. Wenn du nicht rechtzeitig Wind von denen kriegst (falls du beispielsweise selbst Stöpsel im Ohr hast oder/und ein Mann bist, von denen ich ja eh denke, sie leben mehr „in sich“ als gesund ist), kannst du mal sehen, wie du den Stunt in die Böschung hinkriegst. Wenn´s blöd läuft noch mit hüfthoher Dogge unter´m Arm.

Montag eben. Patschnass zwischenzeitlich und länger bereits latent genervt von meinem dysfunktionalen Fuß, ging ich zur Osteopathin. Dort nahm ich all meinen Mut zusammen und erzählte ihr von meinem mysteriösen Bauchgefühl: Ich habe tatsächlich den Eindruck, jedes Mal, wenn ich vom Yoga komme, ereilt mich eine neue Bewegungseinschränkung. Die letzte war wirklich massiv und weil ich mir mit meiner Meinung „Yoga hasst mich“ langsam verrückt vorkomme, habe ich es öffentlichkeitswirksam erst einmal auf´s Schneeschippen geschoben. Die Osteopathin lauschte meinen leicht paranoid wirkenden Schilderungen und beschloss meine Rede im inbrünstigen Überzeugungston: „Na, klar kann das sein. Eine Freundin von mir sagt dasselbe. Sie behauptet sogar, sich die Achillessehne bei Yoga gerissen zu haben. Gehen Sie da doch nicht mehr hin!“ O.k. Blödes Yoga wäre heute Abend auch wieder. Wie immer am Montag.

Dazwischen steht noch etwas ganz arg Trauriges. Eine Beerdigung. Also stopp jetzt. Lass es einfach gut sein für dieses Jahr, Andrea. Mach´ mal ´nen Punkt.

Trotz etwa 53 Montagen war das Jahr – auf gut Fränkisch gesagt – gar nicht so schlecht. Es war ein passables Jahr. Gesundheitlich. Gesellschaftlich. Beruflich. Beziehungstechnisch. Hätte alles schlimmer sein können. Manches aber auch einen Deut besser. Ich werde die Tage zwischen den Jahren in jedem Falle dazu nutzen, eine Bestandsaufnahme zu machen und mir im Detail zu überlegen,

…, was alles mich glücklich gemacht hat?
…, was mir gut gelungen ist?
…, wofür ich dankbar sein darf?
…, was ich in 2018 so lassen möchte, wie es war?
…, was ich in 2018 verändern möchte?
…, welches Motto mein 2018 haben wird.

Und ich werde mir, wie jedes Jahr, wieder eine Collage basteln und mich visuell einstimmen auf 365 Tage Leben. Die Collagen hängen dann immer neben meinem Schreibtisch und erinnern mich an das Gedankengut zum Jahreswechsel. Im letzten Bildersammelsurium steht etwas von Gelassenheit und dass ich es locker nehmen soll. Das sollte ich vielleicht noch ein wenig üben. Wohingegen Shopping schon recht gut geglückt ist. In jedem Falle nehme ich mir vor, weniger streng mit mir sein, vielleicht bin ich dann anderen Menschen gegenüber auch milder. Irgendwann.

In diesem Sinne: Ihr seid nicht da, um perfekt zu sein. Ihr seid da, um hier zu sein. Ich wünsche euch eine geruhsame Jahresendzeit und freue mich auf den Januar mit euch und neuen Geschichten.

13.12.2017


Zieht euch warm an!

Wundert ihr euch auch manchmal über einen Mangel an Empathie? Ich mich schon! Es gibt sogar Menschen in meinem Leben, die sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ich sicher bin, ich könnte via What´s App schreiben „bin gestern gestorben“ und es käme nichts zurück. Nein, ich nehme das nicht persönlich. Sondern eher als beschränkt.

Mit beschränkt meine ich die fehlende Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Auch das ist nicht gegen andere Menschen gerichtet, davon bin ich überzeugt. Vielmehr ist es entweder ein ausgeprägter Fokus auf die eigenen Belange (z. B. Familie, Kinder) oder schlichtweg ein Kraftmangel, der die Erkenntnis verhindert, dass es da draußen ja auch noch andere und anderes gibt.

Um es konkreter zu machen und damit ihr euch besser vorstellen könnt, von was ich rede: Neulich erzähle ich, dass es mich momentan ziemlich erschöpft, wenn ich zu viel auf der Autobahn unterwegs und dort ständig mit irgendwelchen Verkehrsbehinderungen konfrontiert bin. Mal sind es umgekippte LKWs, mal ineinander verkeilte PKWs, mal einfach Baustellen. Schön ist nichts davon. Unfälle erschrecken mich. Baustellen nerven mich. Jedenfalls ist mein „eigentlicher“ Job, das Seminaregeben, vergleichsweise ein Kinderspiel, das ich zudem liebe. Mein Gegenüber kontert: „Ja, was meinst du, wie es mir früher immer ging? Ich bin manchmal an einem Tag nach Norddeutschland (also rund 800 km einfach) und zurück gefahren!“ Ja, Wahnsinn. Da kann ich wohl einpacken.

Eine Freundin von mir hat gerade intensive familiäre Probleme. Ich nehme Anteil, bereits seit Wochen. Da fällt mir auf, dass sie niemals, und das ist wirklich wahr, auch nur ein Wort an mich richtet, geschweige denn auf das reagiert, was ich über mich erzähle. Sogar auf die Adventsgrüße kommt nur eine Info darüber, was sie heute mit ihrer Familie zu tun gedenkt.

Einer anderen Freundin steht eine OP bevor. Ich fühle mit. Grausig, aber geht nicht anders. Unsere gemeinsame Erfahrung ist eine gemeinsame Bekannte, die sowohl zu meinem Befinden neulich, als auch zur OP jetzt lediglich einen Kommentar á la „Augen zu und durch!“ von sich zu geben vermag.

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer mehr Empathie, also Einfühlungsvermögen und Mitgefühl abverlangen – sie fordern viel Verständnis für sich, sind aber im gleichen Zuge nicht in der Lage zu signalisieren, dass sie auch die „andere Seite“ im Blick haben, sich mitfreuen, mitleiden können oder einfach nur Interesse am anderen Leben haben. Völlig wertneutral, also ohne gleich in die Be-, Auf- oder Abwertung zu gehen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Empathie ist eine Eigenschaft, die uns Herdentieren von Geburt an zur Verfügung steht. Alles andere ist asozial und in der Regel einhergehend mit Hirnschädigungen oder Störungsbildern wie etwa Autismus. Beim gesunden Menschen zeugt ein Mangel an Empathie, der wie emotionale Kälte rüberkommt, davon, dass dieser Mensch zu sehr mit sich beschäftigt ist. Er schippert nur in eigenen Gewässern, vielleicht begrenzt vom wolkenverhangenen persönlichen Horizont und dümpelt womöglich sozial verarmt irgendwann mutterseelenalleine vor sich hin – vielleicht auch jetzt schon und wundert sich dabei über die böse Welt.

Zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften funktionieren anderes. Wertschätzend. Gebend und nehmend. Deshalb lasst euch nicht entmutigen, sondern bleibt herzlich und voller Mitgefühl, auch wenn ihr punktuell vergleichsweise wenig dafür bekommt. Und zieht euch sicherheitshalber warm an!

06.12.2017


Oh, du fröhliche

Von wegen. Das wird ein bissiger Text. Aber so etwas muss auch mal sein dürfen. Denn ich bin gerade auf 180. Dabei hat der Tag so behaglich begonnen. Nahezu bemerkenswert nett. Am Ende bin ich dann doch wieder am Ende und die süßen Glocken können gern wem anders läuten.

Heute Morgen war ich joggen und wie meine Leser wissen, ist das ganz alltäglich für mich. Völlig unnormal, wenn nicht sogar irritierend fand ich es, dass mich – wie immer gekleidet in dunklen Fetzen, die sich höchstens noch zum Laufen bei Nacht und Nebel eignen – dauernd Leute grüßten. Das hat mich gefreut, zumal ich das Grüßen von Gassigehern, Bushaltestellenstehern und Radlern so gut wie aufgegeben hatte, weil selten was zurückkommt. Heute aber alles anders als sonst. Vielleicht stimmt das vorweihnachtliche Flair, das bereits im saukalten Morgenniesel liegt, schaurig illuminiert von LED-Rentierformationen in den Vorgärten, die Menschen ja mal milde.

Als nächstes bin ich in ein lokales Versicherungsbüro. Dort habe ich mich wohl und willkommen gefühlt. Die Vertreterin tickt wie ich! Sie ist vor allem wahnsinnig schnell – ich hatte das KFZ-Angebot innerhalb einer Stunde und schon tags drauf einen Termin – und darüber hinaus liebt sie Pferde (ich kam in Reitklamotten). Das habe ich ihr natürlich rückgemeldet, dass ich ihr Tempo zu schätzen weiß, woraufhin sie mit mir gemeinsam einen Schmähgesang über die immer üppiger werdende Servicewüste um uns herum anstimmte. Ich glaube, wir könnten Freundinnen werden. Anschließend war mein Pferd brav, meine Reitfreundin allerdings wild – was so gar nicht ihre Art ist. Sie sagte, sie habe zuerst zu viel um die Ohren gehabt im Job, jetzt die Schnauze voll (ihre Interpretation der Ohrenentzündung, gefolgt vom Schnupfen jetzt). Sie warf ihrer Stute noch eine letzte Entschuldigung zu und stapfte missmutig von dannen.

Als ich nach dem Duschen ins Büro fuhr, ahnte ich schon, was mir bald blühen sollte: wieder einmal 10 km Stau auf der Autobahn, natürlich in die Richtung, in die ich wenig später musste. Zur Entstressung informierte ich schon einmal meine Ansprechpartner in der zu becoachenden Firma und kündigte eine noch nicht absehbare Verspätung an. Ich brauchte 75 Minuten, um nach Nürnberg Süd zu gelangen, nach dem Setting 90 Minuten bis nach Hause. In der Zwischenzeit habe ich so wenig wie möglich getrunken, um nicht ständig zu müssen und dem Zahnschmerz bedingten Impuls, eine Schmerztablette zu nehmen, widerstanden. Dafür habe ich etwa zehn Mal versucht, meine Zahnärztin zu erreichen – Zeit hatte ich ja im Stau genügend -, die mir mitteilte, vor Weihnachten würde ein Termin schwierig. Sie ließ sich dann aber doch erweichen, sie ist immer kooperativ, wenn ich anrufe. Dafür zeigte sich die Straßenführung völlig unflexibel, denn die Autobahnauffahrt Mögeldorf gibt es momentan leider nicht mehr, weswegen sich gefühlte Milliarden Lichter im Schmalspurverfahren über eine selbstverständlich mit Ampel ausgestattete Umleitung schlängeln. Dann, endlich auf der Autobahn, musste ich doch noch und hielt kurz an. Ich fühlte mich so, wie ich mich sonst fühle, wenn ich im Berufsverkehr nach München und zurück gefahren bin, nur dass das Honorar für einen zweistündigen Coachingtermin da freilich nicht mithalten kann.

Endlich im heimischen Nest angekommen, sondiere ich ein jüngst eingetroffenes Päckchen vom Heine-Versand. Ich freue mich verhalten, weil ich einfach zu erschöpft bin. Ich öffne das Paket und die Sicherungen brennen durch: der für meine Mama zu Weihnachten gedachte Pullover in Größe 38 passt – sofern das putzlappenähnliche Material den Schlupf über Kopf überleben sollte – maximal einem dreijährigen Kind. Für 39,90 € eine wahre Abzocke. Bevor ich meinen Mann anherrsche, der ja auch nichts dafür kann, wähle ich die Service-Hotline und warne die wenig Deutsch sprechende Dame am anderen Ende der Leitung sicherheitshalber im Vorfeld, dass sie das, was ich gleich von mir geben werde, nicht persönlich nehmen soll. Ich erspare euch die Einzelheiten, die Fachabteilung wird sich jetzt um mich kümmern. Wenigstens was. Ich bin gut aufgehoben am Ende dieses Tages. Nach „oh, du fröhliche“ ist mir noch immer nicht und das Fernsehprogramm, das seit September nur noch aus missglückten Sondierungsgesprächsberichten und Groko-Schlangenlinien-Kurs, gefolgt von völlig verblödeten Raketenabschüssen aus Nordkorea und einem jetzt auch noch austickenden Vulkan auf Bali besteht, wird meine Stimmung auch nicht heben. Wenn ich das Alkoholtrinken nicht schon vor Jahren aufgegeben hätte, würde ich jetzt aber ganz bestimmt einen heben. Unvermeidlich also, was ich getan habe. Einen Blog schreiben. Und ihr müsst da jetzt durch. Es wird auch wieder besser, versprochen.

30.11.2017


Lernen für´s Leben

Letztes Wochenende hatten wir ein Klassentreffen. Wir, das ist die Mädchenklasse des musischen Gymnasiums, Abi-Jahrgang 1988. Und, ja, es war schön. Wir begegneten uns freundlich und zugewandt und ehrlich und echt. Und wir stellten fest: Wir haben in unseren gemeinsamen damals noch neun Jahren für´s Leben gelernt.

Leider handelt es sich bei den Weisheiten, die wir auf dem Gymnasium erworben haben, nicht ausschließlich um schlaue Sachen – also um Erkenntnisse, die uns förderlich waren oder sind. Nebst der Tatsache, dass ich noch heute nicht weiß, wozu der gemeine Mitteleuropäer des zwischenzeitlich 21. Jahrhunderts sich der nirgendwo mehr in Anwendung befindlichen Fremdsprache Latein nähern sollte – es sei denn, er will altrömische Grabinschriften entziffern, wie es mein Vater einst hoffnungsfroh von mir verlangte (erfolglos!) –, haben sich auch Botschaften und Bilder in den Erinnerungen festgefräst, auf die wir gerne verzichtet hätten. Doch wir hatten ja keine Wahl. Wir wurden in einer Zeit gebildet, als Autoritätenhörigkeit seitens der Eltern noch völlig normal und ein strenger, züchtigender Umgangston der Lehrer unbestrittener Bestandteil pädagogischen Wirkens waren. Hat es uns geschadet?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Wir verlassen und in die individuellen Auswirkungen dieser Einwirkungen, die tagtäglich zur schulischen Realität gehörten, eintauchen. Tatsächlich kamen bei unserem Klassentreffen Szenen und Statements auf den Tisch, die unappetitlich, wenn nicht sogar zum Kotzen waren. Eine ehemalige Mitschülerin erzählte von einem uns gut bekannten Lehrer, der ihr wohl wiederholt die Aussage mitgab „aus dir wird nie etwas“. Eine Prophezeiung, sofern die Eltern in ein ähnliches Horn geblasen haben. Eine andere berichtete, dass sie zeit schulischen Lebens – aufgrund ihrer eher mittelmäßigen Noten – in der „Loser“-Schublade steckte und unter der vermeintlichen Ausweglosigkeit ihres Images (ich sage nur: Self-Fulfilling-Prophecy!) fortwährend litt. Viele waren sich einig, dass unsere Schulzeit keine schöne Zeit war, sondern, dass wir alle extrem auf Leistung und Durchhalten getrimmt waren und dabei nie gefragt wurden, wie es uns emotional erging.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass auch mir solche Erlebnisse in den Sinn kamen – schikanöse und kein Widerwort duldende, auf gnadenlose Unterordnung pochende Begegnungen im Unterricht. Doch in mir wurde offenbar ein anderer Schalter umgelegt. Ich habe mir gedacht, und das weiß ich noch ziemlich genau: „Dir zeige ich´s!“ Und nach einer akuten Versetzungsgefährdung in Latein und Physik habe ich selbstbestimmt begriffen (gut, mein Vater saß mir auch im Nacken und es hagelte Verbote ohne Ende), dass ich mir die sämtlichen Repressalien nur vom Hals halten konnte, indem ich gehörig Gas gab. Bis zum Abitur habe ich mich dann auf eine 1,8 hochgearbeitet. Lehrern fehlte somit die Angriffsfläche und Eltern fehlten die Argumente für häusliche Restriktionen.

Ich habe daraus gelernt, dass ich gute Leistung liefern kann, wann immer es für mich Profit verspricht und ich traue mich bis heute – die Lust darauf vorausgesetzt – auch an Herausforderungen heran, bei denen mir Erfahrung fehlt. Dieses Selbstvertrauen und Wissen um mein Können hat mich dahin gebracht, wo ich heute stehe. Die Kehrseite der Medaille ist, dass genau hier mein Burnout-Muster „Leistung = Anerkennung“ entstand. Andere aber haben in der gleichen Zeit und mit den gleichen Pädagogen den Glauben an sich verloren und es gab Geschichten von therapeutischen Interventionen im Hier und Heute, mit denen die Päckchen von gestern hoffentlich bald bewältigt sind.

Was lernen wir daraus? Junge Menschen suchen Orientierung und diejenigen, die Orientierung bieten können, Eltern wie Lehrer, sollten sich dieser prägenden Lebensjahre und ihres Einflusses darauf bewusst sein. Die Zeiten haben sich geändert, aber nicht unbedingt zum Glück. Denn heute stellen Eltern Erziehungsbeauftragte in Kigas und Schulen in Frage, übernehmen oft zu wenig Verantwortung für den eigenen Erziehungsauftrag und die Zöglinge selbst dürfen schalten, walten und sich entfalten wie beliebt. Auch diese extreme Anderswelt richtet Schäden an in puncto Sozialisierung (vs. Egomania), Selbstwert und Realitätsbezug.

Wie so oft, könnte es auch hier die gelungene Mischung aus Grenzen und Möglichkeiten, Regeln und Freiheit, erlösend sein. Genau diese goldene Mitte hinzukriegen, ist aber gar nicht so einfach. Und war es noch nie: Jede Generation prägt die danach. Deshalb werden Schlüsselkinder zu Helikoptereltern und die auf Selbstentfaltung getrimmte Generation Y züchtet womöglich Nachkommen, die zum Arbeiten nicht mehr bestimmt ist. Blöd nur, wenn das Geld der Familie irgendwann verbraten ist. Dann werden wieder Sicherheiten gesucht, die durch Leistung erreichbar sind und der Vermögensaufbau beginnt von vorne.

Schon Bismarck, seines Zeichens erster Reichskanzler, sprach die ziemlich weisen Worte: Die erste Generation verdient das Geld, die zweite verwaltet das Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt vollends. Das war im 19. Jahrhundert. Also hatten wir nur „Pech“ als auf Sicherheit und Leistung geeichte zweite Generation und tragen wir unsere gewonnenen Ressourcen mit Stolz zur Schau. Denn die kann uns keiner nehmen. Und das ist doch auch was, oder? Viele aus unserer Klasse haben übrigens selbst Pädagogik studiert und machen es heute bestimmt besser.

23.11.2017


Kampf dem Katastrophenhirn

Im Moment läuft im Grunde alles. Ich sollte mich wirklich nicht beklagen. Und doch habe ich oft ein Unbehagen. In beruflichen Belangen komme ich mir immer mal vor wie die Prinzessin auf der Erbse. Als ob ich gebettet wäre und doch liege ich nicht ganz bequem.

Ich kann euch ein paar Beispiele nennen: Ich absolviere einen Workshop in der fränkischen Pampa. Hin und zurück sind es gut drei Stunden Fahrt. Ich stehe an einem solchen Tag oft schon um vier Uhr auf, damit ich ganz sicher frühzeitig weg- und rechtzeitig ankomme. Ich fahre gegen den Strom aus Lichtern und gegen den Regen an, sehe so gut wie nichts in der Dunkelheit. Selbstverständlich bin ich so bald vor Ort, dass ich noch die mitgebrachte Technik in Gang setze. Ich laufe zu Höchstform auf und gebe von 8.30 h bis um 16 h ordentlich Gas. Alle scheinen glücklich und zufrieden. Ich bin es auch. Einige Tage später erhalte ich einen Anruf. Es geht um die gestellte Rechnung. Ich habe – wie immer – die Mehrwertsteuer auf das vereinbarte Honorar berechnet. Die Entscheiderin vor Ort hatte das im Angebot überlesen. Ich will nicht verhandeln, sondern lieber im Gespräch bleiben. Ich korrigiere mein Honorar natürlich nach unten. Ich spüre, wie unangenehm der Ansprechpartnerin das Thema ist. Ich bleibe locker und zugewandt und dennoch habe ich den letzten Eindruck, dass ich dort nie wieder einen Auftrag bekommen werde.

Nächstes Beispiel. Ein Team wird von mir in wenigen Settings durch eine schwierige Veränderung begleitet. Einige sind willig und arbeiten hoffnungsfroh gen Zukunft. Andere sind widerwillig, so ist das eben und oft, wenn es um fremdbestimmten Change geht. Als ich in der einen Gruppe um Freiwillige für Projekte bitte, meldet sich stellenweise niemand. Ich baue Druck auf, denn wenn keiner bereit ist, etwas zu tun, braucht sich auch hinterher niemand beschweren, dass sich nichts tut. So werden also einige gefundene Ideen gestrichen, weil sich niemand kümmern mag. Vor dem zweiten Setting gibt mir die Leitung das Feedback, der Gruppe sei der Druck unangenehm gewesen. Ich frage, wie ich diese Botschaft nun werten, was ich daraus schließen soll. Es heißt, sie wollte es mir nur sagen. Mich beschleicht das Gefühl, in dem ich mich öfter befinde: eine Patt-Situation. Arbeite ich unverbindlich, heißt es, das Coaching habe nichts gebracht. Arbeite ich verbindlich, werde ich als dominant empfunden. Obwohl mir ebenfalls rückgemeldet wird, die Lage habe sich zum Positiven entwickelt, denke ich wieder, dass ich dort nie wieder einen Auftrag bekommen werde.

So etwas passiert mir oft und insbesondere im letztgenannten Kontext Team-Coaching. Ich vermute, die Menschen können mit disharmonischen Stimmungslagen nicht so gut umgehen. Ich kann es. Am Ende habe ich mit dem menschlichen Katastrophengedächtnis zu tun. Unser Hirn ist darauf geeicht, uns davor zu bewahren, den gleichen Fehler – etwa den Griff auf die heiße Herdplatte – zweimal zu machen. Deshalb werden im unreflektierten Falle unangenehme Erlebnisse stärker bewertet als positive. Und so wird der letzte Eindruck zum bleibenden Eindruck. Am Ende zählt also die Erbse und nicht die gesamte Matratze, zumal, wenn man das Team dann auch noch befragt, wie das Setting gefallen hat (was in diesem Zusammenhang ehrlich irrelevant ist, es handelt sich schließlich nicht um einen Wellness-Workshop – oder doch? Bin ich vielleicht falsch informiert?).

Bleibt die Frage, wer führt. Und wer führt, hat im Zweifelsfall schuld. Na, dann bin ich eben die mit dem schwarzen Peter. Was soll ich auch machen, außer Beweg- und Hintergründe zu kommunizieren und meine positiven Absichten bekunden? Mit dem Katastrophenhirn anderer dealen – das ist eine diffizile Angelegenheit und eine Herausforderung, bei der meinem Einfluss Grenzen gesetzt sind. Mal sehen, was ich mitnehmen kann aus diesen Päckchen… nebst der Erkenntnis, dass Entwicklungsarbeit immer ein Stück weit schmerzlich ist. Auch für mich, aber ich werde ja dafür bezahlt.

07.11.2017


Achtsam aggressiv

Wer meinen Blog ab und an liest, der weiß, dass ich daran arbeite, ein guter Mensch zu sein oder noch mehr zu werden. Wie oft habe ich darüber geschrieben, dass mein „innerer Kritiker“ zu oft den Mund aufmacht und wie oft bin ich schon mit ihm ins Gespräch gegangen? Unzählige Male! Jetzt hat er mal wieder die Schnauze voll. Und ich kann es ihm nicht verübeln.

Dabei betrifft es mich gar nicht immer selbst, worüber er sich so aufregt. Manchmal bin ich nur Zeuge und er könnte aus der Haut fahren. Da bin ich ja schon fast froh, dass ich heute Morgen auf dem Weg zum Reitstall von einem älteren Mann aktiv bedrängt werde. Da sind mein innerer Kritiker und ich wenigstens mal einer Meinung. Das Auto des Seniors hinter mir wirkt wie eine Verlängerung meines eigenen Fahrzeugs, also fahre ich vorübergehend quasi eine XXL-Limo und ich kann seinen genervten Gesichtsausdruck im Nacken spüren. Dabei halte ich mich nur an die Geschwindigkeitsbeschränkung. Danke an dieser Stelle noch einmal für den Punkt, den ich neulich bekommen habe. Warum kommen bitte solche Leute immer ungeschoren davon? Jedenfalls bin ich angespannt und flüchte, in dem ich den Blinker setze, hoffe, dass er es merkt, und kurz auf einen Feldweg einschere, um ihn passieren zu lassen. Na, der Tag fängt ja schon gut an, denke ich mir und mein Kritiker schnaubt, als ich beschließe, dem unachtsamen Fahrer nicht zu folgen, um ihn zur Rede zu stellen. Ich will einfach völlig achtsam meine Ruhe.

Als nächstes flippt mein Pferd aus. Unvorhergesehen gerät es in Panik, weil die nun schon tiefer stehende Sonne den Schatten vor uns auf den Weg wirft. Wohlgemerkt: unseren eigenen. Doch das ist ihr egal. Sie scheut und die Augäpfel treten aus den Höhlen, während ich verzweifelt das Umfeld sondiere – auf der Suche nach möglichen Auslösern in Form von Schafen, Kühen, Traktoren, Aliens, Gespenstern, wobei ich auch die unsichtbare Präsenz von Elfen und Feen in meiner Not nicht ausschließe. Mit zitternden Knien versuche ich den Abstieg und das Tier beruhigt sich, um später an einer völlig anderen Stelle den gleichen Zirkus noch einmal aufzuführen. Ich denke und denke und das mit dem Schatten ist das einzige, was die beiden Situationen verbindet. Also werde ich bis auf weiteres nicht mehr um 10 Uhr vormittags an einem wolkenlosen Tag gen Nordosten reiten. Jedenfalls bin ich geladen und mein innerer Kritiker zeigt dem Vieh völlig zu Recht den Vogel.

Meine Friseurin erzählt mir, dass sie aus Gründen der Gesundheitsprävention vorübergehend kürzer treten will und ich kann sie – samt innerem Kritiker – völlig verstehen. Während wir uns unterhalten, kommt ein Mann mit seiner lang behaarten Tochter herein und fragt, ob die Mähne kurz gekürzt werden könne. Als nächstes sagt er, dass er jetzt wegmüsse, um in 20 Minuten zurückzukehren. Meine Friseurin atmet tief und ich einfach mit. Wir sehen uns an und wissen, dass der Stressor vor lauter Stress gar nicht gemerkt hat, wie sehr er Druck auf andere ausübt. Wir beschwichtigen uns gegenseitig und deeskalieren, in dem wir uns gegenseitig versichern, der Mann habe nicht in böser Absicht, sondern schlicht unachtsam gehandelt. Kurzum: er hatte keine Ahnung von seiner Wirkung. Mein innerer Kritiker sah hellrot.

Tiefrot wurde es, als eine meiner Nachbarinnen erzählte, ihr Lebensgefährte, unter der Woche weit weg arbeitend, habe ihr einfach seinen Hund aufs Auge gedrückt. Die Frau ist mittlerweile fix und fertig, sichtbar, und auch körperlich am Ende, voller Stresssymptome und Schmerzen, weil sie weder in Ruhe arbeiten, noch ihren Feierabend mit den Katzen verbringen kann. Auch ihren Nebenjob hat sie wegen des Hundes aufgegeben. Der Mann könnte einfach in die Verantwortung gehen. Macht er aber nicht. Lieber ist er nämlich sauer, weil sie von ihm Verantwortung fordert. Somit wird sie zum Täter und er ist das arme Opfer. Ich glaube, ich spinne.

Gerade schweigt mein innerer Kritiker übrigens. Vermutlich ist er erschöpft. Kann ich total nachvollziehen. Wenigstens ist er achtsam mit sich und hält die Klappe, wenn ihm nichts mehr einfällt.

25.10.2017


Woran sollen wir uns festhalten?

Diese Frage taucht derzeit wieder einmal gehäuft in meinem Leben auf. Bei mir, bei einigen Klienten, bei Freunden und sogar beim Friseur werde ich mit der Haltlosigkeit der Menschen beschäftigt. Im Fernsehen laufen nur noch Psychodramen. Die Vögel ziehen weg. Es wird immer früher dunkel und den ersten überfahrenen Igel habe ich heute auch schon gesehen.

Also: Woran sollen wir uns festhalten? Ist es der Job – dann laufen wir kollektiv Gefahr, an Burnout zu erkranken. Meiner Meinung nach. Denn wer den Sinn des Seins einzig aus dieser Halt gebenden Lebenssäule bezieht, der ist schwer anfällig für Störungen in dieser Säule. Ob dies nun der neue Chef ist, der nichts von deiner Hingabe weiß, die übergestülpte Umstrukturierung oder einfach die Tatsache, dass sich alles ständig verändert und sich das Blatt nicht immer nur zum Guten wendet, ist ganz egal. All das könnte uns über die Maßen erschüttern, wenn wir den Halt aus der Arbeit beziehen.

Ist es die Beziehung? Nun, Beziehungen verändern sich auch. Und das Weltbild, das du gerade von deiner Partnerschaft hast, kann sich dramatisch erneuern, wenn du beispielsweise erfährst, dass dein geliebter Gefährte ein Eigenleben führt, von dem du nichts ahntest.

Ist es die Familie? Stirbt schlimmstenfalls früher oder hoffentlich später weg. Genauso wie die Tiere, die du hast und mit denen du deine freie Zeit verbringst.

Freunde? Haben ihr eigenes Leben, sind meist gestresst und haben ihre eigenen Sorgen und Nöte. Sie sind auch nicht da, um dir Halt zu geben.

Die Frage nach dem Halt stellen sich, das habe ich diese Woche herausgefunden, Menschen in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen und -konstellationen. Alter und Partnerschaft scheinen dabei keine Rolle zu spielen. Was ich aber auch erfahre, wenn ich mich so umsehe und -höre ist, dass die Suche nach Halt überwiegend diejenigen betrifft, die überhaupt die Zeit haben, sie sich zu stellen. Stress im Sinne von Taktung scheint vor Haltlosigkeit zu schützen, taugt allerdings nicht, um gesund zu bleiben, weil dauerhafte Überforderung, eine Art Wettlauf mit den täglich 24 verfügbaren Stunden, bekanntermaßen zu körperlich-seelischer Erschöpfung führen kann. Und wenn ich nun die Wahl habe, an Burnout zu erkranken, weil ich die Arbeitssäule als einzig sinnhafte erachte oder eine Depression zu entwickeln, weil ich zu viel Leere spüre, nehme ich dann Pest oder Cholera in Kauf? Ich wähle die Pest und so lange es irgend geht, versuche ich anderen Menschen die Hoffnung zu geben, dass sich das mit der Haltlosigkeit schon legen wird.

Bis dahin könnte man sich auch einfach darauf beschränken, den Tag zu leben, von früh bis spät. Da gibt es schließlich immer etwas zu tun. Aufstehen beispielsweise. Atmen. Dein Spiegelbild aufmunternd anlächeln. Dich hübsch anziehen. Anderen Gutes tun. Dich an der Natur erfreuen. Ein Liedchen anstimmen. Oder bewusst schweigen. Sport treiben. Oder dich achtsam ausruhen. Menschen genießen, die deinen Horizont erweitern. Oder den Horizont genießen, weil er dein Menschsein erweitert. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.

21.10.2017


Die Macht der Gefühle

Montagabend läuft immer mein ganz persönliches Testprogramm. In diesem Semester habe ich beschlossen, Yoga kennen zu lernen, nachdem ich meine Bauchtanz-Karriere vorübergehend an den Nagel hängen musste. Vielleicht sollte ich aber auch einfach stattdessen den Fernseher anschalten...

Ich mag Montage nicht. An den meisten Montagen ist das Wetter schlecht, immer liegt die ganze Woche noch vor mir, niemand will was von mir an Montagen und ich könnte auch im Büro schlafen, wenn ich antriebsarm bin – das Telefon klingelt so gut wie nie. Für einen Leistungsträger-Typ wie mich, der so gerne gebraucht werden will, sind Montage eine gute Gelegenheit, mir selbst zu beweisen, dass ich auch ohne die Welt kann und dass mir trotzdem etwas Sinnvolles einfällt. In diesem Semester soll es jedenfalls als Seelenschmeichler und zur Bespaßung in den frühen Abendstunden Yoga sein.

Ob die Idee wirklich so gut war? Bereits vor Stunde Eins meldeten sich erste Zweifel. Denn einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass mir montags von Haus aus gerne die Füße einschlafen, mit denen ich noch am Wochenende jede Menge zu unternehmen wusste, kommt Yoga ja gänzlich ohne Musik aus. Wenn ich dann noch ziemlich reglos auf einer Matte liege, meinen montäglich trübsinnigen Gedanken nachhänge und um mich herum atmet es nur und sonst nichts – na, ich weiß nicht. Schlafen kann ich ja auch zuhause. Oder im Büro.

Jedenfalls fand ich mein voriges Testprogramm, den Bauchtanz, schon ziemlich schön. Zum einen mag ich seit einem abenteuerlichen Marokko-Urlaub orientalische Klänge, zum anderen wurden durch Bauchtanz Muskeln trainiert, von deren Existenz ich bislang nicht das Geringste ahnte und darüber hinaus habe ich montags selten so herzhaft gelacht: Die anwesenden Damen waren durchschnittlich so alt wie ich, also um die 50, und wirklich keine konnte auch nur annähernd von sich behaupten, mittelmäßig talentiert, geschweige denn locker rund um die Hüfte zu sein – wohingegen einige Bäuche geschmeidig im Takt wippten, aber das hat mit kontrollierten Moves nur rein zufällig etwas gemein. Was fand ich das ulkig, als die reifen Mädels Step by Step in Klirrklirr-Geschirr um den Wams auftauchten wie echte Profis! Und da standen wir dann vor dem großen Spiegel und gaben ein erfreulich farbenfrohes Lustspiel der Gattung „gewollt, aber nicht gekonnt“. Manchmal war ich kurz vor dem Platzen und hinterher hatte ich immer hübsch rote Bäckchen, vor Scham, nicht vor Anstrengung.

Jedenfalls bin ich von Anfang an Bauchtanz-Fan gewesen, wenn mir auch eine Sache mit jeder Stunde Rätsel aufgab: Unsere Lehrerin, eine Steffi Anfang 30 und eigentlich Regisseurin, kam sportlich-durchtrainiert daher. Bis auf den Bauch, was für ein Kaliber! Es war mir tatsächlich schleierhaft, wie man sich bei dieser Normalstatur und so gezielt so einen Ranzen anfuttern kann. Und dann erzählte sie uns kurz vor Ende des Sommersemesters, dass sie bald niederkäme und deshalb der nächste Anfängerkurs (niemandem von uns empfahl sie, in den Fortgeschrittenenstatus zu wechseln!) erst Mitten im Winter beginnen könne. Sie würde dann auch ihr Baby mitbringen. Na, prima.

Also jetzt Yoga. Letzten Montag ging ich dann das erste Mal. Kaum im Raum angekommen, musste ich mich ablegen. Es begann eine Reflektionsrunde. Als ich an die Reihe kam, war ich bereits so müde, dass ich kaum mehr reden konnte. Aber ich hatte eh nicht viel zu sagen, weil ich nicht wie all die anderen Ur-Yogis einhellig die vorherige Lehrerin betrauern konnte, die den Kurs kurzfristig abgegeben hatte – an eine Sozialpädagogin, bei der leider jeder Satz mit „Ja, genau…“ begann. Sie saß seit Anbeginn der Stunde, womöglich seit Anbeginn der Zeitrechnung, im Schneider- oder vielleicht auch im Lotussitz, rührte sich nur wenig und las alle Übungen vom Blatt ab. Im Großen und Ganzen sogen wir Luft an. Allerdings entspannte ich mich dabei nur mäßig, weil der vorgetragene Rhythmus einfach nicht zu meiner Lunge oder meinem Puls oder was weiß ich passte, was mich mächtig irritierte. Den Beckenboden anspannen, das konnte ich noch einigermaßen. Und schon mussten wir wieder still daliegen, atmen und uns bilateral in verschiedene Körperpartien hineinspüren – es war die Abschlussentspannung und ich hatte wahre Mühe, mein inneres Kind im Zaum zu halten. Hätte mir jemand gesagt, dass die versteckte Kamera im Spiel ist, ich hätte es sofort geglaubt und am lautesten gelacht. Doch leider war nur mir nach Witz, daneben befand sich bereits ein wenig Wut im Blut. In der abschließenden Reflektionsrunde (es war die dritte!) waren alle wahrscheinlich wohl oder übel wohlwollend und nachsichtig mit der neuen Lehrerin. Freilich wollte ich jetzt ebenfalls wertschätzend, aber ehrlich sein. Ich sagte also: „Nimm´ es bitte nicht persönlich, aber ich weiß jetzt nicht, ob Yoga und ich Freunde werden.“ Sie lächelte milde und darüber hinweg. Ich stürzte hinaus. Wie konnte sich etwas, von dem ich bisher nur Gutes gehört hatte, so völlig verkehrt anfühlen? Und meine Freundin Heike macht das schon seit bestimmt zehn Jahren – ist die irre? Ich verstand die Welt nicht mehr und hatte mal wieder den bestätigten Eindruck, anders als andere zu sein.

Zwei Tage später kam die Auflösung der Geschichte: Ich war falsch. Im falschen Raum, bei der falschen Stunde. Nur die Zeit hatte gestimmt. Jetzt bin ich aber mal gespannt, was meine Gefühle in Stunde Zwei beim richtigen Kurs sagen. Ich bin jetzt schon gestresst, wenn ich nur daran denke. Da kann ein wenig Entspannung sicher nicht schaden. 

04.10.2017


Grübeln macht munter

Am Wochenende hat mich ein Zeitungsartikel inspiriert. Es ging um das Grübeln, das vielen Menschen nebst innerem Frieden auch die nächtliche Ruhe rauben kann. Dabei ist die Lösung ziemlich einfach…

Das haben wir ja alle schon mindestens einmal, wenn nicht gar hunderte Male erlebt: Wir glauben, vor einem unlösbaren Problem zu stehen und in Anbetracht dessen fangen unsere Gedanken das Kreiseln an. Meist drehen sich die mentalen Konstrukte um Worst Cases, sind demnach gespeist von Ängsten und in der Regel baut sich der Wirbel um eine zentrale Frage auf, auf die momentan die geeignete Antwort fehlt. In diesem Falle kann ich euch, liebe Leser, nur raten: Kommt ins Handeln! In dem Moment, in dem man irgendetwas zu tun beginnt, geht es schon aufwärts, denn ihr fühlt euch statt machtlos einflussreich. Dabei ist das Zielführende der Handlungsstrategie, die ihr wählt, zunächst weniger entscheidend als vielmehr der Tatbestand von Bedeutung, dass ihr einfach loslegt. Machen – da steckt doch auch ein bisschen „Macht“ drin, oder?

Wenn es um eine berufliche Frage geht, könnt ihr beispielsweise eine Web-Recherche zum Thema starten oder euch auf die Suche nach passender Literatur begeben – oder nach Gleichgesinnten im Kollegenkreis, denen ihr euch anvertrauen könnt. Plagt ihr euch mit einer privaten Problemsituation, sucht euch vielleicht erst einmal jemanden, mit dem ihr die Sache besprechen könnt. Auch das Reden alleine kann schon hilfreich und entlastend sein, selbst, wenn nicht gleich die Problemzone schrumpft – die Worte sind aus euch raus, damit kommt ihr wieder in Fluss und manchmal sogar näher zu euch und euren Bedürfnissen. Zumal, wenn euer Ansprechpartner ein guter und empathischer Zuhörer ist, der euch nicht gleich mit Ratschlägen und Eigenerfahrungen erschlägt.

Zermartert ihr euch das Hirn, weil ihr euch fehlbar fühlt und euch Misserfolge – selbst die kleinen – nicht verzeihen könnt? Dann gehört ihr entweder zur Gattung der Perfektionisten, die Mühe haben, ihre eigenen hohen Ansprüche zu erfüllen. Oder aber ihr befindet euch von Haus aus (meist schon von Kindheit an) für ungenügend und euer suboptimales Selbstwertgefühl hält euch schön klein. Dann mal Hand auf´s Herz: Glaubt ihr denn wirklich, Fehler sind unverzeihlich und Misserfolge vermeidlich? Das sollte nicht euer Ernst sein! Übt euch in Eigenliebe und stärkt euch, in dem ihr euch fragt, was ihr aus dem Ereignis lernen, welche Botschaft für euer künftiges Leben mitnehmen könnt, so dass es euch nicht noch einmal passiert.

Wenn ihr die Blume am Rande des Lehrpfades, der sich Leben nennt, gezupft habt und ihr nun sicher sein könnt, dass sich Ereignisse n i e m a l s in genau dieser Form wiederholen werden, wendet euch mit einem hoffnungsfrohen Lächeln wieder dem Hier und Heute zu. Oder dreht euch um und schlaft weiter.

19.09.2017


Leben bis zuletzt

Wir sind wieder da. Hurra! Nach der Sommerpause hat unser zeit|raum uns wieder – und ein ziemlich großer Haufen Arbeit, nebst selbst auferlegten Fleißaufgaben wie Workshops in Akribie zur wissenschaftlichen Reife entwickeln (Julia) und Buch aus Blog-Artikeln schreiben (Andrea) wartet auf uns. Umzingelt uns. Verschlingt uns, wenn wir nicht aufpassen.

Und bestimmt kennt ihr das: Wenn man sich zu ungünstigen Zeitpunkten wie spätabends noch vergegenwärtigt, was alles zu erledigen ist und bis wann, neigt man schon einmal dazu, kein Auge zuzutun oder zur Beschwichtigungsdroge Alkohol zu greifen. Ich aber atme vorbildlich, natürlich, immer tief und weiter, mache Achtsamkeitsübungen, während ich meines Auslaufs über Felder und Wiesen fröne und versuche, Gleichmut zu entwickeln, wo Gelassenheit nicht genügt.

So. Und trotzdem schlafe ich schlecht, was mal an den Moskitos liegt, mal an meinem Mann, der schwer schnaufend nach seinen Gummi-Ohrstöpseln japst, mal an den vielen Gedanken zu oben genannter Vielfalt an To Dos.

Und just bevor ich doch noch überschnappe und die Nacht kurzum zum Arbeitstag mache, weil sich vorhandener Energielevel und nötige Tatkraft ohnehin uneins sind, beschert mir das Leben diese beiden berührenden Geschichten:

Mein Mann, der im Klinikum Nürnberg Süd arbeitet, erzählte, dass er gestern – noch getragen von den Gedanken über das Arbeitsgeschehen – Richtung Parkhaus lief und sich wunderte, weil ein Krankenbett mitten auf dem Weg stand. Als er näher heranging, sah er eine schon sehr betagte und offenbar sterbende Frau, die umringt von Pflegekräften und Angehörigen einen Hund herzte. Der Hund war voller Freude zu ihr ins Bett gesprungen und alle Anwesenden lachten von Herzen, teils unter Tränen, über das freudvolle Tier. Mein Mann sagte, er sei zutiefst bewegt gewesen – und just wieder voll im Hier und Jetzt. Geerdet und dankbar. Verstehe das völlig.

Heute schickt mir Julia einen Link zu den Fürther Nachrichten, den wir euch zeigen wollen. Ich habe geweint, als ich das Bild sah und den Text dazu gelesen habe: Eine Frau, Ende 50, palliativ stationiert im Klinikum Fürth, hatte wohl den Wunsch, ihr ehemaliges Pflegepferd noch einmal zu sehen. Als die noch übrige Lebenszeit aus Sicht der Fachleute knapp wurde, kamen sowohl Pflegepersonal, als auch Pferdefreunde aus dem Langenzenner Reitstall in die Pötte und brachten die Ponystute Dana an das Bett der Totkranken, die dann wenige Tage später starb. Das Klinikum veröffentlichte die Fotos wohl ausnahmsweise und natürlich mit Einverständnis der ehemaligen Patientin und ihrer Angehörigen. Gut, dass auf diese Weise dem Palliativ-Team, das sterbenden Menschen unablässig versucht, wichtige Wünsche zu erfüllen, auch einmal zigtausend Dank zukommt – via Facebook und auf anderen Kommunikationswegen. Respekt!

Also konzentrieren wir uns doch, hoffentlich berührt und inspiriert von diesen beiden bewegenden Geschichten, auf das Wesentliche und leben bis zuletzt, in vollen Zügen und in dem Bewusstsein, was wirklich wichtig ist.

07.09.2017


Erst Köter, dann Köder

Gestern wartete ich in einem Café auf eine Freundin. Ich nahm an einem Tisch Platz und nur wenige Meter vor meinen Füßen lag eine schwarzweiße Hündin, die mich neugierig, mit wachsam nach vorne geschwenkten Ohren, aber total regungslos anstarrte. Unangeleint. Und so kamen wir dann ins Gespräch…

…das Frauchen und ich. Vielleicht leider. Bin mir gerade nicht ganz im Klaren. Sicher ist, dass ich das Hündchen nicht nur vorbildhaft brav, sondern auch herzallerliebt fand und es unbedingt locken wollte. Also sprach ich die vermeintliche Besitzerin, die mit dem Rücken zum Hund lesend am Tisch saß, an und fragte, ob das ihr Hund sei. Sie bejahte und in genau dem Moment sprang das schöne Tier auf und kam zu mir, ließ sich seinen supersoften Pelz durchwalken und mit Kuschelworten verwöhnen. Ich erzählte – offenbar brauche ich immer noch diesen Zuspruch – vom Verlust meiner Hündin und was ich bekam, war alles andere als Mitgefühl: „Na, super. Der Tod ist doch einfach nur super!“ Ich war kurz davor, mein Handy zu zücken, um die Frau zu fotografieren, denn so ein ausgefallenes Exemplar Mensch (abgesehen davon, dass ihr der BH und vielleicht der ein oder andere gütige Zug um die Augen fehlten) hatte ich noch nie gesehen.

Natürlich wollte ich wissen, was es mit dieser – meine Freundin, die mittlerweile auf der Bildfläche erschienen war, fand die Botschaft einen Tick zu laut in die desinteressierte uns umgebende Welt posaunt – Einstellung auf sich hatte. Sie erzählte, sie sei Tochter eines Ungläubigen und einer Pastorin und habe lange Zeit in der festen Überzeugung gelebt, dass sie keinen Glauben habe. Eben bis zu dem Zeitpunkt, als sie merkte, dass sie ständig Geschehnisse nach ihrer Bedeutung durchsuchte und wie ich in Päckchen dachte, also auch unangenehme Ereignisse annehmen konnte, wissend, dass sich der tiefere Sinn häufig erst nachträglich zeigt.

Irgendwann gestand sie sich also ein, dass sie sehr wohl an etwas glauben konnte, wenn sie dafür auch keinen Namen wusste. Gott, Schicksal, Universum? Egal! Und deshalb ist sie überzeugt, dass auch das Leben in Summe eine Verkettung von sinnigen Ereignissen ist und wir alle in Verbindung miteinander stehen. Wenn Menschen gehen („sollen sie doch, mir egal!“), und wenn Tiere sterben („habe schon den vierten Hund, aber das ist jetzt der letzte. Ich will nicht mehr angebunden sein“ – ich blickte traurig zum selbigen und überlegte, ob ich ihn nicht einfach mitnehmen könnte), tangiert sie das wenig. „Nur damals, als mein einer Hund vom Jäger erschossen wurde – der andere hat dann tagelang getrauert – das war schon doof!“ Aha.

So. Da saß ich dann zwischen den zwei Stühlen Faszination und Naserümpf.

Faszination, weil ich bislang nur Menschen getroffen habe, für die das Loslassen von was auch immer ein Drama ist.

Naserümpf, weil ich denke, es gehört zu unserer sozialen Struktur, dass wir nach Bindungen streben, Zuneigung entwickeln und Verlust nur unfreiwillig in Kauf nehmen, selbst, wenn er zwangläufiger Bestandteil des Lebens ist. Wir alle kennen die Spielregeln, doch deshalb müssen wir sie noch lange nicht mögen.

Wenn dann jemand so gar nicht leidet und nicht einmal bedauert, was er gehabt und verloren hat (und sei es auch in dem Wissen, dass er darüber hinweg gekommen ist), dann sagen meine auf Empathie getrimmten Spiegelneuronen „igitt“ und wenden sich ab. Ich kann das wahrlich null nachempfinden, über den Abschied von jemandem oder etwas, das man geliebt hat, zu frohlocken. Auch wenn sie dann den lustigen Totenkult Mexikos ins Gespräch brachte, was mir an der Stelle ohnehin zu weit weg war, fühle ich mich dieser Haltung nicht nahe. Vielleicht noch nicht. Womöglich bin ich aber auch einer Frau auf den kommunikativen Leim gegangen, die durch ungünstige Erfahrungen diese trotzige LMAA-Haltung kultiviert hat. Aus Selbstschutz. Für eine Erleuchtete war sie für meine Begriffe nämlich eine Spur zu schnoddrig, die stelle ich mir einfach feiner vor. „Und leiser“, sagt meine Freundin. Aber was wissen wir schon davon. Wisst ihr es?

30.08.2017


Ein tierisch guter Lesetipp!

Jetzt ist es für viele so weit. Große Teile der Bevölkerung wandern gen Süden aus. Davon zeugt zumindest die Verkehrsdichte auf den Autobahnen. Dass es auch für mich (längst) so weit ist, das Weite zu suchen, kann man auch daran erkennen, dass ich in kurzer Zeit zweimal geblitzt worden bin. Das kam mich richtig teuer zu stehen. Also nix wie weg…

Habt ihr vielleicht noch Platz im Koffer und freie Kapazität im Hirn? Dann solltet ihr euch noch schnell diesen Schmöker besorgen, der nicht nur praktisch, weil quadratisch und light, sondern vor allem geistreich und gut ist. Das Buch heißt „Der Buddha auf vier Pfoten“ und setzt zwar voraus, dass ihr Hunde mögt, kennt, habt oder hattet. Aber es bietet wirklich jede Menge Denkimpulse für in Hängematten baumelnde Seelen nebst Strand und Meer. Ihr könnt förmlich eintauchen in diese erstaunlichen und erbaulichen Anekdoten aus dem Leben des Autors mit dem zwischenzeitlich leider im Regenbogenland befindlichen Stubenwolf Bobba.

Tatsächlich studierte Dirk Grosser fernöstliche Philosophie und neigte seinerzeit dazu, sich im tiefgründen Taumel zu verlieren – sein reales Leben mit Gelderwerb und einigermaßen tauglicher sozialer Vernetzung schien er damals jedenfalls nicht so richtig auf die Reihe gekriegt zu haben. Bis eben der fellige Meister per Zufall in sein Leben trat und den theoretischen Höhenflügen auf pragmatisch-begreifbarem Wege ein Ende setzte. Beispielsweise kann man hier als Leser lernen, welchen Effekt es hat, wenn man Gefühle wirklich mit jeder Faser durchlebt, was Bewertungen anrichten, wie sich Traumata bemerkbar machen und wie es geht, das Tao fließen zu lassen und sich ganz und gar seinem Da-Sein zu widmen.

Das Buch ist amüsant und stellenweise traurig, bodenständig und ab und an abgefahren, lehrreich und immer toll geschrieben.

Ich wünsche euch viel Freude mit dem vierbeinigen Buddha und Dirk Grosser – und mentale Regeneration, die bis in den Alltag nachhält. Bis bald!

07.08.2017


Stur oder weise?

Ich habe eine Ponystute. Und ich bin froh um sie. Doch an manchen Tagen frage ich mich: Ist dieses Pferd schlichtweg das Sturste, was der liebe Gott jemals erschaffen hat – oder ist sie nicht einfach ein Vorbild in Sachen Achtsamkeit und infolgedessen einfach weise?

Mir doch egal, könnte man meinen. Verstehe ich. Ging mir auch so. Mein Pony ist eigenwillig und störrisch und von daher rät mir jeder, der etwas von Pferden versteht, sie zu dominieren, zu domestizieren und ihr jederzeit und allerorts Orientierung zu bieten (unpädagogisch formuliert: sie in die Schranken zu weisen). Was in vielen Situationen Sinn macht. Beispielsweise, wenn sie mal Angst hat. Kommt allerdings äußerst selten vor. Doch in ebendiesen äußerst seltenen Momenten ist es wichtig, dass sie sich bei mir sicher fühlt. Blöd nur, dass ich ihr das dann auch nicht bieten kann. Ist ein Teufelskreis. Ich sitze auf und wir reiten aus. Sie ist verspannt und wiehert am laufenden Band, als ob sie auf Nimmerwiedersehen ihre Heimat verlassen muss. Ich bin genervt und denke mir: Was hat sie nur? Ich fange an, sie von oben zu beobachten und folge jedem Ohrenwink und Augenaufschlag. Ich sehe ein Reh zwischen zwei Kornfeldern und denke mir: Oh nein, hoffentlich springt es nicht auf uns zu! Felina schaut derweil nicht mehr einfach nur interessiert in der Gegend herum, sie starrt in Richtung Reh und verspannt sich noch mehr. Ich merke, wie ich mich anspanne und erinnere mich, zu atmen und loszulassen. Weil es nicht so gut klappt, beginne ich „an der Nordseeküste“ oder „when the Saints go marchin´ in“ zu singen. Ihre Ohren klappen genervt in meine Richtung. Das sehe ich, weil ich sie ja unablässig beobachte. Ein anderes Pferd erscheint am Horizont. Sie wiehert. Ich denke: Hoffentlich rosst sie nicht gerade, das ständige Wiehern spricht dafür. Das Fremdpferd nähert sich. Felina wirkt übermäßig wachsam und baut sich auf wie ein Junghengst auf Brautschau. Ich steige ab, bis wir das andere Pferd passiert haben. Ich denke: Immer muss ich absteigen, ein entspannter Ausritt – den hatten wir schon lange nicht mehr. Felina denkt (vermutlich): Das muss ja ein ganz besonderes Pferd sein, Frauchen steigt sonst nur bei Gefahr ab. Anschließend ist sie noch verspannter als vorher. Ich steige auf und singe weiter und irgendwann sind wir zurück im Stall. Ich verschwitzt. Fee hungrig.

Man muss zu meiner Entschuldigung noch anbringen, dass ich schon mehrfach in mehr oder weniger großem Bogen im Feld gelandet bin, weil Fee Atem beraubende 180-Grad-Wendungen hinlegen kann. Außerdem habe ich mir schon einmal einen Wirbel angebrochen. Allerdings bin ich da vom stehenden Pferd gefallen. Ja, das gibt es auch, wenn man beim Aufsteigen nicht achtsam ist.

Ach ja, darauf wollte ich ja hinaus. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Pony je sturer und störrischer wird, desto mehr ich Druck ausübe. Wenn ich mich dann während einer Reitstunde mal nicht mit ihr anlegen will, werde ich aufgeklärt: „Sie veräppelt dich, hau ordentlich drauf!“. Was ich nur halbherzig tue. Weil ich genau spüre – und ganz ohne ordentlich Hiebe – dass sie auch so weiß, was ich von ihr will. Und dann bringt mich zusätzlich zum Nachdenken, dass ich – wenn ich eben alles easy angehe und ganz locker bin – meist genau das von ihr kriege, was ich will. Dauert manchmal etwas länger und funktioniert erst nach dreimaligem (immer!) Äpfeln, aber immerhin. Wenn ich es mir genau überlege, könnte ich diesen Weg einfach mal als Experiment ausprobieren. Ich könnte auf sie hören und sehen, was dann passiert. Schließlich ist es ja schon so: Fee zeigt mir, wenn sie nicht im Gelände laufen will, weil zu viele Bremsen an ihr nagen. Fee zeigt mir, wenn ich sie führe, welche Fliege ich verjagen soll. Fee zeigt mir, wenn sie freudvoll und willig ist und ebenfalls überdeutlich, wenn sie null Bock hat. Heute hat sie mir mal gezeigt, dass sie nicht gedenkt, auf ihrer ansonsten geliebten Graskoppel zu weilen. Sie wieherte, als ich ging und steckte ihren Kopf zwischen Hecke und Gitter. Also stellte ich sie zurück auf ihr Paddock, sie hatte schon während des Reitens die ganze Zeit in ihre Hütte gelugt und systematisch überprüft, ob ich bereits Heu nachgelegt hatte.

Das heute hat mich nachdenklich gemacht. Ich dachte, Grasfressen sei ihr das Liebste. Doch dem ist offenbar nicht so. Sie wählt mit Bedacht. Pony ist nicht nur stur, sondern auch ziemlich schlau. Sie weiß offenbar viel besser, was sie will, als wir Menschen. Wenn du denkt, du magst mit ihr rechtsrum laufen, sagt sie dir, dass linksrums schöner wäre. Wenn du denkst, ich hänge noch ´ne kleine Runde dran, ist sie ein Navi auf vier Beinen, biegt spontan den Abhang runter ab und will die direkte Reiseroute retour nehmen. Wenn du denkst, du willst wider Willen galoppieren, quiekt sie wie ein Mastschwein auf dem Weg zum Schlachter und demonstriert mit ungeahntem Temperament, dass Pferde auch mal hinten höher als vorne sein können für einen bangen Augenblick. Wenn du denkst, das war jetzt das letzte Leckerli für heute, sabbert und knabbert sie so lange an deinem Unterarm herum, bis dein Ärmel nass und du durch bist. Wenn du ihr ein Küsschen geben willst, weil du vor Liebe zu dieser ungestümen Schönheit fast zergehst, zieht sie auch mal den Kopf hoch und verpasst dir eine angebrochene Nase (und das verdrängte Bewusstsein, dass pferdische Zuneigungsbekundungen, gespeist aus 500 kg Lebensgewicht, einfach robusterer Natur sind).

Am Ende ist mein Pony weise. Lebt immer im Moment, plant nicht von langer Hand, will sich nicht selbst optimieren, kein Gewicht verlieren oder die Gunst von wem auch immer gewinnen. Ihr ist es egal, was du willst und schnuppe, wer du sein magst. Aber sie zeigt dir mit Eselsgeduld, wo du gerade stehst im Leben. Ich spüre, ich entwickle mich mit ihr, bin mir nur noch nicht sicher, wohin genau. Allerdings könnte ich schwören, sie weiß es.

25.07.2017


Die Entdeckung der Einfachheit

Vielleicht kennt ihr das: Manchmal schieben wir zu erledigende Sachen vor uns her oder machen uns das Leben anderweitig schwer, in dem wir glauben, etwas eben „genau so“ oder „nur selbst“ bewältigen zu müssen. Ich habe festgestellt, dass es auch anders geht und dabei geht es mir total gut. Weil einfach einfach einfach ist.

Beispielsweise hatte ich ziemlich lange den Anspruch, mir immer nur Bücher mit Tiefgang reinziehen zu müssen oder eben solche lesen zu sollen, die mir reifetechnisch etwas bringen. Seit ich bemerkt habe, dass mich ständig etwas emotional bewegt, berührt, erschüttert – sei es nun das, was früh in der Zeitung steht oder später in den Tagesthemen kommt, der kritische Film als Betthupferl oder der autobiographische Schmöker zwischendrin – versuche ich, immer mal wieder etwas für mein Seelenleben, anstatt für meinen Intellekt zu tun. Was dabei herauskommt, empfinde ich für mich als revolutionär! Ich lese derzeit tatsächlich einen sanften Roman mit Allgäuromantik, Tieren, Natur und Liebe und fühle mich richtig wohl mit der unaufgeregten Vorhersehbarkeit der Geschichte. Ich lese wieder richtig gerne am Abend, vor allem, wenn der Tag bis dahin schon anstrengend genug war.

Neulich habe ich mich mit einer Freundin über Schlafstörungen bzw. das ungute Gefühl unterhalten, nie richtig ausgeruht zu sein. In diesem Zusammenhang habe ich mein Experiment erwähnt, nicht einfach – weil ich mich ja um 21.30 h zur Ruhe bette – anzugucken, was die Glotze gerade bietet. Sondern bei Amazon Prime einen Film ganz gezielt rauszusuchen und mich am Abend bequem berieseln zu lassen. Leider ging das schon mehrfach völlig daneben. Selbst ein griechischer (preisgekrönter) Film vor kurzem mit dem lapidaren Titel „Nacktbaden“ hat mich fast in den Wahnsinn getrieben und meinen Herzschlag aufgrund seiner extrem depressiven Story rasant beschleunigt. Die Nacht darauf war wieder ein erholungsmäßiger Fehlschlag. Daraufhin meinte meine Freundin: „Ich schaue immer nur Filme, die ich schon kenne und mag.“ Aha, so kann man das also auch machen.

Und weil aller guten Dinge drei sind: Ich habe ein neues Handy bekommen von der Telekom. Ein schickes Teil. Es liegt jetzt schon seit sechs Wochen und zwischenzeitlich wenigstens von mir geladen in seiner Kiste und schlummert unbenutzt vor sich hin. Jedes Mal, wenn ich an der Schachtel vorbeigehe (jeden Morgen), denke ich, was ich für eine technische Nullnummer bin – und das ganz bewusst. Denn ich habe einfach weder Motivation, noch sonst irgendeinen Lustgewinn, mich mit diesem „Spiegeln“ aller Daten und dem Herunterladen es-möglich-machender-Apps zu beschäftigen. Das kostet mich unverhältnismäßig Kraft und Nerven. Ich hasse es aus Erfahrung. Gestern früh hatte ich dann die errettende Erkenntnis: Es gibt Leute, die sowas mit Links machen, es folglich können und auch wollen. Also habe ich jetzt einen Termin beim IT-Techniker meines Vertrauens. Den bezahle ich dafür, habe schließlich das Handy umsonst bekommen. Ich gehe hin, sehe zu und nehme es gebrauchsfertig mit. Um die Schutzhülle habe ich mich aber noch selbst gekümmert.

So schön einfach kann alles sein. Ich teste weiter – und, wenn ihr Lust habt, probiert es doch auch mal aus!

11.07.2017


Monotasking macht Laune

In einem Workshop neulich bat mich eine junge, lebhafte Teilnehmerin, Achtsamkeits-Tipps von mir zu geben. Ich vertröstete sie auf nach die Mittagspause. Und bis dahin fiel mir auf: ihr Handy. Als einzige hatte sie es zum Glück stumm auf dem Tisch liegen und ihre Blicke darauf waren unzählbar viele…

Ich nutzte also in der Mittagspause einige Minuten, um flugs ein Chart zum Thema Achtsamkeit zu illustrieren. Nebenbei überlegte ich mir, wie ich meine Wahrnehmungen an diese Teilnehmerin herantragen könnte, ohne einen Beziehungsbruch zu riskieren. Ich entschied mich für den geradlinigen, direkten Weg und sprach sie unter vier Augen darauf an. Sie sagte mir, dass sie sich häufig völlig zerrissen fühlt. Das ständige Bangen, irgendwo irgendwas zu verpassen – und sei es ihren nächsten Einsatz bei der freiwilligen Feuerwehr (tatsächlich brannte während unseres Seminars eine nahe liegende Kirche) – trieb sie in ihrer berufsbedingt raren Freizeit, die sie an den Wochenende noch mit Kellnern verknappte, immer öfter an den Rand der Verzweiflung.

Meine Meinung könnt ihr euch bestimmt denken: Wenn du dein Leben randvoll machst und dir in der Flut aus Beruf, Nebenjob, Pferd (sie hatte eins), Ehrenamt, Freunden, Partner und Haushalt wie Treibholz vorkommst, dann hast du recht. Das ist nämlich vom selbstbestimmten, bewussten Leben so weit weg wie der Lago di Garda von Uttenreuth. Mindestens. Ob da Achtsamkeits-Tipps noch helfen, sei dahin gestellt. Hier geht es wohl eher um Priorisierung und inhaltliche Regulation der Aktivitäten (das Wie und wie oft), so dass sie den 16-Stunden-Tag nicht sprengen. 8 Stunden ziehe ich wegen der Notwendigkeit des Schlafens ab.

Ich bat die Teilnehmerin, es mal mit einer ganz einfachen Übung zu verssuchen. Und die heißt Monotasking. Was ich meine ist, einfach mal auf ein Erleben zu fokussieren und den immer wieder für eine Aufmerksamkeitsunterbrechung sorgenden Blick aufs Handy zu unterlassen. Noch besser wäre es, falls diese Übung noch zu schwer ist, das Handy nur früh, mittags und abends anzuschalten. Dann kommt man zwischendurch gar nicht erst in Versuchung.

Sagt sich leicht, ich weiß. Ich habe da auch so meine Erfahrungen, merke aber, dass – wann immer mein Stresspegel steigt – das nervöse Handy-im-Auge-behalten und sofort-auf-Whats-App-Nachrichten-antworten für zunehmende Gereiztheit sorgt. Wenn ich dann mal Urlaub mache und wirklich loslasse von all dem, was mich an Informationen umgibt (auch von den Nachrichten, die momentan eh nur negativ sind), geht es mir schlagartig besser. Plötzlich gelingt es mir, Ruhe, Stille und Leere nicht mehr als Feinde zu sehen, vor denen ich gewöhnlich auf der Flucht bin. Es ist, als fände ich gute alte Freunde wieder und zudem meine innere Mitte, aus der ich immense Kraft, Fröhlichkeit und Gelassenheit schöpfe. Das geht so weit, dass ich es in dieser Zeit des Abstands sogar schaffen kann, einen amerikanischen Jugendroman (500 Seiten!) über eine College-Liebe (trivial!) zu lesen und diese Lektüre (vorhersehbar!) einfach nur angenehm entspannend zu finden.

Ich habe das Buch noch am Strand des Gardasees dankend verabschiedet und in die Tonne getreten, es hatte seine gute Tat vollbracht. Was ich aber mitnehme? Mal wieder die Erkenntnis, dass ich nur Ruhe finde, wenn ich Ruhe zulassen kann. Das geht übrigens auch stau- und kostenfrei und ganz ohne Urlaub und Krankheit. Zuhause.

21.06.2017


Vom Suchen und Finden

Gestern habe ich eine systemische Familienaufstellung besucht. Als Zuschauer, das heißt, ich habe kein konkretes persönliches Anliegen mitgebracht. Wohl aber die berechtigte Hoffnung, dass ein paar Bilder und Botschaften für mich herausspringen. Dem war auch so. Das Resonanzgesetz gilt schließlich immer und überall…

Ich habe mich also an einem sonnigen Sommersamstag am frühen Morgen auf den Weg gemacht. Leider einen Tick zu spät. So wartete im REWE Uttenreuth schon die erste bemerkenswerte Erfahrung auf mich. Ich wollte noch auf die Schnelle ein Getränk to go kaufen, doch die Kassenschlangen waren länger als gedacht. Ich entschloss mich zu einem Experiment und fragte die wartenden Herrschaften beherzt und freundlich: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe es furchtbar eilig. Dürfte ich vielleicht vor?“ Eine Dame sagte gar nichts, der Herr davor schaute angriffslustig. Die dritte Dame hörte mich nicht. Da sagte ich zum Herren: „Ist wohl keine so gute Idee?“ Er: „Ich habe hier auch nur ein Teil liegen.“ Die andere: „Ich auch.“ Ich: „Oh, das habe ich nicht bemerkt, Verzeihung.“ Also stellte ich das Getränk zurück und ging zur Tanke. War sowieso die bessere Idee. Das Experiment war missglückt. Ich fühlte mich seltsam zurückgewiesen und dachte mir, dass ich in Zukunft milder sein müsse mit den Menschen. Unbedingt. Menschen sind so. Und bei REWE kann man so viel über das Leben lernen und über sich selbst! Probiert es ruhig mal aus. Hier habe ich schon Nähe-Distanz-Experimente vollzogen, Studien über auf dem Boden liegende, schreiende Kinder und hilflose Mütter durchgeführt und Rentner, die wegen eines unauffindbaren 50 Cent-Coupons etwa zehn nach ihnen in der Reihe wartende, müde Arbeitstiere unverfroren – so ganz „bei sich“ – schlicht für fünf Minuten vergaßen.

Ich fuhr also hin, zum Ort des systemischen Geschehens. Wie immer, empfing mich dort die sektuös wirkende Fangemeinde eines regional bekannten Aufstellungsleiters. Die meisten von ihnen waren barfuß. Wir begannen mit einer lustigen Vorstellungsrunde, in der rund zwei Drittel sagte „Ich heiße xy und freue mich auf den Tag.“ Der Rest teilte sich in „Hallo, ich bin xy und noch müde“, „ich komme von ganz weit her“ oder „ich bin das erste Mal hier“. So. Nun wussten wir alle ja schon viel voneinander und von rund 30 Leuten kann man sich die Vornamen freilich sofort merken. Interessanter Weise waren ziemlich viele Männer da und bei der ersten Aufstellung eines solchen ging es um das Thema Männlichkeit. War wirklich mächtig, wie das Schlussbild, untermalt vom laut-dröhnenden Trommelklang aus der mitgebrachten Soundanlage, für eine Weile wirken durfte. Das ging nicht nur mir unter die Haut. Es war nahezu erotisierend, ich glaube, einige Damen erröteten an der Stelle nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen.

In einer der Pausen zwischen den Aufstellungen wurde eine „Übung“ angeleitet, bei der es hieß, wir sollten total authentisch sein. Nachdem der Aufsteller verdeutlicht hatte, um was es jetzt gehen würde, dachte ich: „Dann bleibe ich doch einfach sitzen.“ Aber nein. Ich wollte mich ja nicht in meiner Komfortzone einnisten und machte brav mit. Wir sollten durch den Raum wandeln, wild durcheinander, und jede Begegnung zulassen, innehaltend den Blickkontakt suchen, mit Nähe und Abstand experimentieren. Spontan kam es zu ein paar Umarmungen und der eine Mann wollte mich gar nicht mehr loslassen. Herzig. Andere Begegnungen waren deutlich kühler. Ich ertappte mich beim Lächeln wie ein Honigkuchenpferd, wen ich auch traf. Ich beobachtete mich selbst, wie ich (dümmlich) grinsend, manchmal tat es schon fast weh, alle möglichen Leute zu mir einlud. Also körperlich-sozial, meine ich. Interessant. Ich will also geliebt, angenommen werden und bestimme das in erster Linie nicht selbst. Aha.

Besonders beeindruckt hat mich die Aufstellung, bei der ein sehr „weich“ wirkender Mann erfuhr, er solle nicht gegen andere, sondern für sich kämpfen. Da resonierte etwas gehörig in mir. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich zu wenig gegen andere oder aber zu viel für mich selbst kämpfe. Das muss ich noch herausfinden. Kämpfen ist ohnehin nicht der Weg, den ich für gangbar halte. Also ich meine, so als Dauerstrategie.

Definitives Highlight war für mich eine Aufstellung, in der der Betreffende seinen Vater nicht kannte und sich aufgrund dessen wurzellos fühlte. Der Anleiter sagte „Du lehnst also 50 % in dir ab“ (den Vater). Am Ende sollte sich der Aufsteller vor den Vater hinknien (der Kleine, das Kind), was auf immense Abwehr stieß und nur mit hinzugefügter Mutter (und deren Erlaubnis) funktionierte. Ein überwältigendes Bild! Viele im Raum waren zu Tränen gerührt. Ich auch. Viele von uns kennen genau dieses Thema und haben damit zu tun. Selbstwert, sage ich nur. Fazit:

Wir sollten unsere Eltern annehmen und lieben und akzeptieren und loslassen von der Rolle, in der wir uns überheben, kritisch oder (zu) fürsorglich sind – oder uns zuständig fühlen für die Lösung deren psychischer Probleme. Eine gigantische Aufgabe. Aber nur dann gelingt uns ein ganzheitlich glückliches und erfülltes Dasein, in dem wir uns selbst annehmen und uns erlauben, zu leben, was wir lieben und wer wir wirklich sind.

Falls ihr Interesse an diesem Thema habt, könnt ihr mal „Was die Seele krank macht und was die Seele heilt“ von Schäfer, Knaur Verlag, lesen. Das erklärt die Grundprinzipien Systemischer Familienaufstellungen ganz gut. Außerdem lasst uns in Verbindung bleiben. Denn ich fühle, dahin geht mein Weg und ich würde mich freuen, wenn ihr dann, wenn die Zeit reif ist, zu mir findet.

07.06.2017


Total verstrahlt?

Jetzt ist mir wieder etwas zugefallen, das mir erst aufgefallen ist und dann ganz und gar nicht gefallen hat. Wie nicht anders zu erwarten war, hat es mit Menschen zu tun – genau genommen mit Leuten, die sich offenbar schwer tun mit Herzlichkeit und einer offenen, wohlgesonnenen Weise, auf andere zuzugehen und mit anderen umzugehen. Woher das wohl kommt? Sind wir womöglich verstrahlt und die anderen in Angst vor Strahlenschäden tatsächlich auf der sicheren Seite?

Ich möchte erst einmal beim positiven Gegenteil beginnen: Ich suche im Moment nach weiteren Firmenkontakten, will Herausforderungen in wirtschaftlichen Branchen finden und Partner aus der Personalentwicklung, die Lust haben, gemeinsam etwas Neues im Seminarbereich auszuprobieren und zu platzieren. Der Weg führte mich zu einem naheliegenden Konzern und dort zu einer Ansprechpartnerin, die mich – obwohl wir uns noch nie gesehen hatten und der ich meine Geschichte vom missglückten Erstkontakt vor einigen Jahren freimütig erzählte – völlig unkompliziert und urteilsfrei zum persönlichen Gespräch einlud. So etwas erfreut mein Herz, weil es zwei Menschen bei der Bemühung um Kooperation zeigt und eine Begegnung auf Augenhöhe verspricht. Ich mache meinen Job, sie ihren. Und vielleicht finden wir einen gemeinsamen Weg. Das wäre dann für beide Seiten ein Gewinn.

Und jetzt das, was mir aufgefallen ist: Es gibt immer mal wieder Kontakte mit Menschen, deren Sendungsbewusstsein – na, ich will mal sagen – suboptimal ausgeprägt ist. Was in mir Gefühlsqualitäten von Verwunderung (an guten Tagen), bis Ärger (an miesen) auslöst. Aber das ist definitiv mein Problem, nicht das der anderen.

Beispiel 1: Ich halte für eine Top-Firma das erste Mal einen Workshop. Das Feedback ist überragend. Beim anschließenden Gespräch mit der zuständigen Ansprechpartnerin im Unternehmen äußere ich meine Freude über den gelungenen Tag verbal. Sie freut sich offensichtlich nicht so wie ich, fragt mich aber investigativ über eine minimalistisch-kritische Äußerung einer ansonsten begeisterten Teilnehmerin aus, die einen wissenschaftlichen Part im Seminar zu lang fand.  Was soll ich sagen, spiegelt sich da vielleicht was?

Beispiel 2: Wir gehen auf eine Messe zur Kontaktanbahnung mit Firmen. An einem Messestand entdecke ich eine Ansprechpartnerin, mit der ich erst wenige Tage zuvor telefoniert habe. Ich bin überrascht und finde es fein, kurz persönlich „hallo“ sagen zu können. Die Dame hingegen wirkt sehr reserviert. Den mitgebrachten Smoothie, unser Give-Away zum hauseigenen Motto „Gesund leistungsfähig bleiben“, nimmt sie fast schon irritiert entgegen. Ich entdecke Julia und mich beim Weitergehen auf einer Leinwand, offenbar wurden wir von einer unsichtbaren Kamera eingefangen und auf Großfläche projiziert. Wir strahlen, wirken fröhlich und freundlich. Lag es an uns, dass die Personalerin so abweisend sein musste?

Beispiel 3: Ich bekomme einen Anruf von einer potenziellen Coaching-Klientin. Sie meldet sich für ein Setting an und ich erkläre ihr auf Wunsch die Konditionen. Zum völlig marktüblichen, wohl eher sogar im unteren Preissegment angesiedelten Honorar für Privatpersonen sagt sie mir, dass das für sie hart verdientes Geld sei. Mir fällt nichts anderes darauf ein als zu antworten, dass unsere Leistung ja auch eine wertvolle ist. Fünf Tage später sagt sie das Setting ab, fragt mich aber, ob sie unsere Räume für ihre Energiearbeit mieten dürfe. Ich verstehe das alles nicht so recht, lehne aber das Untermietangebot ab.

Gestern habe ich mich mit einer guten Freundin in Ingolstadt getroffen. Sie erzählte von einer Führungskraft – sie hat zwei Oberchefs – die steuert, in dem sie Angst schürt, Leute völlig unerwartet in der Probezeit entlässt und offenbar die verunsicherten „Schäfchen“ um sich herum genießt oder zumindest billigend in Kauf nimmt. So sind wir, mal wieder, beim leidigen Thema Selbstwertgefühl gelandet. Denn wer sich selbst für ungenügend hält, der hält gerne auch andere klein, lobt nicht und ergötzt sich an der Macht, die er gegenüber (vermeintlich) Ohnmächtigen bzw. Abhängigen besitzt. So denke ich, ist das Selbstwertgefühl auch für all die anderen geschilderten Beispiele mal wieder verantwortlich. Ich gucke dann bei anderen und Ereignissen nur auf die Löcher im Käse statt auf die Substanz, ich schütte zu wenig positives Feedback aus, um anderen Menschen nur ja nicht die Gelegenheit zu geben, im Kontakt mit mir zu wachsen. Ich bin es mir selbst nicht wert, mir etwas Gutes zu tun, lieber leide ich weiter und gehe für die 60,- € zzgl. MwSt. einmal im Monat zum Friseur (sofern das überhaupt reicht).

Ich kann nur sagen: Leute! Lernt, euch zu lieben, anzunehmen und euch selbst zu wertschätzen – und übt euch in einem positiven Menschenbild! Dann wäre so manches leichter, wenn nicht sogar das ganze Leben. Ich bleibe jedenfalls dran und werde mich auch weiterhin und völlig ungeachtet wirtschaftlicher Interessen, sondern einfach, weil es mir Spaß macht, in Herzlichkeit üben.

01.06.2017


Mal was Positives

Ja, ich merke es selbst. Wenn ich einen Blog schreibe, ist das meist schwere Kost. Gedanken, die mich bewegen. Oder Bewegungen, die mich irritieren. Wie andere Menschen übrigens auch. Deshalb schreibe ich ja darüber. Heute möchte ich es mal mit der Schönheit im Kleinen versuchen. Also begebe ich mich mit euch auf eine Entdeckungsreise…

Ich gehe mit meinem Gassihund Lemmy spazieren und komme im Wald an einem Baum vorbei. Der Baum quiekt wie verrückt. Ich blicke hoch und halte die Hand Schatten spendend vor meine Augen. Da sehe ich es. Ein Loch im Baum. Hier drinnen müssen junge Vögel sitzen und aus Leibeskräften singen, sofern man das schon so nennen kann. Ich sehe nichts. Auch keine Nahrung spendende Mama. Ich gehe weiter und frage mich, wann sie wohl kommen mag. Bleibe zuversichtlich.

Da ist ein wilder Fliederstrauch. Er blüht schon und wunderschön duftend, da sehe ich, dass die Blütenstände nicht einfach nur fliederfarben sind, sondern in ganz unterschiedlichen Nuancen von hell- bis dunkellila schillern, gerade regennass von glitzernden Tropfen besprenkelt. Herrlich ist das!

Ich schlendere weiter, aus dem Wald heraus. Da sind die Regenwolken noch in der Ferne zu sehen und über den tiefgelben Rapsfeldern prangt bayerisches Weißblau. Ein imposantes Gemälde, von der Natur gemalt.

Lemmy rast über einen frisch gepflügten Acker und ich teile seine jugendliche Hundefreude, sehe, wie sich seine Muskeln unter dem glänzend-grauen Fell anspannen, wie er enge Wendungen nimmt, auf mich zu rast, dass mir bange wird und im letzten Moment die Kurve kriegt. Ich habe mal wieder Glück gehabt und schenke ihm als Belohnung ein Lächeln samt Leckerli.

Jetzt grast er und ich mache mir Gedanken über seine Verdauung. Nein, Schluss damit. Er grast. Es ist wie es ist. Und weiter. Richtung Butterblumen. Ich pflücke total gerne Blumen, ich genieße es wie ein Privileg, ein Stück Natur mit nach Hause bringen zu dürfen. Ich ertappe mich im Hier und Jetzt. Es ist einfach nur ein friedlicher Augenblick, in dem es mir genügt, ich und hier zu sein. Mit Lemmy. Und an vielen Tagen ohne Hund. Dann fragen mich die Menschen, die ich vom Spazieren kenne und lange nicht mehr gesehen habe, nach meiner verstorbenen Sina. Es ist immer noch schmerzlich.

Kurz vor Zuhause, ich bin verzückt-entrückt wie ganz oft, wenn ich das Leben da draußen bestaune, trete ich auf eine Schnecke. Es knirscht. Ich blicke mich um und sehe… Matsch und drüber ein gebrochenes gelb-schwarzes Gehäuse. Es tut mir leid. Vor lauter Achtsamkeit üben war ich wohl unachtsam am Ende.

Also doch kein Happy End. Gar nicht so einfach, das Positivsein. 

17.05.2017


Für immer und ewig

Ich war auf zwei Vorträgen von Dr. med. Rüdiger Dahlke. Ihr wisst schon, das ist derjenige, der die vielen Bücher über das Thema Psychosomatik geschrieben hat. „Krankheit als Weg“ ist wohl das Bekannteste. Endlich hatte ich Gelegenheit, ihm einmal zu lauschen. Ich muss gestehen, ich bin ein Stück weit geläutert: Auf was soll das Ganze eigentlich hinauslaufen – auf das ewige Leben?

Das Gedankengut ist mächtig und tiefgreifend. Es geht vorwiegend darum, dass wir alle (Problem-)Themen haben, die sich mehr oder weniger dauernd zeigen. Zum Beispiel kann es sein, dass jemandem – das war eines von Dahlkes Beispielen – ständig jemand hinten drauf fährt. Also nicht nur einmal, was ja jedem einmal passieren kann. Sondern öfters. Auffallend häufig also. Dann kann oder besser sollte man sich Fragen stellen wie „Wo stehe ich anderen im Wege? Wobei und wozu benötige ich ständig einen Anschubser? In welchem Bereich müsste ich mal auf die Tube drücken, Gas geben, statt der Bremser zu sein?“. Klingt irgendwie einleuchtend und entspricht meiner Denke. Denn ich glaube auch, dass eine merkwürdige Häufung gleicher Ereignisse oder auch Themen, die dir folgen – von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von Beziehung zu Beziehung, von Wohnung zu Wohnung – etwas mit dir zu tun haben und eine Botschaft für dich enthalten, die es zu entschlüsseln gilt. Mit der Be-Deutung, dass du kein Opfer der Umstände, sondern Teil des Problems und somit auch Teil deiner Lösung bist, geht es zumindest mir in meinem Leben gut. Alles ist ja auch besser als sich schicksalhaft ausgeliefert zu fühlen, oder?

Das Gleiche kann man Dahlke nach auch mit Krankheiten oder ihren Symptomen machen. Halte ich grundlegend auch für schlüssig oder zumindest für in vielen Fällen einleuchtend: Du steht durch dich selbst, so wie du bist, und mit deinen ungelösten Themen in einem andauernden Spannungsfeld mit deinem Lebensrahmen, aus dem Stress erwächst – die bedrohliche Bewertung in deinem Gehirn, der Situation nicht gewachsen oder ausgeliefert zu sein. Das kann fraglos krank machen, wenn man den Gefühlen (Emotion, das hat auch was mit „beweg´ dich!“ zu tun) kein Gehör schenkt und sich nicht als Change Manager seiner eigenen Geschicke auf einen neuen Weg macht.

Wenn ein Mensch im Alter nicht nur ein insuffizientes Herz bekommt, sondern dieses auch physisch vergrößert ist, könnte das dafür sprechen, dass sein unbewältigtes Lebensthema war und ist, sein Herz groß und weit zu machen. Wenn eine Frau Brustkrebs bekommt, könnte dies dafür sprechen, dass sie sich nicht offensiv und radikal (so wie der Krebs das jetzt tut mit seinem Wachstum) mit Themen wie Mutter- und Partnerschaft auseinandergesetzt hat. Wenn ein Raucher ein Bronchialkarzinom bekommt, könnte das damit in Verbindung stehen, dass er sich nicht für sein wahres Ich in der Kommunikation eingesetzt hat. Sagt Dahlke. Nicht ich.

Wie auch immer. Als die Ernährung ins Spiel kam, fragte ich mich letztlich in der schlaflosen Nacht, die auf die Vorträge folgte – mir gingen unendlich viele Gedanken durch den Kopf, die sich sortieren wollten, ausgerechnet nachts: Auf was soll das Ganze eigentlich rauslaufen? Auf das ewige Leben? Wir sterben ja alle früher oder später, das ist Fakt. Wie und wann, das ist ungewiss. Aber nützt alles nichts. Wir sterben. Müssen wir uns auf dem Weg dahin denn unbedingt vegan ernähren – auf tierisches Protein jeglicher Art verzichten und im Idealfall auch noch glutenfrei leben?

Was essen wir dann noch? Was genießen wir dann noch? Wie kompliziert ist das dann, im Alltag, im Urlaub? Ich esse seit drei Jahren kein Fleisch mehr. Einfach so. Das ist schon kompliziert genug, man denke nur an fränkische Gaststätten, die Menschen, die wir ab und an zum Essen begleiten, gerne aufsuchen. Da gibt es Braten, Braten, Braten. Käsespätzle. Punkt. Iss´ halt Kloß mit Soß´! Na klar. Und die Soße? Ist aus Spinat, oder was?

Muss das denn wirklich sein, dass das ganze Leben nur aus Überlegungen besteht, dass wir noch verkopfter werden als wir ohnehin schon sind und das jeglicher Genuss völlig verschwindet, weil wir entweder unsere Themen bewältigen und verdauen müssen oder statt Weizen Hirse und statt Joghurt Soja käuen? Kein Mensch hat jemals so viel Soja gegessen wie wir, die wir auf Fleisch verzichten, da bin ich mir sicher. Ob das so zuträglich für unseren Körper ist, sei dahingestellt. Ich bin jedenfalls zu einer Haltung gelangt: Wenn ich mich über das, was ich esse, freue, wenn es mir schmeckt, dann sind Pommes mit Mayo und Ketchup bestimmt genauso gesund wie eine Karotte im Salatblatt an Mangosud. Und beides ist bestimmt ungesund, wenn ich nichts anderes mehr zu mir nehme. Muss Achtsamkeit unbedingt so weit in die Beschränkung an Wahlmöglichkeiten gehen, wo ich doch eh irgendwann sterbe? Werden wir je alle Themen gelöst, alle Probleme bewältigt, unsere Persönlichkeit bis zum Ende der menschlichen Fahnenstange optimiert haben? Sterben wir dann trotzdem früher als wir müssten, weil wir uns schon zu lange mit dem Wachstum gequält haben? Wir werden es nie genau wissen. Und deshalb esse ich weiterhin mein Joghurt. Punkt.

09.05.2017


Ins Leben gehen

Die vergangenen Wochen waren voller Ereignisse. Und anlässlich dieser wurde mir wieder einmal klar, dass es nicht nur oft, sondern auch bei den meisten unserer (Problem-)Themen und Krankheiten um die Frage geht: Gehst du ins Leben – bleibst du jetzt lebendig – oder ergibst du dich und gibst (du dich) auf. Im wahrsten Sinne geht es um Leben oder Tod. Darauf müssen wir wohl immer wieder eine Antwort finden.

In einem Seminar neulich – ich referierte über mein Lebensthema Burnout – gaben sich einige Teilnehmer als ehemals von der Erschöpfungsdepression Betroffene zu erkennen. In dieser Häufung und mit dieser Offenheit passiert das selten. Es war, das könnt ihr euch denken, ein eindrucksvolles Seminar, bereichert von den sehr persönlichen Schilderungen, Emotionen und auch von den Botschaften, die aus dem Erlebten ins weitere Leben mitgenommen wurden. Eine Teilnehmerin bewegte der Austausch zu Tränen: Sie sei inmitten einer Depression, nicht zum ersten Mal und momentan medikamentös eingestellt, um so das Wesentliche bewältigen und mindestens funktionieren zu können. Das teilte sie uns mit.

Wir anderen lauschten betroffen und gebannt. Da meldete sich eine es bestimmt gut meinende Kollegin zu Wort: „Glaub mir, wir wissen, wie es dir geht. Das geht vorbei. Das wird schon wieder.“ Einige andere nickten bestätigend mit den Köfpen. Das Weinen wurde stärker. Wir verstärkten das Leid, indem wir mitlitten. Mitleid und Mitgefühl liegen übrigens  Lichtjahre voneinander entfernt.

Niemand kann wissen wie es einem anderen Menschen geht. Es sei denn, er hat sich die Mühe gemacht, ganz und gar zu lauschen, ganz Ohr zu sein, die Emotionen auszuhalten und mit dieser absoluten Zuwendung, womöglich mit den richtigen Fragen (sofern der andere die Bereitschaft zeigt, andere Menschen teilhaben zu lassen), mehr Einsicht in das persönliche Erleben zu gewinnen. Wenn wir nach bereits wenigen Sätzen des Austausches zu wissen glauben, dann verlassen wir die Augenhöhe. Wir gehen zurück auf unsere eigene Erlebens- und Erfahrungsebene und stellen uns über den anderen (der sich ziemlich dumm vorkommen muss: „Wie können andere so schnell wissen, während ich mir seit Jahren die Zähne an meinem Leid ausbeiße?).

Ich hatte bei dieser Workshop-Teilnehmerin das Gefühl, dass eine Entscheidung noch nicht mit Klarheit getroffen wurde. Die Entscheidung, ins Leben zu gehen. Meine Intuition sagte mir, dass dieser Mensch dem Tod momentan näher steht als dem Leben.

Leben heißt, zu sich zu stehen und sich mit aller Kraft und Entschlossenheit den Themen des Lebens zu stellen. Durch sie hindurchzugehen. Aufzustehen. Weiter zu gehen. Diese Entscheidung stand noch aus und ich meine, das defizitäre Selbstwertgefühl, das die Erlaubnis erteilt, dies auch zu dürfen, als elementaren Hinderungsgrund geortet zu haben. Dazu muss ich das auslösende Thema der Depression auch schlussendlich gar nicht kennen.

Wenn der Wert, den man sich selbst zuschreibt, nicht reicht – du dich als unzureichend, unzulänglich, ungenügend bewertest – erlaubst du dir nicht, zu leben wie du es brauchst und wie es dir zusteht. Du unterdrückst einen Teil in dir, der erhört werden will und lässt diesen Wesensanteil mit seinen Bedürfnissen nicht ans Licht, hältst ihn im Schatten. Und der Schatten bahnt sich aus dem Unterbewusstsein heraus seinen Weg. Sei es durch eine physische Erkrankung. Sei es durch eine psychische Erkrankung. Oder auf beiden Wegen.

Die Teilnehmerin, die ich natürlich fragte, wie sie sich selbst um ihr Leid kümmert, sagte, sie mache eine Hypnotherapie. Als ich systemisches Gedankengut in das Gespräch einbrachte, kontaktierte sie mich im Anschluss, wo sie eine Familienaufstellung machen könne. Sicher, es gibt viele Wege. Doch der einzige Weg, der meiner Meinung wirklich heilsam ist, ist die Beziehung zu dir selbst zu heilen.

Als ich dann vor zwei Tagen auf einem Kongress mit anderen Coaches und Trainern selbst der Intervention auf den Leim ging „Schreibt mal die zehn wichtigsten Menschen in eurem Leben auf!“ – keiner hatte sich selbst dazu notiert – wurde es auch mir wieder deutlich: wir sind der einzige Mensch, mit dem wir unser Leben lang zu tun haben werden, deshalb müssen wir alles erdenklich Mögliche für uns tun, um uns mental und physisch gesund zu halten. Und was wirklich wichtig und gut für uns ist, das können nur wir selbst wissen.

Wer also von der Welt erkannt werden und Anerkennung empfangen will, sei es in der Partnerschaft, von Freunden, von Kollegen oder Vorgesetzten, der darf sich selbst weder verkennen, noch verleugnen. Und wenn wir von außen zu wenig Wertschätzung erfahren, dann sollten wir uns in Anbetracht dieses Spiegels unserer momentanen Realität ab sofort jeden Tag im Spiegel betrachten, uns fragen, wer uns da anblickt – und ganz nebenbei auch einen prüfenden Blick zuwerfen, der bemisst, ob wir denn auch anderen gegenüber an Wertschätzung sparen oder mit ihr verschwenderisch umgeben, sie in Fülle nach außen bringen.

Wer Wertschätzung will, muss sich nicht zwingend einen Hund zulegen. Es kann auch nützlich sein, sich selbst zu umhegen, zu pflegen, lieb zu gewinnen, zu bespaßen, zu füttern und zu führen. Besonnen zu bleiben auf all den tagtäglichen Gassiwegen und gleichermaßen quietschfidel die Nase in den Wind zu halten, um Witterung aufzunehmen, wenn uns andere wertvolle Artgenossen oder persönlichkeitsrelevante Themen begegnen. Womöglich sollten wir das erst einmal üben, b e v o r wir uns einen Hund kaufen oder sogar einen zweibeinigen Lebensgefährten anlachen. Ich vermute, damit könnten viele von uns eine Weile beschäftigt sein: Liebe dich selbst wie deinen Nächsten. Ich wünsche uns allen gutes Gelingen. Weiterhin.

04.05.2017


In den Ring steigen oder nicht?

Reden können wir ja. Zumindest, wenn wir ein intaktes Sprachorgan haben. Doch das heißt leider nicht automatisch, dass Kommunikation gelingt. Woran es liegen könnte? An unserer Art zu sprechen – und vor allem an unserer Haltung…

Ein Beispiel zum Thema: Letzte Woche musste ich etwas aus dem Druckladen abholen. Da wie schon so oft kein Parkplatz frei war, erlaubte ich mir (in Anbetracht der mutmaßlich nicht zu überschreitenden drei Minuten Standzeit), mein Auto auf einem Behindertenparkplatz abzustellen. Was nicht toll ist. Keine Frage.

Als ich nach der erwartungsgemäß kurzen Abholzeit der Drucksachen wieder zu meinem Wagen kam, hatte sich dort ein städtischer Verkehrswachmann postiert, schon etwas rot befleckt im Gesicht. Kaum trat ich als Fahrzeughalterin in Erscheinung, holte er tief Luft, um mich über meine Verbotsüberschreitung zu informieren. Laut. Keifend. Herablassend. Von oben herab. Wie das oft so ist bei den belehrenden Zeitgenossen, sagen sie dir nicht einmal, was du verbrochen hast. Sie wiederholen das Ganze wieder und wieder, so dass das innere Verteidigungssystem hochzurüsten beginnt und schon einmal Abwehrbotschaften á la „glauben Sie, ich bin völlig verblödet oder warum wiederholen Sie sich – und das auch noch in dieser Lautstärke – nun schon zum dritten Mal?“ vorformuliert.

Um Selbstbeherrschung bemüht, habe ich mich aber stattdessen an meine eigene Gebrauchsanleitung für derlei Situationen gehalten. Sie lautet: Erst einmal ruhig bleiben und atmen!

Ich atmete also und ließ ihn mich mit seiner Berliner Schnauze (!) anplärren. Auf Kommunikation auf der Sachebene konzentriert, gab ich lasche Erläuterungen von mir (die allerdings der Wahrheit entsprachen): „Ich dachte, man dürfe – wie auch im eingeschränkten Halteverbot – drei Minuten stehen bleiben“. Das beeindruckte den Wachmann allerdings nicht, sondern ermutigte ihn zum Weiterausholen: „Sie haben Glück, dass wir hier nicht in Berlin sind. Da würden Sie jetzt nämlich über die 30 € hinaus auch noch…“ – ich hörte nicht mehr zu. Ich überlegte nämlich währenddessen, ob ich nun nicht lieber doch mit ihm in den Ring steigen wolle, was sich in etwa so hätte anhören können: „Wissen Sie was? Ich bin kein Depp. Bestrafen Sie mich einfach. Los! Ich zahle die 30 € gerne, Hauptsache, ich bin Sie los.“

Oder aber, ob es eine Lösung geben könnte, die den Gott der Parkplätze milder stimmen würde.

Intuitiv griff ich zur geeigneteren Waffe. Sie tut keinem weh und nützt meist. Nennt sich Charme. Ich also, etwas debil grinsend: „Wieso sagen Sie denn so etwas? Ich l i e b e Berlin!“

Da huschte ihm ein kaum merkliches Lächeln über´s Gesicht – und er ging (immer noch schimpfend) von dannen.

Merke: In den Ring steigen muss man sich leisten wollen und können. Der Profit mag im ersten Moment Genugtuung sein. Doch die geht zu Lasten der anderen Person. Ich investiere lieber in den Frieden. Und ab und zu in eine neue Klamotte. Das finde ich schicker.

21.03.2017


Wahre Schönheit kommt von innen

Erinnert ihr euch an diesen Claim von Merz Spezial Dragees? Im Grunde glaube ich daran: Wer mit sich zufrieden ist und sein Leben als ein gutes empfindet, der strahlt das auch aus. Das mag dann auch sich rasant vermehrende Fältchen, dünner werdendes Haar und rot geäderte Augen kaschieren…

Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir unzufrieden und grummelig, zweifelnd und hadernd, dauerhaft rastlos oder ständig müde sind, auch an uns selbst nichts mehr schön finden können. Der Blick wandert dann gnadenlos auf die Löcher im Käse – will heißen auf das, was uns ohnehin an uns selbst eher miss- als gefällt.

Umso überraschender war es für mich neulich, als ich in München zum Seminar und von Schmerzen geplagt war, dass ich ein Kompliment bekam. Wie immer unterhielt ich mich eingangs sehr angeregt und angenehm mit meiner PE-Ansprechpartnerin, als diese an passender Stelle im Gespräch sagte: „…was, Sie sind schon 48? Sie wirken viel jünger!“ Erstaunt hat mich das deshalb, weil ich vor rund zwei Jahren während eines Seminars – es war am Tag nach meinem 46. Geburtstag und ich weiß nicht, was mich ritt – mein gut gelauntes Publikum um eine Altersschätzung bat. Das Ergebnis wollt ihr nicht wissen. Ich war schockiert, denn die Statements reichten von Ende 30 bis Ende 50. Aktuell, also neulich, fühlte ich mich außerdem physisch schlecht, so dass ich kaum glauben konnte, was ich da hörte. Aber jetzt kommt´s: ich nahm diese unverhoffte Geschenk während des ganzen Workshops gedanklich mit und profitierte sogar noch mehrere Tage davon. Ich freute mich richtig!

Dann war ich letzten Samstag mit Julia auf einer Jobmesse. Wir hatten beide nicht wirklich Elan, stützten uns aber gegenseitig bei der Bewerbung unserer Seminarleistungen. Vor Ort hatten wir ein sehr lustiges Geplänkel mit einem Security-Typen, der uns bei wiederholter Begegnung und ganz ohne Anmache fragte, ob wir – er bezog sich auf unser „strahlendes Lächeln“ – irgendwas mit Zahngesundheit zu tun hätten. Sehr erheitert und inspiriert von unserer Außenwirkung hatten wir dann ein paar wirklich gute Gespräche mit potenziellen Firmenpartnern.

Und gestern, als ich mal in Normalklamotte in den Reitstall radelte, sagte mir eine junge Freundin, wie toll sie meinen Style findet und sie klang dabei so richtig positiv und ehrlich begeistert.

Ja, das erhellt meine subjektive Weltsicht doch ganz erheblich und dergleichen Balsam auf der Seele entfaltet zusammen mit verabreichtem Vitamin B12 eine exorbitante Energie. Längst vergessen geglaubte Kräfte entfalten sich gerade und, obgleich es nicht zum Bäumeausreißen reicht, könnte ich schwören, jetzt kommt mal wieder was richtig Gutes, Frisches, Neues auf mich zu. Passend zum Seminar „Neue Wege gehen“, das ich am BZ Nürnberg nächste Woche besuchen werde.

Was ich euch hier mitteilen will, soll bitteschön nicht als Selbstbeweihräucherung verstanden werden: Ich möchte daran erinnern wie wichtig Wertschätzung ist und das sage ich ja nicht zum ersten Mal. Wertschätzung fließt, wenn euer Gegenüber das Gefühl hat, von euch aufgewertet zu werden. Das kann durch ein liebes Lächeln, ein herzliches Danke, ein einfühlsames Gespräch, eine erbetene Hilfestellung (auch das ist wertschätzend, sofern ihr dem anderen tatsächlich die Wahl lasst und keinen Druck ausübt – sonst wird die Bitte nämlich zur Erwartung!) geschehen. Und eben auch durch ein ehrlich gemeintes Kompliment.

Macht mit mir mal dieses Experiment: Lasst uns in den nächsten Tagen ganz bewusst darauf gucken, wo wir anderen durch ausgedrückte Wertschätzung eine kleine Freude im manchmal grauen Alltag machen können. Und freut euch an der Wirkung, die ihr erzielt. Da der Wetterbericht gen Wochenende bereits wieder Regen meldet, könnt ihr als Lichtblick in Menschengestalt die Schönheit im Inneren des anderen zum Strahlen bringen. Ganz ohne Merz Spezial Dragees.

16.03.2017


Auch Probleme sind relativ

Die letzten Wochen kamen mir schwer vor. Tatsächlich gab es Tage, da dachte ich, in dieser Form nicht länger leben zu können. Eine andere Art, mein Dasein zu fristen, fiel mir allerdings auf die Schnelle auch nicht ein. Deshalb atmete ich einfach weiter, nahm Traumeel und Johanniskraut. Und jetzt? Habe ich auch durch Torsten Sträter neue Einsichten gewonnen!

Die vergangenen beiden Monate warteten mit einer völlig neuen Erfahrung auf: Mein linker Fuß „zickte“ gehörig. Mal ging es ihm besser, mal schlechter. Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge waren nicht wirklich erkennbar, was eine rein kognitive Problembewältigung enorm erschwerte. Die mit Unterbrechung andauernden Schmerzen brachten bald meine ohnehin fragile Psyche zum Einknicken und trübten meinen Blick auf die Welt. Arbeitsbedingte Anforderungen, die ich sonst routiniert stemme, wurden zeitweise zu Herausforderungen. Sonstiger Schmarrn mit Nervpotenzial brachte mich unverhältnismäßig schnell in Rage.

Unter dem Strich wurden aus vielen Mücken Monster, die sich an folgenden Gedanken nährten: Was, wenn ich mit einer Schmerzattacke im Workshop stehe? Was, wenn das ohnehin kriegerische Team meine Verwundbarkeit wittert? Was, wenn ich das ständige Kupplungtreten im Auto nicht mehr schaffe, geschweige denn den Weg vom Parkplatz zur Location? Wenn ich mein Pferd weder führen, noch reiten kann? Operiert werden muss? Wochen- oder gar monatelang ausfalle? Und danach meine vollumfängliche Belastbarkeit nicht mehr wiederkommt?

Ich vermute, es war der körperlich-seelische Dauerstress, der an meiner Resilienz nagte. Alles setzte mir mehr zu als gewöhnlich. Brachte mich an meine Grenzen.

Und nun?

Geht es mir wieder besser!

Hoch drei:

Erstens, weil mir der Zufall (an den ich ja bekanntermaßen nicht glaube) eine Krankengymnastin geschickt hat, die schon einmal das gleiche Fußleiden hatte wie ich und die mir Hoffnung macht.

Zweitens, weil ich die Faschingsferien genutzt und für drei große Lebensbereiche Strategien entwickelt habe, z. B. werde ich beruflich mehr auf mich aufpassen, private Energiefresser auf zwei Beinen meiden, verstärkt in die Beziehung zu meinem Pferd investieren und alles aus der Reihe „sonstiger Schmarrn mit Nervpotenzial“ milde lächelnd verabschieden.

Drittens habe ich am vergangenen Samstag mit meinem Mann die Comödie Fürth besucht. Torsten Sträter – einer unserer Lieblingskünstler – gastierte in der Kleeblattstadt. Ich freute mich wie verrückt auf den Abend. Als wir kurz vor Vorstellungsbeginn am Theater ankamen, sah ich plötzlich meinen Star rauchend und Kaffee trinkend vor der Türe stehen. Ich ging zu ihm und ließ ihn wissen, wie sehr ich auf den Abend und „endlich mal wieder was zu lachen“ hingefiebert hatte. Da sagte er mit seiner vollen Stimme und jedes einzelne Wort betonend: „Ja, was w a r denn?“

Ich: „Wollen Sie das wirklich wissen?“

Er: „Ja, klar!“

Und da wusste ich nicht wirklich in Worte zu fassen, was mich so gequält hatte. Etwas von Hund und Job faselnd, kam ich mir total unterbelichtet vor. Doch eine erhellende Eingebung folgte der Begegnung, die ich mir (meinerseits) deutlich strahlender, glänzender und natürlich völlig anders vorgestellt hatte:

Womöglich habe ich es wieder einmal geschafft, die Dinge schwerer zu machen als sie sind. Die Widrigkeiten des Lebens, mit denen ich zu tun habe, sind doch – trotz Betrübnis – relativ überschau- und händelbar. War mir also meine Gelassenheit einmal wieder abhandengekommen auf der zugegebenermaßen bewegten ersten Wegstrecke des Neuen Jahres. Ich hatte meinen guten Vorsatz einfach aus den Augen verloren, dafür hat mich jetzt der Zufall (?) um die schaurig-schöne Begegnung mit Torsten Sträter bereichert.

Ist jedenfalls schon immer wieder beeindruckend wie beharrlich Verhaltensmuster sind. Ich staune. Und arbeite jetzt mal wieder gewissenhaft mit Affirmationen. Falls ihr, liebe Leser, auch eine wollt, könnt ihr euch meines aktuellen Tischkalender-Spruches von Martin Luther bedienen: „Die ganze Welt ist voller Wunder.“ Wir müssen nur immer wieder neu lernen, sie zu sehen.

07.03.2017


Haltlos glücklich?

Passend zu meinen Gedanken von letzter Woche, beschert mir das Leben Begegnungen. Was bedeutet es, Halt im Leben zu finden – oder haltlos zu sein? Ich habe zumindest auf diese Frage eine Antwort: Haltlos heißt, es gibt nichts, das mich hält. Vielleicht nicht hier, in Erlangen. Oder in Deutschland. Manche Menschen haben aber auch einfach nichts mehr, das sie im Leben hält. Nachvollziehbar?

Vor wenigen Tagen hat mich die (Horror-)Nachricht erreicht, dass eine liebenswürdige Bekannte ihr fast 30-jähriges Pferd einschläfern lassen musste. Ich rief sie an, um sie zu fragen, wie es ihr geht. Und um mein Mitgefühl auszudrücken. Sie sagte in wohlüberlegten Worten, dass ihr nun emotional gesehen nichts mehr passieren könne. Mit schlussendlich ihrem langjährigen tierischen Freund habe sie nun wirklich das letzte Lebewesen, das sie liebte, verloren.

Viele Menschen, die fundamentale Schicksalsschläge erlitten haben und denen, womöglich auch in Anbetracht altersbedingter Einschränkungen die Gesundheit schwindet, fragen sich, wie und ob sie noch Kraft aufbringen können für irgendeinen neuen Anfang. Sei es eine Partnerschaft, den Anschluss an eine Interessensgruppe, ein Tier, eine Aufgabe. Ich kann es verstehen und konnte das auch schon immer, wenn jemand für sich entscheidet, nichts mehr beginnen zu können und zu wollen.

Eine Freundin, mit der ich dieses Gedankengut teilte, schrieb mir: „Nein, aufgeben geht nicht. Man muss sich immer neue Herausforderungen suchen, dem Leben einen anderen Fokus geben…“. Ich finde, man m u s s das nicht.

Eine andere Freundin, die wie ich vor vielen Jahren einer seelischen Krise entwachsen ist, gab mir gestern Recht. Obwohl zum Kämpfertum erzogen, hat sie die Krise gelehrt, wie Sinnleere und Erschöpfung Richtung Aufgeben anstiften können.

Woher kommt es aber, dass manche Menschen so einen tief eingeprägten Überlebenstrieb besitzen, der sie über sämtliche Unerträglichkeiten hinwegträgt und für andere das Aufgeben immer als Ausweg mental mitschwingt?

Meine Oma konnte im hohen Alter weder mehr sehen, noch laufen. Geschweige denn selbständig Nahrung zu sich nehmen und anderen alltäglichen Verrichtungen hilflos nachgehen. Alles, was ihr einmal am Herzen lag, konnte sie nicht mehr tun. Und dennoch wollte sie mindestens 100 Jahre alt werden. Warum? Und weshalb sind manche bereits in der Mitte des Lebens, vom Schicksal gebeutelt oder nicht, überfordert und sinnentleert?

Ist es eine systemische Blockade, fehlt die Erlaubnis, steht dem Menschen ein Leben in Fülle nicht zu? Ist es die geringe familiäre Zugehörigkeit, sind es die vielleicht vielen, aber viel zu unverbindlichen Kontakte? Ist es die minimalistische spirituelle oder religiöse Überzeugheit, der Mangel am Glauben zu wissen, wozu das große Ganze gut ist? Oder ist es einfach das zu Wenig an Freude und Leichtigkeit, das Gefühl, das Halt gebende Säulen im Leben zu fragil sind oder anfällig für Ärger sind?

Ich bleibe dran, denke und forsche weiter und werde berichten. Falls Ihr Ideen dazu habt, schreibt bitte an info@mein-zeitraum.de.

25.01.2017


Beschäftigt oder erfüllt?

Gestern habe ich endlich mal wieder so ein richtig gutes, intensives Gespräch geführt. Mit meiner zeitraum-Kollegin und Freundin Julia. Wir haben darüber diskutiert, ob es reicht, im Leben einfach beschäftigt zu sein oder ob es eine realistische Aufgabe ist, Erfüllung zu finden.

Ein Luxusproblem? Vielleicht! Es ist mir völlig klar, dass diejenigen unter euch, die Kinder und an sich eine größere Familie haben, oft so getaktet sind, dass sie sich nichts sehnlicher als ein wenig Zeit für sich wünschen. Doch was tun, wenn man so viel Zeit für sich und zum Nachdenken hat, dass man sich mehr Erfüllung als nur Beschäftigung wünscht?

Beschäftigung ist einfach. Da fällt mir sofort etwas dazu ein: vor zwei Jahren angefangenes Buch fertig schreiben, Fotobuch Algarve das letzte Finish geben, Sommermöbel-Schnäppchen für den irgendwann ja wieder frühlingsfrischen Garten fangen, farblich auf neue Handtücher abgestimmte Badteppiche googeln, abstauben, ausmisten, mehr lesen, Weiterbildungsmöglichkeiten suchen und finden, Akquise betreiben, Pferdetrense einfetten, Freunde treffen… .

Keine Lust.

Und einiges mache ich ja zwischendurch.

Nebenher.

Manches früh um 6, wenn ich noch willenlos bin.

Oder abends, wenn ich von Schokolade erfüllt dem müden Alltag etwas milder gesonnen bin.

Erfüllung ist anders. Da hüpft das Herz. Da quietscht das innere Kind. Da lechzt der innere Triebtäter nach mehr. Da steckt Antrieb drin, ein fundamentales Motiv.

Also haben uns Julia und ich gestern überlegt, wann das Herz das letzte Mal so richtig hüpfte. Sehr viel ist uns nicht eingefallen. Julia geht völlig auf, wenn sie mit ihrem Pferdefreund Cai mal „Einheit“ ist beim Reiten (Anmerkung: wir beide wissen aus Erfahrung, so etwas darf man nie aussprechen – just ist es damit immer vorbei, sobald man schwärmt), wenn ihr das Geigespiel gut gelingt und wenn sie eine gute Zeit mit netten Menschen hat. Mir macht es mehr als gute Laune, wenn in meinen Workshops mal das Miteinander so perfekt passt, dass fast überirdische Energien fließen, ich in der Stadt erfolgreich nach schönen Sachen jage, ab und an die Natur und – ja – als ich vor einigen Monaten mal bei Thorsten Sträter war. Das war lustig.

Erfüllung ist schwer.

Und es gibt – das haben wir gestern herausgefunden – nur zwei Herangehensweisen, die als gesunde Lösung taugen (Alkohol als nebulöse Egalzustände herbeiführende Alltagsdroge kommt für mich nicht mehr in Frage und Julia hat es damit nicht so im Überfluss):

Nach Erfüllung sucht ja nur der, der irgendwelche Energien übrig hat. Also kannst du überlegen, wo lässt du die Energien hinfließen, so dass sie sinnig investiert sind. Dieses zusätzliche Something im Leben muss sich (bei uns jedoch) an- und abschalten lassen und es darf nicht regelmäßig an einem bestimmten Tag stattfinden. Denn wenn wir jobbedingt viel unterwegs sind auf Bayerns Straßen, haben wir für Zusätzliches kaum Zeit.

Eine andere Möglichkeit ist, die allgemeine Beschäftigungslage massiv zu erhöhen und damit den Energiepegel zu senken. Dann hat man nämlich zum Denken keine Zeit mehr und Erfüllung ist rein energetisch gesehen schlagartig ein minimalistisches Thema, wenn nicht sogar völlig schnuppe.

Erfüllung. Das ist nicht nur „Fülle“ im Sinne von „volles Leben“. Erfüllung ist „voll mein Leben“. Und wer wir gerade sind und was wir wann genau brauchen, das ist wohl das Päckchen dahinter. Mit dem Öffnen gestaltet es sich bei mir offenbar genauso wie mit den vielen Verpackungen, an denen ich mir regelmäßig beinahe Fingernägel abbreche, Zähne ausbeiße und ohne meine Lesebrille verloren wäre: es ist mühsam, braucht genaues Hinsehen und den richtigen Dreh, bevor man zum Aufreißen kommt. Also ist wohl mal wieder Geduld angesagt. Gähn.

19.01.2017


Armes Neues Jahr!

Zu Beginn eines Jahres geht den meisten Menschen ganz schön viel im Kopf herum. Selig hingegen scheinen diejenigen, die sich überhaupt keine Gedanken machen – weder über das, was kommt, noch über das, was war. Sofern dieses Phänomen nicht stressbedingt ist, eine tolle Geisteshaltung: „Es ist wie es ist und das ist gut so“.

Da ich diese Haltung extrem erstrebenswert finde, habe ich mir als Motto für 2017 „Locker bleiben!“ auf die Fahnen geschrieben und diese frohe Botschaft, zusammen mit meiner selbst gebastelten Silvestercollage, ein paar Freunden gewhatsappt. Gemäß Feedback habe ich einen kollektiven Nerv getroffen. Offenbar gibt es noch andere, die immer wieder mit Unsicherheiten dealen und die Leichtigkeit des Seins propagieren müssen. Neulich im schlafnahen Gamma-Zustand während Reiki kam mir immer wieder „hoffentlich klappt dies und hoffentlich passiert jenes nicht in 2017“. Da fiel mir ein und auf, dass es für so ein Neues Jahr ganz schön überfordernd sein muss, sich mit all unseren mentalen Altlasten und meist grundlosen Zukunftssorgen konfrontiert zu sehen.

Schließlich reifte eine Idee: Was wäre, wenn wir uns einmal nicht fragen, was das Neue Jahr für uns tun kann, sondern was wir für das Neue Jahr tun können, damit wir ihm in unserem Leben 365 glückliche und gesunde, ganzheitlich gehaltvolle, lebenslustige und leichtsinnige, geschäftlich erfolgreiche und privat traumhafte, erlebnis- und geldreiche Tage mit tiefgründigen und vielleicht sogar hochgradig Nutzen stiftenden Zufällen, Shopping-Schnäppchen, die uns heiter stimmen und Erkenntnis-Häppchen, die uns weiter bringen, schönen Reisen und einem Lottogewinn… bescheren?

Die Lösung liegt in der Frage selbst. Wer nichts tut, bei dem tut sich vermutlich nichts im gewünschten Sinne und – ach, Gott – der hat dann ein armes Neues Jahr. Je nachdem also, wie viel wir in den nächsten 365 Tagen materialisiert haben wollen, gibt es tendenziell zwei Möglichkeiten:

A) Wenig wollen und dafür kaum einen Finger krumm machen müssen – dann können wir uns aber Prozess begleitend auch gleich darin üben, uns über nichts und niemanden zu beschweren

oder

B) viel begehren und in eben dieser Relation Energie aufwenden i. S. v. Lage fortwährend sondieren, auf Chancen fokussieren, am Leben bleiben, uns als Menschen managen und unser Schicksal steuern – und uns gehörig über unsere Erfolge freuen.

Freilich gibt es auch Ereignisse, die wir machtlos hinnehmen müssen. Schon klar. Hier bleibt uns nichts anderes übrig, als mit den Konsequenzen umzugehen und mit ihnen leben zu lernen.

Wie auch immer. Locker bleiben kann so oder so selten schaden. Ich wünsche euren jeweiligen Neuen Jahren jedenfalls viel Vergnügen mit euch als kompetente Frauchen und Herrchen – und euch 365 Tage voller Bewusstheit, was ihr wirklich braucht. Denn nur darauf kommt es an.

11.01.2017


Gedankengut für Gans & Karpfen

Am Wochenende hat mir eine langjährige Freundin eine What´s App geschrieben. Sie erzählte von ihren aktuellen Trennungs-Nachwehen, bezog sich schließlich auf das trotz allem wundervolle Wetter und schloss mit: Alles wird gut. Da kam mir ein Gedanke, den ich mit ihr und euch teilen wollte: Was ist, wenn alles nicht erst gut wird, sondern bereits gut ist?

Das mag jetzt für euch beim ersten Drüberlesen etwas wirr daherkommen. Aber kommunizieren wir nicht häufig im Futur und tauschen uns über Dinge aus, die in der Zukunft liegen? Was wir dabei womöglich übersehen ist, dass Gedanken Energie haben und somit tatsächlich auch Erlebnisse in Bewegung bringen können. Zumindest solche, an denen wir beteiligt sind (Anmerkung: die Hoffnung, dass unsere Gedankenkraft tatsächlich reicht, um Bargeld direkt in den Briefkasten fließen zu lassen, habe ich aufgegeben – vielleicht glaube ich aber auch einfach zu wenig daran).

Zurück zum Thema. Alles wird gut. „Es“ wird also erst in Zukunft gut, vielleicht in ein paar Monaten, wenn meine Freundin Pech hat (und nicht mitwirkt), auch erst in einigen Jahren. Und wenn jemand beispielsweise sagt, dass er sich Sorgen macht über die Entwicklung seines Kindes in der Schule, ist der Zweifel ja bereits inkludiert und geht bestimmt am allerwenigsten an diesem selbst spurlos vorüber. Eine meiner Stall-Kolleginnen hat derzeit Angst, vom Pferd zu purzeln, zumal das Tier für sie neu und sie schon lange nicht mehr gefallen ist. Da kannst du quasi drauf warten, dass es passiert. Und wenn ich ihr vorrechne, dass bei etwa 200 Mal Reiten im Jahr ein Sturz drin sein muss, siehst du ihr förmlich das Blut aus dem Gesicht weichen. Also wird es sicher in Kürze geschehen.

Locken wir an, was wir befürchten? Ich glaube ja. Halten wir Positives ab, das wir in die Zukunft verlegen. Ich denke schon. Also: Darf es auch schon heute gut s e i n? Warum bewerten wir ständig, was uns umgibt? Vielleicht ist es schlicht goldrichtig, wenn jemand, der die Familie betrogen hat, so schnell es geht geht. Womöglich taugt es auch zu irgendwas, wenn ich vom Pferd fliege – vielleicht bin ich dann wach und achtsam im Anschluss. Und kann es auch in Ordnung sein, dass jemand an Latein scheitert, eine Prüfung nicht bewältigt oder einen bestimmten Arbeitsplatz nicht bekommt – am Ende ist das sogar genial, weil einfach der richtige Weg? Wer sich fühlt, als ob er überflüssige Pfunde mit sich herumschleppt und diese auf vielen Wegen des Verzichts nicht loswird – vielleicht sind die Pfunde dann gar nicht überflüssig, sondern wichtig für das innere Gleichgewicht? Natürlich kann man auf diese Weise all das entschuldigen, was man nicht gemeistert hat. Davor möchte ich warnen, denn das schlichte Ausruhen auf „es hat nicht sollen sein“ in jedweder Lebensbegebenheit, das ist mir dann doch zu einfach und bringt keinen Menschen mehr aus seiner Komfortzone raus. Wir sollten schon wissen, was wir wollen und was uns glücklich (nicht -er) macht. Das sind wir uns in Anbetracht der potenziellen Einmaligkeit des Lebens einfach schuldig.

Ansonsten: Probiert das doch aus und nehmt die Ereignisse für eine Weile einfach als „gut für mich“ an. Mal sehen, was dann in und um euch herum geschieht. Das kann ich jedenfalls versprechen: eure Ängste schwinden und euer Vertrauen in das Leben steigt enorm.

Also experimentiert einmal ein bisschen. Weihnachtszeit ist ja Ausruhzeit. Da könnt ihr euch dann geflügelte Gedanken über Soll und Haben machen und mentales Mürbgebäck, an dem ihr euch schon das ganze Jahr die Zähne ausgebissen habt, zusammen mit Gans, Bratwurst und Karpfen (endlich) schlucken. Wohl bekomm´s!

13.12.2016


Der Tod im Leben

Heute habe ich einer Freundin, die in Niedersachsen lebt und auf Touren eine What´s App absonderte, geschrieben, dass ich hoffe, zu Weihnachten nicht noch besinnlicher zu werden als ich es ohnehin schon bin. Denn wenn ich tief in mich hineinhöre, was ich seit Reiki immer öfter mache, dann nehme ich manchmal mehr wahr als mir lieb ist. Den Tod um uns herum, beispielsweise.

Tod, Abschied, Verlust von geliebten Menschen und Tieren – das ist etwas, über das wir nicht gerne nachdenken, geschweige denn sprechen. Viele von uns verdrängen die lästige Tatsache, dass das Altwerden von Wesen nichts anderes ist als der schleichende Prozess der Vergänglichkeit. Kennt ihr das, liebe LeserInnen, auch, sofern ihr schon etwas betagter seid? Je nach Sportlichkeitsgrad und Bewegungsdrang – freilich, auch an euch wird dieser Abbau an Saft und Kraft nicht spurlos vorübergehen. Bei mir zwickt es seit einigen Monaten mal in der Leiste, mal knirscht es im Kiefer, mal drückt der Hallux, mal scheint mir die plötzlich überlang gewordene zweitletzte Zehe zum Fremdkörper geworden zu sein, der mich Schritt für Schritt daran erinnert, dass irgendwann selbst die bereits in zweifacher Ausführung (verschiedene Farben) erworbenen Tamaris-Schuhe mit Ultrageschmeidig-Fußbett nichts mehr helfen werden. Es ist ein Elend. Ich werde alt. Ja, auch ich. Und du da draußen, wir alle.

Im Prinzip müssten wir, wenn wir denn mit unseren lädierten Stimmbändern könnten, alltäglich Freudenjuchzer von uns geben und übermütige Sprünge machen, wenn es die Reiki-behandelte Muskelzerrung in der Wade gerade zulässt. Denn Altwerden, das ist schon auch eine Gnade – ich meine, leben zu dürfen bin in die höheren Zweistelligen. Jetzt klinge ich schon wie eine Greisin. Mag sein, dass mich Blacky Fuchsberger´s Buch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ ein wenig zu sehr inspiriert hat, noch mehr über all das nachzudenken, als ich es ja sowieso schon tue. Und gerade jetzt, in diesem Denken und Nachsinnen über das Er- und Überlebte, was ja gen Jahresende wieder typisch ist, kreuzt der Tod häufiger meine Wege. Letzten Freitag wurde der Stallkater Paule tot aufgefunden, vor wenigen Tagen mussten zwei Hundefreunde das Leben lassen und einige Senioren in der Nachbarschaft bauen so rapide ab, dass mir manchmal bange wird. Die Zeit scheint zu rasen und je älter ich werde, desto schneller geht das.

Seid ihr jetzt gespannt wie ich den Bogen zum Happy End hinbekommen werde? Gar nicht! Es gibt kein lustiges Ende, aber ein friedfertiges. Der Tod ist im Leben und ständig zugegen und es gilt, uns mit dieser unabänderlichen Tatsache auszusöhnen. Sorgenvolle Rückblicke in die Vergangenheit lohnen sich in Anbetracht dessen ebenso wenig wie angsterfüllte Szenarien, die der Zukunft gelten. Atmen wir weiter. Leben und lieben wir im Hier und Jetzt. Ja, lieben! Ich glaube das wird schließlich die Quintessenz sein – oder eine der feierlichen Abschlussfragen: Wer hat dich geliebt, wen hast du geliebt, warst du ein liebevoller und liebenswürdiger Mensch? Ich bleibe dran. Und ihr?

28.11.2016


Was ist schon normal?

In der ICD-10, der internationalen Diagnoserichtlinie der WHO, ist ja von „psychischen Störungen“ die Rede. Gemeint sind damit Befindlichkeitsbilder wie Persönlichkeitsstörungen, Depressive Episoden, Ängste und Phobien sowie Psychosen und dergleichen Unschönes mehr.

Manchmal allerdings frage ich mich, ob diese Begrifflichkeit der Störung wirklich gut gewählt ist. Denn sie macht ja die Patienten und Klienten glauben, sie seien nicht normal. Will heißen: sie entsprechen nicht dem, was menschlich akzeptabel und gewöhnlich ist. Doch stimmt das so wirklich und was ist denn schon normal?

Immer mal wieder und manchmal geballter als mir lieb ist mache ich die Erfahrung, dass es da draußen jede Menge Leute gibt, die „komisch“ wirken oder vielleicht sogar auch sind. Diese Zeitgenossen scheinen gar nicht zu merken, dass sie auf andere Menschen etwa einen Eindruck á la Reibeisen oder Sau am Sofa machen. In einem naheliegenden Lebensmittelmarkt haben wir so eine Kassiererin, die mich persönlich belustigt und fachlich gesehen neugierig macht, weil sie von Haus aus maximal giftig guckt und dazu jede Verhaltensauffälligkeit im Kundenumfeld mit tödlich anmutenden Blicken abstraft. Brüllt sich gerade ein Kind ins Koma, weil die Kaugummis nicht mit „Kevin-Johannes an Bord“ dürfen oder braucht eine augenscheinlich etwas weniger rüstige Seniorin einmal etwas länger, um das – zugegeben immer schwerer auseinanderzuhaltende – Centgeld zu sortieren, geht es im REWE nonverbal zur Sache. Ihre Augen werden schmal, die Stirn wirft Falten, der Mund steht verständnislos halb offen. Meine Augen fixieren sie, meine Muskeln spannen sich an, der Schweiß auf der Stirn wird vom ausgesetzten Atem begleitet. Aber es passiert dann regelmäßig doch nichts. Also atme ich weiter. Bis zum nächsten Mal.

Einmal habe ich einen im selbigen Moment wie ich präsenten, bemerkenswerten Vorfall an der Kasse auch echt „blöde“ gefunden und die Kassiererin humorvoll angesprochen: „Ist doch schön, wenn man alle Telefonate live und aus erster Hand mithören kann!“. Da hat sie mich ebenso grantig angeglotzt und mir ein irritiertes „Wieso jetzt?“ hingeraunzt. Seitdem sage ich nichts mehr und versuche, mich möglichst unauffällig zu verhalten. Ich weiß noch immer nicht, ob sie sich wirklich nichts denkt, wenn sie so schaut, oder ob sie so schaut, weil sie sich was denkt und das dann nur nicht sagt. Fakt ist, sie weiß nicht, wie unfreundlich sie wirkt.

Und glaubt ihr jetzt etwa, so jemand würde deshalb ins Coaching gehen? Nö! Also ist jemand so lange normal, wie er nicht selbst begreift, dass sein Verhalten irgendwie gestört, verstörend oder störend ist?

Und für wen überhaupt?

Kann jemand mit sich selbst glücklich sein, auch wenn sich das Umfeld mit Grauen abwendet? Ja! Das ist dann das wirklich Verrückte: diejenigen, die eine offizielle Diagnose wie „Angststörung“ oder „Depression“ oder „Burnout“ haben – die kann ich oft total gut verstehen und ihre Empfindungen teilen. Viele der so genannten intakten anderen kann ich weder verstehen, noch für sozial bewusst, geschweige denn kompetent einstufen.

Jetzt hab´ ich´s: Ich bin nicht normal. Und Julia ist es auch nicht. In diesem Sinne: Habt euch lieb, erlaubt euch eure Fehlbarkeiten, wachst und gedeiht weiter und seid auf dem Weg nicht so streng mit euch! Sonst werdet ihr vielleicht noch krank.

21.11.2016


Coaching ersetzt Denken und Handeln nicht

Vergangenen Donnerstag lief eine Reportage auf 3sat. Der tolle Titel lauete „Der Coaching-Wahnsinn“. Na, danke, habe ich mir gedacht, als ich früh das Fernsehprogramm überflog. Genau so eine Message brauchen wir nämlich nicht, Julia und ich. Wir arbeiten doch seit Jahren daran, Menschen verständlich zu machen, was Coaching kann und wo Coaching Grenzen hat. Deshalb und nicht nur aus diesem Grunde fand ich den Beitrag schon einmal von vornherein extrem kontraproduktiv. Klar musste ich mir das ansehen!

Die Sendung war dann doch ganz interessant, wenn auch für mich nicht wirklich nachvollziehbare Rückschlüsse erfolgten.

Sehr ausführlich gezeigt wurden ein Business-Schamane und ein Outdoor-Coach. Der Schamane setzte auf urschreigewürzte Rituale und ließ Teilnehmer mit blanken Füßen was auch immer in der Erde verscharren. Der Outdoor-Typ führt eine Horde mehr oder minder mutiger Führungskräfte auf einen alpinen Gipfel, über Hängebrücken, durch Wildbachtäler und in einen alten Stollen, in dem sie gebückt mehrere Stunden Hirn an Hintern durch die stickige Enge schlichen.

Zwischendurch kam immer mal wieder ein Wirtschaftswissenschaftler zu Wort, der uns Zuschauern erklärte, dass der Begriff Coach nicht geschützt ist, dass sich heute quasi jeder ein Schild an seine Türe schrauben kann und – das war das wirklich Irritierende – dass der Effekt von Coaching schwer messbar ist. Wohingegen eine Doktorandin, die das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Business-Coaching in Unternehmen mittels selbst renovierter ROI-Formel untersucht hatte, eine positive Erfolgswirksamkeit nachgewiesen zu haben glaubte. Ich schreibe das hier ein wenig ironisch, weil ich selbst folgender Meinung bin:

Es gibt viele Menschen und jeder ist anders. Folglich gibt es X-fach so viele Schuhe, die individuell potenziell drücken können. Warum darf es dann nicht auch zig verschiedene Wege, Tools, Methoden und dazu eben Helfer, Heiler, Coaches geben, die ganz subjektiv unterstützen können? Was uns angeht und das Privat- und Business-Coaching im zeit|raum, so haben wir eine umfassende Ausbildung genossen, die sich auf systemisches Gedankengut sowie auf NLP stützt. Wir sind zertifiziert von der European Coaching Association und waren beide vorher in der freien Wirtschaft tätig. Wir lieben, was wir tun und haben rund zehn Jahre Erfahrung.

Doch all das nützt auch nichts, wenn es bei unserer Mentalarbeit an der kognitiven und emotionalen Mitwirkung des Klienten mangelt. Gerade, wenn es um konkrete Verhaltensveränderungen geht, die jemanden etwa in puncto Beziehung oder Karriere weiterbringen oder einfach glücklicher machen sollen, bleibt die Coaching-Stunde dann ein reiner Besuch, statt ein gemeinsamer Akt der Ressourcenoptimierung. Wo keine Selbstreflexionsfähigkeit, da keine Entwicklungsmöglichkeit. Wo wenig Leidensdruck, da kaum Lust. Und wenn jemand nur ins Coaching kommt, um seinem Chef oder einem Familienangehörigen einen Gefallen zu tun – wir nennen diese Klienten „geschickt“ –, dann fehlen oft sowohl Einsicht, als auch Nachhaltigkeit.

Da kann der Coach dann noch so gut können und auch wollen – ohne den Menschen selbst geht halt einfach nichts. Und da lacht sich der Wirtschaftswissenschaftler, der auf 3sat munter seinen rationalisierten Senf zugab, dann ins Fäustchen, weil ja Coaching nicht sicher Erfolg verspricht. Wahnsinn! Ach, deshalb der Titel.

Heilversprechen dürfen wir übrigens sowieso keine machen. Denn Coaching kann ja das eigene Denken und Handeln nicht ersetzen. Und nicht nur Coaching nicht. Auch kein Arzt oder Apotheker. Schade eigentlich. Wäre alles so einfach, wenn man doch nur die völlige Verantwortung für sich nach außen verlagern könnte…

08.11.2016


Frische Energie – dank Reiki

Ich habe jetzt Reiki in den Händen. Lebenslänglich. Julia auch. Wie es dazu kam? Meine unablässige Suche nach Sinn hat mich meinen Weg mit der universell verfügbaren Energie kreuzen lassen. Und zwar in kurzer Zeit so häufig, dass ich mich schließlich entschlossen habe, es einmal auszuprobieren und am eigenen Leibe zu erfahren, was es damit auf sich hat. Ich kann nur sagen: Wow!

 Natürlich hatte ich Vorbehalte. Denn jeder, der Reiki bereits in sein Leben integriert hat, verspricht, dass (s)ich dadurch alles zu ändern vermag. Julia und ich empfanden dieses immer wiederkehrende Mantra „Eingeweihter“ als Drohung. Wollen wir diesen Wandel überhaupt? Darüber haben wir diskutiert (und nebenbei bemerkt, auch viel gelacht). Am letzten Wochenende war es dann so weit. Wir waren gespannt auf das Seminar mit Reiki-Meister Daniel Thimm, der seine materiellen Bedürfnisse bislang als Ingenieur einer Augenlaserfirma deckt. Daniel ist ein angenehmer und sehr wertschätzender Mensch. Jemand mit Bodenhaftung und Streben nach Höherem. Einer der weiß, wovon er spricht und – obgleich er eigenes körperliches Leid mit Reiki lindern konnte – nichts verspricht, außer neuer Energie. Und die haben wir erhalten.

 Im Wesentlichen kam es mir so vor, als ob ich noch nie zuvor so lange am Stück und so gedankenversunken und zugleich körperlich mit mir selbst beschäftigt war. Dass sich da am Abend des ersten Seminartages seelische Abgründe – emotionale Lasten – aufgetan haben, wen wundert das. Als Hausaufgabe über Nacht bekamen wir eine einstündige Selbstbehandlung mit Reiki zu Übungszwecken auf. Meine psychische Abwehr lief nach der Tränenflut wieder einmal auf Hochtouren. Kurz überlegte ich auch, am nächsten Tag einfach nicht mehr in Erscheinung zu treten. Aber ich kenne mich ja. So ist das mit mir, wenn ich mich zu Ruhe und Auseinandersetzung mit vergrabenen Gefühlen gezwungen fühle. Also ging ich natürlich auch am Sonntag brav in unseren Seminarraum. Allerdings entschied ich, mein Tempo geltend zu machen und meine Gefühle als Wegweiser zu nutzen. Interessant, dass die dann so gar nichts mehr dagegen hatten. Sie fanden Reiki irgendwann sogar voll gut und gaben sich dem kommentarlos hin. Wir haben uns nach all den Einweihungen (was genau da passiert, weiß niemand so genau) gegenseitig behandelt und erfahren, dass wir Reiki in Zukunft auch Tieren und Pflanzen angedeihen lassen können. Nun, vor allem unsere Büropflanzen hätten es dringend nötig. Und wir sowieso. Wie oft bringen auch uns, die wir als Trainerinnen und Coaches unterwegs sind, dichte Aufträge und herausfordernde Situationen an unsere Grenzen, die wir mit Professionalität zu wahren suchen. Also durfte reichlich Reiki fließen. Durch unsere Hände zu den anderen Teilnehmern und durch deren Hände zu uns selbst.

Am Abend und zu Seminarende war ich voller Energie. Das meine ich ernst! Nie zuvor war ich nach zwei Fortbildungstagen so erfrischt und so „bei mir“, in meiner Mitte. Jetzt geht es darum, Reiki in mein Leben zu lassen. Jeden Tag bestenfalls eine Stunde. Damit habe ich noch ein Thema (Problem sagen wir jetzt nicht mehr), denn meine Getriebenheit strebt nach kürzeren Episoden. Also habe ich vorerst einen Deal mit mir gemacht, mir Reiki-Musik im Internet gesucht, mich auf die Couch gemümmelt und mit der Selbstbehandlung begonnen – zeitlos und viel zu kurz. Nicht zuletzt auch deshalb, weil mein Mann irgendwann rief: „Das Essen ist fertig!“. So sieht Reiki derzeit also bei mir aus. Es muss schnell fließen, zügig energetische Dissonanzen harmonisieren und ruckzuck seelische Blockaden abbauen. Mal sehen, ob es das kann. Oder ob ich irgendwann wirklich dauerhaft zur Ruhe und zu mir finden kann. Oder mich so gar nicht mehr verliere.

Noch 20 Tage bis zum Feedback an Daniel. Ich bin gespannt. Und irgendwie freue ich mich auf die „verschriebene“ Zeit mit mir selbst. Dank Reiki.

02.11.2016


Führende Einsichten

Ich weiß ja, Handys gehören heute zum Alltag. Und je jünger die Menschen sind, desto mehr. Gewichtig ist die Rolle, die den mobilen Begleiterscheinungen vor allem der Generation Y und Z zugestanden wird. Das Schlimme daran: Selbst das beste Smartphone kann den oft damit verbundenen Verfall der guten Sitten nicht wettmachen. „O tempora, o mores“, ruft der alte, kritische Lateiner in mir. Aber er muss einfach auch mal die Klappe halten können, sonst würde er in dieser Welt nicht überleben.

Apropos Sendepause: Ich finde ja, mein innerer Kritiker hat oft was für sich und Dinge über Sachen zu sagen, die einen wahren Kern in sich bergen. Das ist auch der Grund dafür, dass ihn andere Menschen nicht so gerne hören. Vor allem, wenn er voll ins Schwarze trifft. Wahrheit tut weh und deshalb will sie keiner wissen. Trotz seiner Teilzeit-Weisheit darf sich mein innerer Kritiker aber nicht anmaßen, überall sein Wörtchen mitzureden. Schon gar nicht, sich über andere zu erheben – also überheblich zu sein – und so zu tun als ob er Gesetz wäre. Denn das erlaube ich ihm nicht.

Beispielsweise letzte Woche hatte er ganz schön zu knabbern an seinem Hochmut. Da hielt ich ein Seminar mit Nachwuchsführungskräften zwischen 25 und 35 Jahren. Zwei davon malten Mandalas aus und irgendwo hatte immer irgendwer ein Handy in der Hand, einmal waren mindestens sechs Smombies zeitgleich online.

Da geriet mein Kritiker in Wallung und in eine lebhafte Debatte mit der inneren Lehrerin und dem Spielkind. Das Spielkind lachte den Kritiker, der das Ganze gar nicht lustig fand, fröhlich feixend aus: „Ach, ist doch nicht so schlimm – wer will schon sechs Stunden auf seinem Hintern hocken, ohne schöne bunte Bildchen zu malen oder auch mal ein virtuelles Pläuschchen auf What´s App mit dem Rest der Welt zu halten…?“ Der Kritiker grollte. Die Lehrerin flüsterte ihm leise ins Ohr, sichtlich bemüht, das Spielkind mit ihrer autoritären Haltung nicht zu verschrecken: „Ich bin grundsätzlich deiner Meinung. Früher hatte man vor Führungskursen und Dozenten mehr Respekt.“ Etwas lauter und nachsichtig lächelnd fügte sie hinzu: „Unter pädagogischen Gesichtspunkten muss ich sagen: Hauptsache, die jungen Leute sind teilnahmsvoll. Für sie ist es ein Pflichtseminar und dafür sind sowohl Stimmung, als auch Aktivität richtig gut.“ Der Kritiker grollte weiter und raunte der um Diplomatie bemühten Pädagogin ins Ohr: „Das nächste Mal kannst du Ihnen ja noch einen Kaffee servieren. Schule ist Schule und Schnaps ist Schnaps.“ Zum Kind gewandt kommentierte er: „Stell´ dir mal vor, du bist irgendwann erwachsen und hast einen Chef, der zwar wachsam, aber nicht achtsam ist. Würde dir das gefallen?“ „Wie meinst du das?“, fragte das Spielkind. „Na, dem Chef würde nicht das geringste Fehlverhalten entgehen und er würde jederzeit sofort Einhalt gebieten. Aber du würdest dich dabei jedes Mal erniedrigt fühlen. Oder angegriffen. Ungenügend eben. So, als ob du es nicht wert wärst, mit Respekt behandelt zu werden.“ „Oh. Das wäre aber bitter. Da würde ich sicher nicht bleiben wollen. Ich bau´ mir meine Welt nämlich wie sie mir gefällt. Also woanders, wo Chefs nicht nur vor-gesetzt sind, sondern sich ihren Respekt auch verdient haben.“

Und jetzt die Moral von der Geschicht´: Fehlt Vorgesetzten Sendungsbewusstsein, kann es zu erheblichen Führungsdefiziten kommen, die auch Seminare nicht zu lindern vermögen. Treffen diese Schwächen auf Generation Y oder Z, wird flugs ein reges Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel die Folge sein. In von Fachkräfte-Mangel geplagten Unternehmen kann sich also suboptimale Selbstreflexionsfähigkeit seitens der Führung zu einem noch größeren Problem auswachsen, als es das rein menschlich gesehen ohnehin schon ist.

Hatte der Kritiker also mal wieder Recht? Wir werden sehen!

27.09.2016


Gestresst oder wichtig für die Welt?

Heute früh habe ich mir mal wieder die Frage gestellt, welchen kürzlich durchlebten Content ich zu einem Blog verarbeiten könnte. Nicht, dass ich nichts zu sagen hätte. Doch es sollte schon auch für euch Leser von Relevanz sein. Ein Thema flog mir dann beim Zeitunglesen zu, ein anderes mehr oder weniger vor die Füße: Zwei Bussarde ließen laut jaulend von einer eben gejagten, toten Taube ab. Offenbar hatte ich Ihnen auf meinem Joggingweg die Fresstour verdorben – und mir im Anschluss den Appetit auf mein Müsli. Also wird jetzt das Zeitungsthema abgefrühstückt. Was für ein Stress im Morgengrauen…

Stress ist ja gemeinhin bekannt als etwas Böses. Stress macht ein ungutes Gefühl und sogar krank, wenn er chronisch ist. Doch wissen wir überhaupt – mal ehrlich – wann wir wirklich gestresst sind und wann wir uns lediglich in bemerkenswerter Weise gebraucht oder vielleicht sogar über die Maßen wichtig für die Welt fühlen?

Stress ist nämlich nicht gleich Stress. Er ist stark an ein Subjekt gebunden und oft wortwörtlich Substitut für Status. Will heißen: Was den einen Menschen fordert, kann den anderen überfordern. Und was wir als Stress titulieren, muss eben nicht auch zwingend mit einer Cortisol-Ausschüttung zu tun gehabt haben.

Cortisol ist das Hormon, das ausgeschüttet wird, um uns in eine leistungsfähige Form zu bringen. Dem Körper wird quasi Energie zur Verfügung gestellt und verschiedene Gehirnareale werden aktiviert, um etwa unsere Aufmerksamkeit und Wachsamkeit zu steigern. Dabei ist das Hormon an sich nicht schädlich und auch das Erlebnis Stress nicht zwingend schlecht, zumal es Konzentration, Durchhaltevermögen und Kreativität anspornt. Wir sind also auch wirklich zu Höchstleistung fähig, wenn ein wenig Cortisol im Spiel ist. Entspricht ja auch den Erkenntnissen aus der Teamforschung: umgeben von Gleichrangigen in puncto Leistungsvermögen, schaltet der Mensch eher auf „passt schon“ und strengt sich nicht weiter an. Umgeben von leicht Überlegenen, tritt der Teamplayer verstärkt in Aktion (und sich selbst vermutlich in den Allerwertesten). Ein bisschen überfordert sein, das scheint also ganz gut, wenn man nicht nur in lauer Mittelmäßigkeit vor sich hindümpeln will.

Interessant ist auch, dass Männer eher gestresst reagieren, wenn es um Leistung, Kompetenz und Wettbewerb geht, während Frauen Gefährdung der sozialen Zugehörigkeit sowie Bewertungssituationen heftiger touchieren. Bei Männern wird gemeinhin auch mehr Cortisol ausgeschüttet, was sie – bei chronischem Stress – stärker gefährdet für Infarkte und kardiovaskuläre Erkrankungen macht. Frauen neigen hingegen bei Dauerbelastung zu Angststörungen und Depressionen.

Wichtig ist in jedem Falle und egal ob Männlein oder Weiblein, dass nach stressigen Situationen auch wieder Regeneration und Entspannung Raum finden. Was ja bei dem Wetter nun wirklich kein Problem sein dürfte. Sollte die Langeweile aber doch zu groß werden, könnt ihr – liebe Leser – euch ja demnächst noch mehr über das Thema Stress, was uns antreibt und frustriert, gewürzt mit neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung reinziehen: Vom 30. September bis 1. Oktober 2016 findet in der Stadthalle Fürth ein großes Symposium dazu statt! Weitere Infos findet ihr auf www.turmdersinne.de/de/symposium.

19.09.2016


Was macht die Bayern so lebensmüde?

Gestern hat mich ein Workshop-Teilnehmer angesprochen und mir von seiner vorgestrigen Scheidung erzählt. Als ich etwas unsicher kommentierte „ist es für Sie traurig oder darf ich Ihnen gratulieren?“, öffnete sich dieser Mensch und klagte mir sein großes Leid durch den Beziehungsbruch:

Seine mittlerweile Ex-Frau hatte sich mit dem Paten seiner Kinder zusammengetan und für meinen Workshop-Teilnehmer glich diese neue Paarung in seinem Familiensystem dem Zusammenbruch seiner Welt. Er büßte den Glauben an alles und jeden ein. Sein Halt war weg. Die Sinnhaftigkeit seines Daseins, die er einzig über seine familiäre Fürsorge bezog, verlor sich ins Nichts. „Meine Frau kenne ich schon seit Kindheitstagen. Sie ist meine beste Freundin und engste Vertraute gewesen, der Pate meiner Kinder war mein bester Freund.“

In dieser desaströsen Krise habe ihm sein Chef sein Leben gerettet. Mehrere Wochen habe er ihn jeden Morgen zuhause abgeholt und dafür gesorgt, dass er nicht vollends aus dem Takt geriet und ihm auf diese Weise gewissermaßen den Zugang zum „Leben danach“ verschafft.

Was für ein Chef! Was für eine Geschichte! Und heute früh lese ich in der Zeitung, dass die Suizidrate in unserem schönen Bundesland im innerdeutschen Vergleich am höchsten ist und dass vor allem in Niederbayern, gefolgt von der Oberpfalz, dem Leben vergleichsweise häufig willentlich ein Ende gesetzt wird. Was hat das zu bedeuten, frage ich mich. Während die Statistiken der Krankenkassen ausweisen, dass die Bayern im Bundesschnitt sehr selten am Arbeitsplatz fehlen, reagieren sie dann doch umso „empfindsamer“ auf Ein- und Umbrüche?

Vielleicht sind die Bayern ein temperamentbegabtes Volk, so dass sich die Affekte im Falle persönlicher oder beruflicher Katastrophen ebenso dramatisch ins Depressive verkehren. Womöglich sind wir ausgestattet mit der kulturellen Kognition „stark sein zu müssen“ und statt bei kleineren Alltagsdramen zu schwächeln, speichern wir quasi unserer inneren Impulse, um in der Not zur Eskalation zu neigen. Negieren wir also psychische oder physische Wehwehchen und nehmen wir uns nicht ernst genug? Erlauben wir uns keine Abweichungen vom geplanten Leben und gönnen wir uns zu wenig Hilfe? Oder sind wir zu ortsverwurzelte Sicherheitsjunkies, so dass wir im Falle des Verlusts von Arbeit oder Liebe nicht über die Region hinausdenken, geschweige denn einen Orts- oder Richtungswechsel in Betracht ziehen können?

Ich habe keine Antworten. Nur Ahnungen. Aber eines weiß ich sicher: Coaching kann in vielen Fällen helfen, verlockende Perspektiven zu entwickeln. Was man dazu braucht? Erst einmal 60 € und Lust auf Leben!

07.09.2016


In Resonanz mit dem Irrsinn

Die Ferien waren wunderschön. Viele menschliche und tierische Kontakte, feine Fügungen, herrliche Wanderungen und eine erholsame Zeit am Meer. Folglich war auch die Stimmungslage insgesamt sehr sonnig. Bis ich vergangene Woche mit einer Freundin beim Frühstücken saß und wir (einmal wieder) dem menschlichen Irrsinn begegneten.

Meine Freundin und ich trafen uns also im Outdoorbereich einer regionalen Bäckereikette (die aus jeder leer geräumten Garage eine Filiale macht) und ließen es uns in den früheren Morgenstunden gut gehen. Der mitgeführte, greise Hund meiner Freundin lag friedlich und leise stöhnend bei uns. Vermutlich wird er nicht mehr lange unter uns sein, der arme, kranke Knirps. Jedenfalls erzählte mir meine Freundin von einer aggressiven Begegnung mit einer Hundehasserin vor kurzem. Daraufhin berichtete ich ihr von einem bösartigen Eklat mit einer Reiterin neulich, die mich ins Mark traf.

Und da saßen wir, uns über gestörte Verhaltensweisen unterhaltend, als ein Paar mit Tablett unseren Tisch passieren wollte. Die Frau fragte unwirsch, ob wir den Hund bitteschön aus dem Weg räumen könnten. Ich daraufhin friedfertig: „Er ist schon älter…“ und weiter kam ich nicht, denn der Mann fauchte mich sofort in ungehöriger Lautstärke an: „Wenn ich so einen Schmarrn höre, so ein Gewäsch, der blöde Köter“ und so weiter und so fort. Wir waren beide von so viel Kriegsgebahren total verwundet und überfordert. Ich gab noch leise zurück: „Ich wollte Ihrer Frau doch nur sagen, dass der Hund so schnell nicht mehr reagieren kann.“ Daraufhin er in rüdem Angriffston: „Sie wissen doch gar nicht, ob das meine Frau ist!“

Wir waren zutiefst erschrocken und unsere Worte erschöpft von so viel Zorn. Da wurde mir klar:

Mit unseren Erzählungen über unliebsame Begegnungen hatten wir offenbar genau das angezogen, was wir so abstoßend finden – den menschlichen Irrsinn. Also passt besser auf, was ihr denkt und über was ihr euch in Zukunft unterhaltet, liebe Leser! Es gibt nämlich richtig viel Coaching- und Therapiepotenzial da draußen. Aber diejenigen, die unsere Unterstützung wirklich brauchen könnten, wissen davon leider nichts. Sie sind nämlich unkorrigierbar von sich überzeugt. Schade eigentlich.

30.08.2016


Der Tod geht um

Die letzten beiden Wochen waren keine leichten. Bewegende Begebenheiten im Freundes- und Bekanntenkreis. Weltpolitische Furchtbarkeiten und die zu allem Überfluss nun auch noch drohende Konstellation Trump-Erdogan-Putin. Terror in Europa und neuerdings sogar Attentate nah wie nie vor der eigenen fränkischen Haustüre.

Wie gut, dass wir am vergangenen Wochenende nur in der Gustavstraße und am Grünen Markt in Fürth unterwegs waren. In Fürth wird schon nichts passieren. Das haben die jungen Leute, die im McDonald´s im OEZ ins Wochenende starten wollten, wahrscheinlich auch gedacht. Falls sie sich überhaupt Gedanken gemacht haben über die momentane Gefahrenlage, auf die de Maizière immer wieder hinweist (ich finde, er und auch unser Innenminister Herrmann sehen richtig gequält aus – bestimmt würden sie am liebsten hinausbrüllen „was ist mit dieser sch… Welt los?“, aber das dürfen sie ja natürlich nicht.) Vermutlich haben die jungen Leute sich gar nichts weiter gedacht. Und jetzt sind sie tot. Da hatten die Opfer in Ansbach noch mehr „Glück“.

Auch wir könnten übrigens längst tot sein. Wir alle oder einzelne von uns. Er könnte an jedem Tag in jeder Sekunde kommen, der Tod. Die Frage ist nur, wie er uns ereilt und ob er uns in Form einer psychisch irritierten oder politisch frustrierten oder religiös rigorosen Persönlichkeit erscheint. Oder auf eher herkömmliche Weise.

Bleibe ich nun mit der erstgenannten Gewissheit und der zweitgenannten akuten Gestörtheit der globalen oder/und interkulturellen zwischenmenschlichen Beziehungen am besten gleich zuhause? Dann weiß ich wenigstens, wo ich bin, falls ich mal sterben sollte in näherer Zukunft.

Ich weiß nicht, wie ihr das angeht und seht, meine lieben Blog-Leser. Ich werde es dem Tod jedenfalls nicht so leicht machen, mich anzutreffen. Ich bleibe am Leben und lebhaft wie gehabt. Menschliche Massenaufläufe werde ich trotzdem meiden, was mir aber auch nicht schwer fallen wird. Wenn es mich dann im Flugzeug Richtung geliebtes Griechenland erwischt, soll es wohl so sein. Dann sterbe ich wenigstens glücklich.

26.07.2016


Auf der Suche nach (S)ich

Am Wochenende habe ich wieder interessante Gespräche geführt. Beim Treffen mit einer Freundin. Beim Ausreiten mit einer guten Bekannten. Beim Kaffee trinken mit Nachbarn. Interessanterweise touchierten wir immer wieder ein Thema: den kollektiven Hang zur Inszenierung des eigenen Selbst.

Eines meiner Spezialgebiete ist ja das Burnout-Syndrom, für das insbesondere Menschen anfällig sind, die ihren Selbstwert unverhältnismäßig stark davon abhängig machen wie „wichtig“ sie für andere sind. Dieses ausgeprägte, ja schon fast zwanghafte Streben nach Anerkennung seitens der Außenwelt führt die Betroffenen in eine Spirale aus zur Erlangung von Wertschätzung getriebenem Geben und schließlich zu einem „sich Übergeben“ über die eigenen Leistungsgrenzen und Belastungslimits hinweg. Als eine, die sich einst selbst krank machte, weil sie nicht bei sich selbst ankommen, aber gefühlt auch nicht die Ansprüche der umgebenden Systeme erfüllen konnte, weiß ich eines ganz sicher:

Um auf Dauer und auf hohem Niveau leistungsfähig zu bleiben ist es unabdingbar, persönliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Werte zu erkennen, aber auch schädliche Muster und gefährliche innere Triebkräfte zu entschlüsseln, damit ein gesunder Umgang mit den eigenen Ressourcen erfolgen kann. Es bringt schlicht nichts und auch niemanden von uns weiter, wenn wir nur am Ausgeben von Energie sind. Womöglich profitieren andere Menschen oder auch Arbeitgeber von uns. Doch was bleibt, wenn am Ende nichts mehr zum Ausgeben übrig ist – wenn der Ausbrenner physisch und psychisch krank und überhaupt nicht mehr funktionsfähig ist? Ein Häufchen Elend Mensch!

Die Erlangung eines soliden Selbstwertgefühls ist für mich heute einer der essentiellen Schlüssel für das Leben und Überleben. „Ich bin ein wertvolles Wesen ganz unabhängig vom meinem geldwerten oder applauswürdigen Schaffen“, so könnte ein innerer Leitspruch lauten. Klingt einfach, ist in der Umsetzung allerdings ziemlich anspruchsvoll, zumal viele von uns Richtung Leistung getrimmt und als gefällige, geschmeidige Wesen sozialisiert worden sind. Und jetzt komme ich daher und sage euch, kommt bei euch selbst an.

Manche Leser mögen nun denken (das weiß ich aus meinen Gesprächen über diese Thematik): Wie, es soll mein Ziel sein, ein Egoist zu werden? Das ist zwar der geläufige Rückschluss, aber ein Trugschluss!

Wie oft erlebe ich etwa Männer, die – obwohl sie verlockende Vorruhestandsregelungen oder dem Stellenabbau dienende Ausgleichszahlungen in Anspruch genommen haben – immer noch ausgiebig in Erinnerungen von ihrem Wirken als „tolle Hengste“ im Job schwelgen? Oder Frauen, die fix und fertig sind, wenn ihre Kinder das Haus verlassen, um ein eigenes Leben zu beginnen? Oder Geschichten von verlogenen Herzensbrechern, die sich, sich eigentlich gar nicht aus der langjährigen Lebenspartnerschaft oder von der Familie lösen wollend, Paralleluniversen mit Liebschaften aufbauen, aus denen sie ihre Anerkennung als Sexbomben oder Lustobjekte beziehen? Oder Erzählungen von Arbeitskollegen, die sich für ultimativ genial halten und zur Aufrechterhaltung ihres Narzissmus lieber andere in die Pfanne hauen als einen Fehler zuzugeben? Oder Berichte von der Beendigung bewährter Freundschaften, weil es an der Auseinandersetzungsfähigkeit im Falle einer Reiberei mangelt? Oder von Menschen, die dem Alkoholismus verfallen und von daher nur noch anwesend sind in ihrem eigenen Surrealismus aus Halbwahrheiten, der unanfechtbar ist und mit affektiver Bissigkeit böswillig verteidigt wird, wenn der kranken Persönlichkeit auch nur das geringste Haar gekrümmt wird.

Und jetzt stellt euch mal vor: all diese Menschen würden an sich glauben und sich grundlegend gerne mögen. Sie würden gut zu sich und zu anderen sein, viel für sich und für andere übrig haben. Sich würden sich in sich zuhause fühlen und dennoch lebendig bleiben, immer mal wieder eine Standortbestimmung durchführen und einen Selbstbild-/Fremdbild-Abgleich vornehmen. Bei wiederholtem Stolpern über ein persönliches Potenzial würden sie sich aufmachen, sich weiter zu entwickeln. Diese per se wertvollen Wesen müssten sich nicht ständig unter Beweis stellen. Sie würden sich und andere leben lassen. Lieben können. Verantwortung übernehmen für sich selbst. Sie würden an energetischen Abflüssen an Arbeitsplätzen arbeiten, statt sich tatenlos aufzureiben und immer wieder solidarisch den optimierenden Stellhebel in Partnerschaften bedienen, statt zu mentalen Gräuel- oder auch körperlichen Gewalttaten anzusetzen.

Na, sind wir uns diesen Weg wert, auch wenn er kein leichter sein wird? Coaching kann in diesem Kontext eine stärkende Begleiterscheinung sein. Wer Lust hat, die Last des persönlichen Wachstums nicht ganz alleine zu tragen, ist uns herzlich willkommen. Jeder andere auch. 

20.07.2016


Vom Sinn des Seins

Wenn sich eine fundamentale Lebensveränderung – schicksalhaft, unerwartet – ergibt, kann es sein, dass eine Frage in den Mittelpunkt rückt, die vielleicht bislang nur am Rande wichtig war. Oder auch gar nicht. Die Frage nach dem Sinn des eigenen Seins. Von Neugier und aktuellem Bezug getrieben, habe ich zum Thema eine schnelle Umfrage im Bekanntenkreis gestartet. Könnte ja die eine oder andere Inspiration für mich und euch, liebe Leser, dabei sein…

Tatsächlich sind die Antworten, die ich bislang bekam, relativ ähnlich. Spuren hinterlassen i. S. v. Großes für die Menschheit bewirken (und sei es auch nur die in der eigenen Gemeinde oder näheren Umgebung) will bislang niemand der von mir Befragten. Die Leute scheinen sich darauf zu konzentrieren, das Leben an sich gut zu leben und meinen damit etwas wie „mit sich selbst im Reinen sein“, „es sich gut gehen lassen“, „anderen willentlich nichts Böses tun“, aber auch „nachdenken über die Welt“, „ein kollektives Bewusstsein entwickeln“.

Ich bin mal gespannt, welche Antwort zum Beispiel die Mütter in meinem Freundeskreis für sich finden, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das „empty nest syndrom“ zuschlägt. Oder welche Definition die Männer nach Karriere-Ende finden, die sich bis dato ganz und gar über ihr berufliches Wirken definieren (es gibt kaum ein anderes Gesprächsthema). Und natürlich warte ich selbst brennend darauf, eine gute Interpretation für mich zu finden. Am besten zügig.

Vielleicht ist es gemäß Maslow ja wirklich das Luxusproblem eines umtriebigen Geistes, sich mit so etwas Ideellem zu beschäftigen. Meine Oma, einst gebeutelt von Kriegstraumata und existenziellen Nöten, hatte bestimmt Wichtigeres zu tun, als sich mit der Sinnhaftigkeit ihrer eigenen Existenz zu beschäftigen. Leider kann ich sie nicht mehr persönlich um Auskunft bitten. Für mich hatte ihr Leben jedenfalls einen tiefen Sinn. Sie hat mir nämlich vorgelebt, was Zufriedenheit fern von Materiellem bedeutet, konnte aus Wenigem etwas machen und hat von Herzen gerne gegeben. Und so vieles mehr.

Entsteht Sinn dadurch, dass ich für andere Menschen etwas bewirke? Für andere von Bedeutung, wichtig bin? Als Lehrer, Inspirator, spiritueller Wegweiser?

Oder kann es auch Sinn machen, einfach nur mit sich selbst klarzukommen und authentisch zu sein, im Augenblick zu leben und das große Glück im (vermeintlich) „Kleinen“ zu finden – etwa in der Natur, der Gesundheit, nützlichen Fügungen? Geht es am Ende vielleicht um Dankbarkeit und Demut? Um das Anerkennen der Gesetzmäßigkeiten des Lebens, um die Integration dieser unabänderlichen Aspekte wie Veränderung und Verlust? Um Lieben und Loslassen?

Dann ist es wohl die Weisheit, die es zu erstreben gilt. Und womöglich werden aus ihr wiederum Taten (faktisch oder mental) geboren, die auf andere Menschen Impuls gebend wirken. Spuren in deren Hirnen und Herzen hinterlassen. Ein schöner Gedanke.

Wenn ihr, liebe Leser, etwas zur Sinnfrage beisteuern möchtet, bin ich ganz Ohr und freue mich: schreibt mir bitte an andrea.baumgartl@mein-zeitraum.de, was ihr für euch zum Sinn des Lebens erklärt habt und ob ich euren Beitrag anonym zitieren darf. Herzlichen Dank!

12.07.2016


Auf (Ab-) Wegen

Für einen Coach gehört es zum guten Ton, sich auch ab und an coachen zu lassen. Finde ich. Zumal, wenn man Bedarf hat. Wie ich. Denn ich möchte mit manchem aus der Vergangenheit gerne gesund abschließen und neue Wege gehen. Dachte ich. Eigentlich. Vielleicht.

Also habe ich mir schon länger die Frage gestellt: wohin mit mir und meinen Fragen an das Leben? Ich weiß, dass ich die Antworten nirgendwo besser finden kann als in mir selbst. Aber da sich mein Unterbewusstsein manchmal verschlossener zeigt als mir lieb ist (vermutlich will mein Bewusstsein mal wieder zu viel auf einmal und mein armes Unterbewusstsein ist völlig überfordert und macht deshalb erstmal dicht), brauche ich einen versierten Goldgräber, der mit mir nach ungeschliffenen Wahrheiten gründelt. Wer suchet, der findet. In meinem Falle lief mir der Therapeut während einer Fortbildung über den momentan etwas holprigen Lebenspfad. Gleich im Anschluss machte ich mit ihm zwei Termine klar. Sicher ist sicher. Bis zu den Sommerferien sollte sich (ich) schließlich noch einiges bewegen.

Wenige Wochen später. Der erste Coaching-Termin nahte. Und mir graute. Wollte ich wirklich wissen, was da tief in mir grollte, was mich wurmte, manchmal wütend und oft auch traurig machte? Im Moment ging es mir doch prima. Alles lief blendend. Wunderbar. Nun ja. Aber Termin ist Termin und ich bin da sehr zuverlässig. Also nahm ich mir vor, mir nichts vorzunehmen. Es sollte aus mir herauskommen, wenn es wollte. Was es auch war. Ich war planlos. Ist ja manchmal ganz gut, wenn man ansonsten recht kognitiv-gesteuert (ein Kontrolli) ist.

Letzten Donnerstag war es dann so weit. Zwei Tage vorher: Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe, Müdigkeit, Spontanalterung. Donnerstag früh: Magnesium genommen, Laune top, Optik o.k. Donnerstag gegen Mittag: Halsschmerzen, enorm. Aha. Abwehr, vermutlich.

Also wollte ich mir etwas Gutes tun. Im Büro rechtzeitig losfahren und noch ein wenig durch den Park spazieren. Ich kam 45 Minuten vor Coaching-Start an und fand einen wie bestellten Parkplatz auf der anderen Seite der Grünfläche. Und marschierte los. Und marschierte. Und marschierte. Mir lief das Wasser übers Gesicht. Meine Füße taten weh. Mein Hals fühlte sich taub an. Mir ging es grottenschlecht. Und ich kam einfach nicht auf der anderen Seite des Parks an. Sonders ganz woanders raus. Bei Hausnummer Eins. Und das besagte Haus hatte eine Neunziger Nummer…

Da war ich dann Punkt 15 Uhr. Völlig zer- und verstört. Der Therapeut hatte eine Kerze angezündet im luftleeren Raum. Mein letztes Taschentuch, mit dem ich mir versuchte, die Schweißtropfen aus den wenigen Haaren zu saugen, war triefend nass. Ich konnte mich nur auf meine Transpiration konzentrieren und auf sonst nichts. Also bat ich, in den Park gehen zu dürfen. Der Therapeut holte – ein wenig überrascht vielleicht – seinen Hut.

Wir fanden keine Bank im Schatten. Laufen konnte ich nicht mehr. Ich plädierte für sofortiges Sitz unter einem Baum und ich bettete meinen Allerwertesten – ausgerechnet an diesem Tag trug ich eine weiße Hose – auf Workshop-Unterlagen. Nach kurzer Zeit liefen die Tränen. Sehr. Ich dachte, die wasserfeste Wimperntusche, die ich weitsichtig aufgetragen hatte, würde der Sintflut standhalten (im Auto später entdeckte ich „Panda-Augen“, es war die falsche gewesen). Eine Polizeistreife fuhr vorüber und ich setzte vorsorglich die Sonnenbrille auf. Wollte kein falsches Bild in den Köpfen entstehen lassen: Ich heulend mit einem Mann unter einem Baum, kauernd quasi.

Nach knapp einer Stunde klagte der Therapeut über seinen nassen Hintern. Ich gab ihm mein letztes Fachbuch. Nach einer Stunde war ich seelisch total erschöpft. Am Freitag, dem ersten freien Tag seit längerem, war ich dann richtig krank.

Bis heute, fast eine Woche später, habe ich verzweifelt und zweifelnd darauf gewartet, dass mein Unterbewusstsein irgendwas von dem, was da angestoßen wurde, sortiert. Doch es hält mich mit unguten Gefühlen bei niedergeschlagener Laune und ansonsten weiterhin dicht.

29.06.2016


Einfach anziehend!

Ich habe eine Woche Urlaub hinter mir. Portugal. Wunderschön. Ich fühle mich richtig gut erholt und habe an den unglaublich menschenleeren und weitläufigen Stränden neue (alte) Einsichten ausgegraben. Zum Beispiel weiß ich jetzt ganz gewiss, dass wir nicht alleine sind.

Als wir ankamen in Olhos de Agua und ich diese urgewaltigen Klippen das erste Mal sah, ist mir die Seele aufgegangen und die Tränen kamen ins Fließen. Lange aufgestaute Traurigkeiten, Ängste, Selbstzweifel, Hoffnungen und Sehnsüchte – all das bündelte sich in Sekundenschnelle und strömte aus mir heraus. Untermalt wurde meine Gefühlseruption vom klagenden Gesang der Möwen, die sich hoch und höher in den azurblauen Himmel schwangen und mich von oben ganz klein aussehen ließen. Klein. Genau. Ich fand meinen Platz wieder in der Welt und die Brandung klatschte natürlich Beifall, während ich endlich mal wieder nur diesen und keine weiteren Gedanken fassen konnte. Alles, was vorher war in diesen letzten bewegten und bewegenden Monaten, das viele Erlebte und Überstandene, das zutiefst Schwere und aufgesetzt Leichtfüßige, das Suchen und nicht Finden, das Akzeptieren müssen und nicht wollen – es war gut. Endlich gut. Es durfte alles sein wie es nun ist: Emotionales Treibholz auf den Wogen des Lebens, die gerade mal wieder höher schlagen.

Ich war bereit, aufzugeben und anzunehmen. In diesem einen Blick auf die Klippen hat sich etwas tief in mir gerührt, zurechtgerückt. Als ich dann am übernächsten Vormittag mit meinem Mann ein tief greifendes beidseitiges Offenbarungsgespräch führte, ist daraufhin wieder etwas in Fluss geraten: wir unterhielten uns über den Wunsch, von anderen Menschen gesehen und angenommen zu werden. Für Menschen von Interesse zu sein. Ganz ohne Leistung. Und wenige Stunden später lernten wir einen Mann kennen, der die vom Universum geschickte Antwort auf viele unserer Fragen zu sein schien. Wir haben einige Stunden mit ihm und auch auf Tiefgang verbracht und auf die Schnelle einen neuen Freund gewonnen. Im Flugzeug habe ich knapp drei Stunden mit einer neuen Sibylle und den Themen Abschied, Trauer, Verlust verbracht und wir gingen als Vertraute und mit ausgetauschten Telefonnummern auseinander. Bestimmt treffen wir uns bald einmal wieder. Tags darauf hat eine Freundin aus früheren Zeiten, die ich gedanklich immer wieder besucht habe vor kurzem, wieder Kontakt mit mir aufgenommen. Als ob es so sein soll. Als ob sie mich gehört hat.

Nein. Wir sind nicht alleine. Wir sind verbunden. Wir alle. Doch ich glaube, wir müssen erst wieder bei uns ankommen und erwartungslos zufrieden sein, damit Gehaltvolles bei uns andocken kann.

Nein. Portugal kann nichts garantieren, aber viel dafür, dass es mir mit mir wieder besser geht. Ich glaube, wir brauchen kleine Auszeiten mit uns alleine, immer mal wieder und manchmal auch öfter als üblich. Was ziemlich unaufwändig und zugleich bequem ist: um unserer Seele Urlaub zu bescheren, braucht es weder Kohle, noch Koffer voller Klamotten, dafür sind wir dann im Anschluss für glückliche Fügungen und andere Menschen umso anziehender. Weil wir es sind.

08.06.2016


Wir verpassen – was?

Gestern habe ich mir eine geschlagene halbe Stunde die Diskussion in „Hart aber fair“ angehört, in der einige Menschen etwas zum Thema „Machen Smart Phones dumm?“ zu sagen hatten. Leider kam nicht viel dabei heraus. Aber eine zentrale Frage hat sich für mich schon herauskristallisiert: Verpassen wir im Offline-Status was? Und was?

Eine junge Social Media-Voluntärin in der Gesprächsrunde gab an, dass ihr iphone nachts rechts von ihr schläft, während links ihr ipad ruht. Sie findet das ganz normal. Und wie findet ihr das, liebe Leser?

Ich weiß ja nicht, was euch nachts so beschäftigt und wo eure klugen Kommunikationsbegleiter ihr Dasein fristen. Meines hat jedenfalls ab etwa 19 Uhr Sendepause bis zum nächsten Morgen. Bin ich nicht normal?

In der Sendung wurde auch die Statistik zitiert: Die Deutschen schauen durchschnittlich 53 Mal am Tag auf ihr Handy und verbringen regelmäßig etwa 81 Minuten Zeit damit (zum Vergleich: in Südkorea liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer bei über 5 Stunden und unter den jungen Leuten sind über 90 % kurzsichtig). Befragt wurden auch Passanten auf der Straße, von denen einige angaben, ohne Handy entstünde das ungute Gefühl, man könne etwas verpassen.

Das finde ich in Anbetracht von What´s App und Facebook irgendwie nachvollziehbar. Aber: Was genau ist es denn, das wir verpassen könnten? Den Anschluss? Das Mitspracherecht? Eine wichtige Gelegenheit? Shopping-Schnäppchen?

Ich denke mir: Was für dich bestimmt ist, geht nicht an dir vorüber und was nicht sein soll, das soll nicht sein. Natürlich muss ich deshalb trotzdem nicht mutwillig ständig offline sein, denn das würde ja bedeuten, ich ziehe mich sozial total raus aus sämtlichen Affären.

In mir erhärtet sich hier ein Verdacht, den ich schon seit längerem hege und gelegentlich auch selbst zu spüren bekomme: Viele von uns leiden unter fehlender Zugehörigkeit und das wird durch den landläufig häufig loser werdenden Familienrückhalt und den Mangel an spiritueller Überzeugung noch begünstigt.

Ich denke, das mit dem Zugehörigkeitsgefühl steckt hinter vielen Suchbewegungen, die dann in Süchten münden können. Was die Smart Phone-Sucht angeht, gibt es übrigens noch keine klaren Diagnosekriterien, aber eindeutige Hinweise, die sich aus der benachbarten Internet- und Computerspielsucht ableiten lassen:

  • Gedankliche Eingenommenheit

  • Entzugssymptomatik

  • Reizbarkeit, Angst, bis hin Traurigkeit bei Entzug

  • Toleranzentwicklung (d. h. der Konsum nimmt zu)

  • Anderweitige Interessen gehen verloren

  • Familienangehörige werden über das Nutzungsverhalten getäuscht

Na, wie sieht´s aus?

Um zurückzukommen auf die Sendung „Hart aber fair“: Sicher ist, dass wir Deutschen uns ohne die Intensivierung unseres Verständnisses für digitale Technologie immer mehr aus dem globalen Wettbewerb katapultieren. „Kinder sollten schon im Kindergarten Programmieren lernen, um nicht die Analphabeten von morgen zu werden“, so Frank Thelen. Aber sicher ist auch, dass wir ganz bestimmt sozial verkümmern, falls nicht sogar entwicklungstechnisch als Menschen verblöden, wenn unser einziger Weg zur Welt über den digitalen Highway führt. Im Zweifelsfall verpasse ich da dann noch die Ausfahrt, auf der wahres Leben steht. Na, das wäre ja was!

25.05.2016


Darwin hatte Recht: Egoismus siegt.

Mein Vater hat mir vieles zu vermitteln versucht. Einiges davon habe ich integriert. Anderes abgelehnt. Und so manches nicht verstanden. Einen Glaubenssatz betreffend habe ich mir seit einigen Tagen eine Meinung gemacht: Jeder denkt nur an sich selbst. Wenn auch nicht das „jeder“ stimmt, so denke nun auch ich, im Grunde ist es die Wahrheit. Mein Vater und Darwin hatten Recht.

Ob uns wirklich der nackte Überlebensdrang der Evolution Richtung Egoismus kultiviert hat oder der generationale Wandel in der Gesellschaft, der vom solidarischen Nachkriegsmiteinander zum profitgeilen Einzelkämpfertum führte? Keine Ahnung! Vielleicht stimmt beides. Und im Grunde ist es auch völlig egal. Zu wissen, wo ein Verhalten herkommt, beantwortet ohnehin nicht zwangsläufig die Frage, wie bestmöglich damit umzugehen ist. Fakt ist: Mir fällt zunehmend auf, dass viele Menschen nur an sich denken. Es ist bei meinen Beobachtungen völlig egal, um was es geht. Und altersunabhängig ist das Phänomen auch. Hier einige Beobachtungen:

  • Neulich stand ich beim Bäcker an. Ein schon etwas tattriger Senior mit Hörgerät ignorierte mich und bestellte vor mir 9 Rosinenbrötchen. Also alle, die noch da waren. Ich, die ich dachte „ach, lass doch dem älteren Herren den Vorrang“ und der Bäckereiverkäuferin per Blickkontakt mein Einverständnis signalisierte, ging leer aus. Eine Freundin aus Bremen, mit der ich kürzlich telefonierte, erzählte, das passiere ihr ständig. Alter vor Anstand.
  • Bei uns in der Wohnsiedlung wurde neu gebaut. Am Eck ist eine Familie mit Kindern eingezogen. Der Sohn ist definitiv extrem sportlich. Vor allem aber scheint er kaum zu ruhen, sich leise zu beschäftigen oder drinnen zu spielen. Ich habe mit meinem Mann, der nach einem sehr früh beginnenden Arbeitstag um etwa 16 h nach Hause kommt, schon einige Diskussionen geführt, weil ich glaube, am Nachmittag sollten wir Kinderspiel/-geschrei verknusen können. Aber am Sonntag früh um 7? Ich hätte mich gerne ein wenig an Ruhe erfreut. Der zugehörige Papa auch. Den habe ich nämlich beobachtet, wie er beide Kinder – selbst noch im Schlafanzug – vor die Türe ließ. Ich denke, er hat sich gedacht: besser Lärm draußen als Lärm im Haus. Dankeschön, liebe Nachbarn.
  • Im Reitstall fragte mich einmal wieder jemand, ob er sein Pferd zu meinem stellen dürfe. Ich stimmte zu und bat im Gegenzug – an mein Pferd denkend – um eine längere Verweildauer. Nach wenigen Wochen erfahre ich in einem Nebensatz, dass der Entschluss, wieder das Weite zu suchen, nun gereift ist. Ohne Bedauern, wenn und aber. Ich frage: „Und was ist mit meinem Pferd, hast du daran mal gedacht?“ und ernte Schulterzucken. Ist mir nun schon das zweite Mal passiert.
  • Eine Freundin berichtete mir, dass sie einem befreundeten Kollegen in einer gemeinsamen Rauchpause von einem Missgeschick im Kollegenkreis berichtet hatte. Die Verschwiegenheit die Sache betreffend, gebot der Takt. Keine zehn Minuten später hörte die Freundin, wie der befreundete Kollege den Betreffenden selbst über die „lustige Begebenheit“ aufzog. Hallo?!

Ich kann die Liste noch fortsetzen. Will ich aber nicht. Ich mag mich eher fragen: Was kannst du selbst tun, um in Anbetracht dieser Erlebnisse deine eigene Umsicht, dein „an dich und an andere denken“, deine Solidarität, dein Taktgefühl und deine Mitmenschlichkeit aufrecht zu erhalten? Ich werde mich jedenfalls darum bemühen, nicht aus Enttäuschung, Verwunderung und Verletztheit eine andere zu werden. Wenn es nämlich so ist, dass wir alle erst aus Erfahrung so werden, dann haben wir gemeinsam nur eine Chance, wenn wir nicht umdenken und schlussendlich kollektiv zu Egoisten werden. Einfach ist anders. Aber vielleicht lohnt es sich ja.

03.05.2016


Ausstrahlung lass nach!

Vorletzte Woche gab es so einen richtig rabenschwarzen Tag. Er begann am Morgen vor dem ersten Hahnenschrei. Ich war traurig, mutlos, frustriert und fühlte mich mal wieder „anders als andere“. Und dann ist folgendes passiert…

Tage können bei mir sein wie sie wollen. Gut oder schlecht der sonstwas. (Anmerkung: der Tag an sich ist nicht böse – er ist einfach ein Tag!). Ich gehe joggen. Ob es stürmt oder schneit. So auch am Freitag vor einer Woche: Mich zieht es schon früh ins Büro. Also ziehe ich mir bereits um 6 Uhr bequeme Sachen an, in denen ich meist aussehe wie ein gestopfter Strumpf. Aber mich sieht um die Zeit ja in der Regel keiner. An diesem Freitag aber joggschlurfe ich gerade so die Straße lang, damit ich Licht habe auf meinen finsteren Abwegen, als ich einen Mann mit freilaufendem Schäferhundmischling passieren will. In genau dem Moment, als ich zum Überholmanöver ansetze, sieht mich der Hund düster an. Ich erstarre. Teils vor Schreck. Teils, weil er mich fokussiert und seinen Blick nicht mehr zurück zu dem wendet, womit er gerade beschäftigt war. Was das auch gewesen sein mag. Jedenfalls trifft Fokus auf erstarrten Menschen (vermutlich müffelnd und ganz sicher schwarz gekleidet) und der Hund fackelt nicht lange, sondern stürzt sich wütend kläffend auf mich. Ich wende mich ab und schreie wie am Spieß, auf die nun sicher drohenden Bissschmerzen wartend. Soweit kam es dann nicht. Aber ich habe am ganzen Körper gezittert vor Angst und während ich mir gerade die Seele aus dem Hals geschrien hatte, blieb das zugehörige Herrchen – ach ja, das gab es ja auch noch in der Geschichte! – stumm. Und machte im Anschluss völlig überflüssiger Weise seinen Mund auf, um folgende Frage zu formulieren: „Warum schreien Sie denn so?“ Nun. Ich habe es ihm kurz und bündig erklärt.

Danach stellte er fest: „Das muss an Ihnen liegen. Hat der noch nie vorher gemacht.“

Mir blieb nur kurz die Spucke weg. Dann startete ich völlig irritiert über so viel Unverschämtheit ins Wortgefecht, welches endete mit „…und soll ich jetzt vor Ihnen auf die Knie fallen und Sie küssen?“

Neeee. Lass mal.

Ich lief weiter. Heulend. Schluchzend. Mir leid tuend und wütend.

Denn da hatte ich die Bestätigung: ich bin anders als andere. Und jetzt soll noch irgendjemand da draußen am Resonanzprinzip zweifeln. Der kann was erleben. N A T Ü R L I C H hatte das Ganze mit mir zu tun. Mit wem sonst?

Sicherheitshalber laufe ich jetzt manchmal noch früher oder ich wechsle die Straßenseite, wenn ich jemanden sehe. Bei meiner augenblicklichen Ausstrahlung kann man schließlich nie wissen…

20.04.2016


Null Bock oder keine Zeit oder…

Immer häufiger beobachte ich folgendes Phänomen: Ich schreibe jemandem eine E-Mail und erhalte keine Antwort. Weder ein kurzes „danke“, noch ein kompaktes „melde mich bald“. Sondern einfach gar nichts. Und das stört nicht nur mich, sondern auch andere Menschen, wie ich durch aktuelle Umfragen im Bekanntenkreis feststellen muss…

Schon als Kind habe ich gelernt: Schweig, wenn andere reden. Grüße, wenn du jemanden siehst. Schau nicht so grantig. Sei zuverlässig. Antworte, wenn dich jemand etwas fragt. Sag `danke` und `bitte`. Wasche dir regelmäßig die Hände, ab und an auch mehr. Und noch mehr.

Und genau aus dieser meiner Prägung genannt Kinderstube heraus, lege ich diese Maßstäbe auch für andere Menschen an.

Eine Anmaßung? Ein Fehler? Neue Zeiten, neue Sitten?

Freilich kenne ich die heute häufigsten Stressoren am Arbeitsplatz. Chronische Zeitnot steht immer ganz weit oben auf der Ranking-Liste. Doch hält einen diese Zeitnot wirklich davon ab, eine knappe Antwort auf E-Mails zu schreiben – vor allem noch auf solche, die zur Weiterverarbeitung gedacht sind und insofern sehnlichst erwartet sein müssten? Und sollte diese Zeitnot nicht dazu bewegen, seine persönliche Organisation und Prioritätensetzung zu überdenken, anstatt auf den guten Ton zu verzichten und vielleicht sogar Beziehungen zu vernichten? Zumal ja das Gut Zeit ja nicht knapp, sondern jeden Tag gleich ist.

Vor allem ist diese kommunikative Unsitte ja auch im Privatbereich oft anzutreffen. Lebt die Menschheit nur noch am Limit? Und wenn schon für solche Kleinigkeiten wie „eben mal ´ne kurze Antwort geben“ die Zeit fehlt, wie sieht es dann wohl mit größeren Details des Lebens aus, etwa der seelischen Wichtigkeit, Kontakte zu pflegen, ab und an mit Menschen zu sprechen oder sie sogar zu sehen, geschweige denn das Leben und seine Ereignisse mit anderen Wesen zu teilen?

Vielleicht würde die Einsicht in die Endlichkeit so manches relativieren, anderes möglicherweise ausradieren. Etwa unsoziales Verhalten. Oder sollten wir es wollen, dass schließlich auf dem Grabstein steht:

„…hat zeitlebens versucht, es allen recht zu machen, war chronisch am Limit, aber auch liebenswert. Leider war zuletzt niemand mehr da, der das bestätigen konnte.

24.03.2016


Flucht vor der Leere

Eine ganze Weile dachte ich ja, ich bin alleine auf weiter Flur. Doch immer öfter begegnen mir auch andere Menschen – und sei es im Coaching – die genau wie ich auf der Flucht zu sein scheinen…

Auf der Flucht, das heißt: Immer in Bewegung. Getrieben. Durchorganisiert. Ausgebucht. Man könnte aber auch sagen: Lebhaft. Ideenreich. Inspiriert. Doch so lustig ist es eben nur selten.

Meist erinnere ich mich in dieser Phase an „Hennen rennen“ und komme mir selbst wie ein aufgescheuchtes Huhn vor. Und wenn mir dann jemand etwas von Meditation erzählt, um besser zur Ruhe zu finden, neige ich dazu, sofort drei Bücher zum Thema zu kaufen (und sie dann doch nicht zu lesen, weil mir das zu langweilig ist).

Derzeit würde ich so ziemlich alles dafür tun (außer mir wieder ein Wirbel anbrechen, damit ich im Bett bleiben muss für ein paar Tage), um mir jetzt endlich mal auf die Schliche zu kommen. Ich kenne das ja, dass ich terminfreie Ruhezeiten zwar brauche, aber nur selten aushalten, geschweige denn genießen kann. Doch merke ich gerade jetzt und seit meine mein Leben taktende Hündin von mir gegangen ist eine Besorgnis erregend abnorme Verzigfachung meines Flucht-Instinkts.

Im Normalfall fühle ich mich irgendwann so gnadenlos an meinen Grenzen, dass ich freiwillig auf weitere Freizeitfüllungen verzichte und stattdessen alle Viere von mir strecke. Jetzt – übergangsweise, weil es gerade wirklich eine schwere, von Trauer geprägte Zeit ist – probiere ich es mit der Strategie: „Schaffe dir Optionen und ersinne schon im Vorfeld Wahlmöglichkeiten für das unterbelegte Wochenende. Ob du sie dann als Notausgang nutzen willst, merkst du schon!“

Diese Strategie ist zur mentalen Besänftigung, wenn man bereits angstvoll auf ein (oh Gott, welch Luxusproblem!) total freies Wochenende lugt, sehr zu empfehlen. Ich gucke also in der Zeitung, was so los ist in und um Erlangen, funke ein paar Freundinnen an und weiß dann, wann ich mich wo einklinken könnte. Mein Pferd beschäftigt mich eh halbtags und Shopping ist ja auch immer eine gangbare Alternative. Kann also nichts schiefgehen…

Endete aber konkret am gestrigen Sonntag wie folgt: 6.45 h aufstehen, 7.00 h Workshop vorbereiten, 7.45 h joggen, 9.00 h duschen, 9.30 h Treffen zum Ausreiten, 12.00 h Brunch, 13 bis 14.00 h (erschöpfter Tiefen-) Mittagsschlaf, 14.30 h Spaziergang jetzt ohne Hund, dafür neuen Gassi-Hund Buddy zufällig getroffen, 15.30 h Start nach Neunkirchen zum Frühlingsmarkt, 16.30 h Kaffee beim Beck, 17.30 h Urlaub in Portugal gebucht, 18.00 h Stammtisch.

Jetzt muss ich nur noch lernen, Wahlmöglichkeiten n i c h t anzunehmen.

Dann habe ich´s geschafft.

15.03.2016


Leben mit Heiligenschein

Denkt ihr jetzt, liebe LeserInnen, ich sei womöglich total verstrahlt aufgewacht heute Morgen? Weit gefehlt! Ich habe mir nur – mich vom vielen Schafe Zählen wie durch den Fleischwolf gedreht fühlend – mal wieder Gedanken über das Leben gemacht. Wie so oft.

Und weil ich gerade am vergangenen Wochenende wieder eine zwischenmenschliche Begegnung der ärgerlichen Art hatte, bin ich schließlich einmal wieder bei mir selbst gelandet. Genau genommen bei der Offenbarung: das gleiche unsoziale Potenzial steckt auch in mir!

Eben diese erschütternde Selbsterkenntnis hat gelangt, um mir den auf fehlbare Menschen ausgestreckten Zeigefinger selbst zur Brust zu nehmen. Oder zum vitalisierenden Tippen an mein frühdementes Hirnkammerl zu verwenden.

Ihr wollt die Begebenheit wissen, die mich zum Umdenken und zu meinem neuen Leben mit Heiligenschein bewegte?

Na, bitte: Ich bin ja jetzt auch Hundegassi-Dienstleister, seit mein vierbeiniger Liebling tot ist. Und als solcher hatte ich am Wochenende einen Klienten namens Buddy, einen temperamentvollen und vor Kraft strotzenden Boxer-Rüden. Ich nahm ihn sicherheitshalber nicht von der Leine, weil er ja Hündinnen gerne sehr lieb hat und männliche Artgenossen im günstigsten Falle nur hasst.

Da kam uns ein offenbar tauber Windhund in die Quere und trotz mehrmaliger Aufforderung (= brüllen) reagierten die kaum mehr in Sichtweite befindlichen Halter kaum (= lahmarschig). Als sie dann näher kamen, sagte das Frauchen in herablassendem Ton zu mir: „Warum soll ich meinen Hund an die Leine nehmen? Ist doch nicht mein Problem, wenn Sie Ihren nicht im Griff haben.“ Und das, obwohl ich gesagt (= geschrien) hatte, dass dies ein Pflegehund sei.

Buddy war total brav, aber der leinenlose Hund kam bis auf 30 cm heran und ich muss, um in Zukunft solche Situationen ohne Muskelzerrung zu überstehen, unbedingt jetzt auch noch mit Krafttraining anfangen. Wenn das so weitergeht, komme ich irgendwann nicht mehr zum Arbeiten…

…aber darüber kann ich mir ja ein anderes Mal Gedanken machen. Just in dieser Situation dachte ich mir jedenfalls: „Gemeine…!“ Gefolgt von: „Blöde…!“

„Asoziales Gesindel. Weder gesellschaftsfähig, noch rudeltauglich“, kam als Nächstes.Dabei wollte ich nur Gefahr fern halten. Von Buddy und dem Köter mit den Tomaten auf den Ohren.

So blieb ich brüskiert, still und stumm im Walde stehen, einzig meinen wüsten Gedanken überlassen. Das blieb auch so, weil sich Buddy ja aus allem raushielt. Typisch Mann.

Dann fiel mir ziemlich abrupt eine Situation wieder ein, in der ein verknallter Collie-Jüngling meiner immer schick gewesenen Hündin hinterherhechelte und das zugehörige, in ein Gespräch vertiefte Frauchen zu spät merkte, dass wir drei uns gerade von ihr entfernten. Sie bat mich, meinen Hund an die Leine zu nehmen, damit sie an ihren überhaupt rankäme. Was glaubt ihr, wie ich reagiert habe?

Ja, ja. Sie holen mich und dich immer wieder ein. Die kleinen Sünden und die großen sowieso, sofern wir welche haben. Die Frage ist nur wann.

Deshalb habe ich beschlossen:

Ich will ab jetzt sofort genauso durch die Welt gehen und mit Menschen umgehen, wie ich auch möchte, dass mit mir umgegangen wird. Da ich in dieser Hinsicht ganz schön hohe Ansprüche habe, dürfte ich damit dann auch für den Rest meines Lebens beschäftigt sein. Ich werde berichten, ob und wie es funktioniert. Bevor ihr euch aber mit leichtem Kopfschütteln über mich amüsiert, probiert es erst einmal selbst aus! Ihr werdet schon sehen, einfach ist anders. Aber so ein Heiligenschein ist halt einfach nice to have – schlicht der Anstrengung wert. Außerdem leuchte ich so schön im Dunkeln (also doch verstrahlt?).

01.03.2016


Alles reiner Zufall. Oder was?

Es passiert wieder öfter. Was es auch ist, das mich da auch beseelt, begleitet, beschützt. Vielleicht ist es ja auch völlig gleichgültig wie es funktioniert. Ich bin beGEISTert von den vielen glücklichen und manchmal auch verwunderlichen Fügungen, die mir widerfahren. Hier einige Beispiele.

Vor jetzt schon fast vier Wochen ist ja meine geliebte Hündin gestorben, wie ich euch berichtet habe. Und seitdem geht es mir… – naja – ich bin total traurig und wütend und wehleidig und noch emotionaler als eben sonst schon. Und irgendwie „durchlässig“. Ich versuche ausnahmsweise einmal, nichts zu kontrollieren und mich dem Lebensfluss ohne Wertung hinzugeben. In der stillen Hoffnung, alles möge sich weisen und manchmal auch mit dem tiefen Vertrauen, dass ich aufgehoben und beschützt bin. Fragt mich nicht, wo das herkommt. Jedenfalls passieren zeitgleich in eben genau dieser Phase wunderschöne Dinge:

Ich war letzte Woche zu einem Workshop in der Uniklinik Regensburg. Dort meldete sich eine Teilnehmerin zu Wort und bat mich um meine Meinung zu einer Freundin, deren Namen sie aus Diskretionsgründen nicht nannte. Ich gab ihr meinen Tipp und bettete ihn in ein kommunikatives Beispiel, in dem ich der Freundin einen „fiktiven“ Namen gab. Dieser Name stimmte. Und dabei ist mir genau dieser weibliche Vorname überhaupt nicht geläufig. Ich kenne niemanden, der so heißt. Alle schauten mich wie vom Donner gerührt an. Ein eindrucksvoller und wunderschöner Moment!

Zwei Wochen vorher hatte ich die Sendung „Wer wird Millionär“ gesehen und bei der Millionenfrage, wie viele Würfelchen in einem Zauberwürfel verbaut sind, eifrig mitgetüftelt. Daraufhin beschloss ich als Kinder der 80er, dass so ein Zauberwürfel mal wieder her muss. Bei Amazon kostet das wie geschmiert drehbare Original 19,80 €. Das war mir dann doch zu viel Geld für so eine Spielerei. Im Wirrwarr der Duplikate und Rezensionen verhedderte ich mich und parkte meinen Wunsch leicht entnervt vorübergehend. Dann kamen meine Eltern von einem vierwöchigen Teneriffa-Aufenthalt zurück. Dreimal dürft ihr raten, was das Mitbringsel war.

Wir bekamen von der Tante meines Mannes zu Weihnachten einige Flaschen besonderes Heilquellwasser. Marke noch nie gehört. Design hübsch, aber noch nie gesehen. Geschenke werden willkommen geheißen. Und nach Wasser geschmeckt hat es ja auch. Jedenfalls suchte mein Mann, der webtechnisch extrem findig ist, neulich nach einer Unterkunft für einen kurzen Wanderausflug in die bayerischen Berge. Nach ein paar Minuten hatte er ein schönes, naturnahes, bezahlbares und verfügbares Domizil gefunden. Was glaubt ihr, welches Mineralwasser die abfüllen, vertreiben und auf einer ihrer Webpages abgebildet haben? Als ob es so hätte sollen sein.

Um uns die Trauer um unsere Tiere (auch die Katzen meines Mannes sind gestorben) zu mildern, sind wir vorletztes Wochenende nach Leipzig gefahren. Als wir am Sonntag wiederkamen, war mir wirklich bange. Das erste Mal eine Reiserückkehr in ein total leeres Haus. Natürlich stand genau in dem Moment, als wir ankamen, eine ganz liebe Gassigeh-Bekannte mit ihrem süßen Hund vor unserem Haus und hat mich zu ihrem Geburtstag eingeladen. Wir haben uns noch nie privat getroffen bisher. Ich habe mich sehr über diese freundliche Geste, aus der eine Freundschaft erwachsen könnte, gefreut – und sie kam genau im rechten Moment, von Herz zu Herz.

Und noch ein letztes, etwas anders geartetes Beispiel:

Wir haben im Wohnzimmer einen antiken Melkschemel. Auf dem steht ein Buddha. Vor kurzem fiel mir auf, dass besagter Buddha mittig unter dem Schemel (aufrecht) steht. Ich fragte meinen Mann, ob er ihn da hingestellt hat. Hat er nicht. Die Tage vorher hatte ich um Zeichen gebeten.

Ich weiß auch nicht. Ist es das morphogenetische Feld, eine Art allumfassendes Bewusstsein und universale mentale Verbindung, dem wir alle angeschlossen sind? Wir hier im Diesseits und die Seelen auf der anderen Seite? Oder das Göttliche? Oder ist das vielleicht das Gleiche? Oder reiner Zufall und gibt es den überhaupt?

Ich finde, ihr könnt glauben, was ihr wollt. Ich tue das auch. Hauptsache, wir alle fühlen uns gut aufgehoben – und gerade in schweren Zeiten fürsorglich ummantelt. Begleitet von der Ahnung, dass da draußen doch noch etwas ist, das größer ist als die Ratio und von liebevoller Zuwendung genährt kleine feine Zeichen für uns hat. Das gibt Hoffnung. Findet ihr auch?

12.02.2016


Begegnung mit dem Tod – und der Ewigkeit...

Wer uns kennt, weiß, dass wir unsere Räumlichkeiten in der Lachnerstraße mit einer „ganz besonderen Mitarbeiterin“ geteilt haben: die zeit|raum-Hündin Sina, den meistgestreichelten Hund der Welt, gibt es nun nicht mehr und weil sie und das Thema Abschied es wirklich wert sind, widme ich beiden hier ein paar Zeilen.

Ich habe nun fast 13 Jahre mit meinem kleinen Sonnenschein verbracht und es gibt – außerhalb der Business-Engagements (und sogar bei Team-Coachings war sie manchmal dabei) – quasi keinen Weg, den ich nicht mit ihr zusammen gegangen bin. Winter wie Sommer, bei Sonne, Regen oder im Schnee, den sie extrem mochte. Während des Burnouts und in der schwierigen Zeit danach, bis ich wieder Fuß fasste im Leben. Sogar zum Friseur hat sie mich begleitet und beim Einkaufen gierig ihr gewohntes „Wartewürstchen“ in Empfang genommen. Joggen, Wandern, Gassis überhaupt hat sie geliebt wie ihre Leckerlis und die kleinen schokoladigen Süßigkeiten am Abend, an denen ich gen Ende, als ich die Disziplin getrost über Bord werfen konnte, zum Glück nicht gespart habe. Geliebt hat sie auch die Menschen. Meine Sina war eine Menschenfreundin. Immer freundlich. Immer gut gelaunt. In jungen Jahren oft stürmisch und ein Quälgeist, später dann einfach eine gute Seele. Ein feines Wesen. Knapp 13 Jahre hat sie ihr Bettchen neben meinem gehabt. Liebe Leser, ihr könnt euch bestimmt vorstellen, wie sehr sie mir fehlt.

Ich habe gelernt, dass man sich auf das Thema Abschied vorbereiten kann.

In den vergangenen Wochen habe ich an fast nichts anderes mehr gedacht, mir „Was-ist-wenn“- und „Was-mache-ich-dann“-Fragen gestellt, mit dem Schicksal gehadert, mit dem lieben Gott verhandelt, mit Sina gesprochen, geweint und schlecht geschlafen, mir diverse Szenarien ausgemalt, keine Lösung, aber mal eine Haltung gefunden, dann wieder verloren, mich in das Hier und Jetzt gezwungen, mich von Zukunftsängsten peinigen und von Sorgen erfüllen lassen. Ich habe ein paar wichtige Gespräche geführt, Bücher gelesen (sehr empfehlenswert: „4 minus 3“ von Barbara Pachl-Eberhart) und die wohltuende Wirkung von Mitgefühl erfahren.

Doch auf den Verlust konnte ich mich nicht vorbereiten. Ich glaube, das kann man nicht.

Verlust bedeutet, damit leben zu lernen, dass ein geliebtes Wesen fehlt und unwiederbringlich verloren ist. Zumindest im irdischen Sein. Und wo du auch bist und woran du auch denkst und wohin dein Weg dich auch führt: dein Blick schweift ins Leere und auf die Lücke und jüngere und ältere Erinnerungen holen dich ein. Diese Trauer ist allgegenwärtig. Sie packt dich in Watte, macht dich milde und manchmal auch müde. Dein Herz ist schwer und zeitweise tut es richtig weh. Es ist, als ob jemand etwas aus deiner Mitte gerissen hat. Ein fast physischer Schmerz.

Wenn ein Leben keine Zukunft mehr hat und das andere schon, dann gibt es keine andere Möglichkeit als in trauriger Dankbarkeit das Loslassen zu lernen. Und sich voneinander zu trennen. Nach der Leere kommen Wahlmöglichkeiten, die man gar nicht wollte. Wo etwas stirbt, beginnt etwas Neues, ob du nun magst oder nicht. Die Entscheidung für das Leben zu treffen heißt, das noch fremde und vielleicht auch ferne Neue zuzulassen und – wenn die Zeit reif ist und du so weit bist – willkommen zu heißen. Mit dem vermissten Liebling im Herzen, ob Mensch oder Tier, gehst du deinen Weg weiter und bis ans Ende und vielleicht sogar weiter… zusammen. Auf eine andere Art.

28.01.2016


Ganz gelassen bleiben, notfalls: atmen…

Hallo meine lieben Blog-Leser, wir sind aus den Weihnachtsferien zurück und schon wieder ziemlich geistreich. Dann hat die Auszeit ja zumindest dem Hirn gut getan, wenn sie schon nicht dem Body-Mass-Index zuträglich war. Aber, was soll´s. Es gibt wahrhaft Schlimmeres als ein paar (Kilo) Kekse zu viel, etliche (Dutzend) Salatköpfe zu wenig und den sanft wabbernden Hüftspeck beim Joggen im Morgengrauen…

…womit wir beim Jahresauftaktthema wären: Gelassenheit.

Ich habe mir ja wie alle Jahre wieder eine Collage gebastelt, in der ich persönliche Entwicklungsaspekte visualisiert und im Büro gleich neben meinem Schreibtisch aufgehängt habe. Derzufolge kann ich jetzt also gar nicht mehr anders als relaxed sein bei unkontrollierbaren Ereignissen oder eigenen Versäumnissen, cool bleiben, wenn es mal heiß her- oder turbulent zugeht, herausfordernde Verhaltensweisen anderer milde lächelnd begrüßen, friedvoll Abschied nehmen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist und mich über jeden schönen Zufall freuen.

Ich bemühe mich. Wirklich. Und ich feiere bereits Teilerfolge, da ich jüngst einen kontraproduktiven Konter per What´s App zurückhielt und erst vorgestern einen scharfzüngigen Kommentar in einer E-Mail an einen Kunden löschte – beides, weil es nicht mehr meinem rundherum tiefenentspannten und eben total gelassenen neuen Selbst entsprach. Damit ist dann ja wohl in kürzester Zeit und extrem effektiv der erste Schritt Richtung Lernfortschritt schon getan. Ich habe mich ertappt. Als nächstes kommt vielleicht schon der Automatismus, was meinem hohen Grundtempo total entgegenkäme.

Wie viel Zeit das Projekt aber letztlich auch brauchen mag… ich bin bestrebt, weder das Gras aus dem Boden ziehen zu wollen, noch verdonnere ich mich zur Rückschrittslosigkeit. Ich kenne mich schließlich lange genug. Sollte mir Gelassenheit also einmal nicht gelingen, kann ich immer noch gelassen drüber stehen und notfalls einfach weiteratmen bis zum Schlafengehen. Wenn ich Glück habe, wache ich morgen früh wieder auf und darf mich dem Abenteuer, das sich Leben nennt, weiter stellen, weiter lernen und weiter wachsen und dabei völlig lebendig bleiben.

13.01.2016


Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Naja. Zunächst einmal gilt es, die Jahresendzeit zu überstehen. Nervlich. Notfalls mit Lavendel und Johanneskraut, viel Schlaf und reichlich Stöbern in den hell erleuchteten Arcaden.

Ich weiß nicht wie es euch in Anbetracht dessen geht, dass das Jahr gerade zur Neige geht. Ich selbst habe gemischte Gefühle. Und zwar diese:

Das Jahr 2015 war in jeder Hinsicht ein sehr bewegtes und bewegendes. Anfangs war bereits klar, dass wir gut gebucht und viel besucht sein werden. Das ist so etwas von schön – gebraucht zu werden, gewollt zu sein, erfolgreich zu bleiben. Dafür sind Julia und ich extrem dankbar und wir wünschen uns auch für 2016 (die Zeichen stehen bereits günstig!), darauf aufbauen und daran festhalten zu können.

Apropos festhalten. Da sind wir gleich beim nächsten Thema. Wir Menschen neigen ja dazu, alles halten zu wollen, was uns lieb und wichtig ist. Nur ist das Leben ja lebhaft und Abschied und Loslassen gehören nun einmal auch dazu. Was schwer erträglich, ein großes „Lebenspäckchen“ ist, an dem wir wachsen dürfen, oder besser: mit dem wir umgehen lernen müssen. In diesem Jahr mussten wir von Angehörigen einiger guter Freunde Abschied nehmen. Die beiden Katzen meines Mannes sind gestorben. Mein Hund kündigt seinen Fortgang an. Es gab Trennungen im Freundeskreis und psychische Krisen im Anschluss. Aber auch gewollte Abschiede in anderer Form. Manche Menschen kommen und gehen. Andere begleiten uns noch eine Weile und wir sie und das hoffentlich gesund und munter. Womit wir beim letzten Thema wären.

Gesundheit ist das Wichtigste, hat meine Oma immer gesagt. Jetzt endlich begreife ich, was sie gemeint hat. Mit zunehmendem Alter weiß man das eigene Intaktsein, das verlässliche Funktionieren wahrhaft zu schätzen, weil man die eigene Endlichkeit in Form verschiedener Vergänglichkeiten zu spüren bekommt. Ich bin in diesem Jahr vom Pferd gefallen und habe mir einen Wirbel angebrochen. Das Gefühl, nicht wirklich alles kontrollieren zu können und die Einsicht, dass ein unachtsamer Augenblick bei dir oder anderen dein Dasein binnen einer Sekunde völlig verändern können, wird mir wohl bleiben.

Und weil wir gerade beim Bleiben sind: Bleibt uns bitte verbunden, liebe Leser, Freunde, Bekannte, Geschäftspartner und Kollegen. Entdeckt mit uns, was vor uns liegt und hofft mit uns auf 365 Wunder-volle Tage! Glück liegt ja oft im Kleinen und Erkenntnisse lauern überall. Lasst uns also gemeinsam gespannt sein! Wir wünschen euch eine geruhsame (= ereignisarme und sorgenlose) Jahresendzeit und von ganzem Herzen alles Gute für das Neue Jahr!

17.12.2015


Von wegen „stade Zeit“…

Alle Jahre wieder wundern wir uns über das Phänomen, dass viele Menschen in unserem näheren und weiteren Bekanntenkreis gerade in der Zeit, die sich hier in Bayern „stade“ nennt, total am Limit sind. Und wir fragen uns, warum.

Tatsächlich sind wir der Sache noch nicht auf die Schliche gekommen. Julia meint, dass diese gehetzten Zeitgenossen in der Regel Kinder haben und zusätzlich in Vereinen sind. Das macht dann in Summe, bei mehreren Kindern, diverse Schulweihnachtsfeiern und Vereinsfestivitäten und wenn der Nachwuchs noch in irgendwelchen Kapellen oder Theater spielt, verschiedene Aufführungen, bei denen die Eltern natürlich dabei sein müssen.

Doch ich kenne auch erwachsene, selbstbestimmte Menschen, deren Kinder bereits groß bzw. aus dem Haus sind und denen es so geht, dass eine Verpflichtung die nächste jagt.

Machen also wir beide etwas falsch, wenn wir uns vor dem Fest der Feste Ruhe gönnen und uns nicht mit selbst gemachten Dringlichkeiten den Eindruck vermitteln, wir seien mit hohem Tempo auf der Flucht?

Tatsächlich ist es so, dass das Vakuum, das Stille erst einmal mit sich bringt, zunächst kaum zu ertragen ist und bei Erstgenuss nach Workshop-intensiven Wochen schwer verdaulich scheint. So sehr wir uns auch auf diese (bei uns regelmäßig ruhigere) Zeit vor Weihnachten und bis Ende Januar gefreut und uns manchmal richtiggehend danach gesehnt haben, endlich einmal wieder Gedanken austauschen zu können im Büro und Pläne zu schmieden und völlig entspannt nach Hause zu fahren, ohne gleich im Anschluss mit unseren Pferden quasi um die Wette zu galoppieren… im ersten Moment ist das schon sehr befremdlich so und mutet wie ein Leben in Slow Motion an. Julia hat berichtet, dass sie kürzlich, an einem der ersten ruhigeren Tage, fast eine Stunde vor den Barbecue-Soßen im Supermarkt verbrachte und sich völlig zeitbefreit in deren Auswahl vertiefte, während ich – geplagt von innerer Unruhe, Sorge um meinen Hund und den vielen Lebensfragen, die gewissermaßen auf mich lauern, sobald ich nicht mehr am Rennen bin – schon Dauergast bei Amazon bin. Irgendwas braucht „man“ schließlich immer.

Aber das wird schon. Es ist eine Suche, ein sich Wiederfinden müssen.

Nach diesem „Schwebezustand“ kommt etwas. Hinfühlen heißt die Devise. Aushalten lernen. Wachsam bleiben. Nur aus Leere kann Fülle entstehen. Und zwar „echte“ Fülle, i. S. v. „das erfüllt mich, macht mich glücklich“. Also, liebe Leute: gönnt euch Besinnung und verzichtet auf selbstgemachte Stressoren. Das Gut Zeit ist nämlich nicht knapp. Euer Kalender ist einfach zu voll.

03.12.2015


Kinder, Kinder!

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, wenn ihr euch am Ende eines ereignisreichen und erlebnisintensiven Wochentages noch zum Einkaufen schleppt. Meinerseits kann ich berichten, dass meine Sinne im Gegensatz zu meinen müden Gliedmaßen in der Regel hochwachsam und geschärft sind. Anders formuliert: gelegentlich bin ich etwas gereizt.

Jedenfalls, und das wissen viele meiner Workshop-Teilnehmer, sind ALDI, REWE & Co. für mich die perfekten Testfelder für neu zu erprobende Abgrenzungsstrategien oder auch Schaubühnen zur Beobachtung der Spezies Mensch in Groß und Klein im Allgemeinen.

Was mir derzeit wieder verstärkt auffällt ist, dass Eltern dort Exempel ihrer kaum wahrnehmbaren Erziehungsberechtigung statuieren und dass wirklich niemand dem erwachsen genug gegenübersteht, um das, was sich vor aller Augen abspielt, zu kommentieren.

Alle schauen weg.

Viele schauen genervt.

Keiner sagt was.

Und psychologisch gesehen bestärken wir alle damit das Verhalten (der Eltern).

O.k., dass mir das derzeit überhaupt in gehäuftem Maße auffällt, hat schon auch mit mir zu tun. Viele Workshops. Viel Gefahre. Viel gegeben. Viel bekommen. Am Limit entlangschrammend, interagiere ich oft mit anderen Menschen und dem Universum im Allgemeinen auf eine äußerst inspirierende Weise, die mir wiederum zig Beispiele für meine Workshops liefert…

Um was geht es jetzt also?

In erster Linie wollte ich euch fragen, liebe Leser, ob ihr denn Stellung bezieht.

Etwa, wenn ihr bei ALDI ein Kleinkind beobachtet, das sich aus seinem Sitz im Einkaufswagen heraus völlig arglos ein Fruchtsaftgetränk aus der kassennahen Schütte hangelt, daran zerrt und nuckelt, so dass Speichelfäden die Kartonage überziehen. Im Anschluss bemerkt die Kassiererin das Getränk und will es auf die Rechnung setzen. Die Mama aber konstatiert: „Nein, das darf er ja gar nicht trinken!“. Und legt das bereits sich im Mund befunden habende Getränk in die Schütte zurück.

Oder wenn ihr vor euch eine feengleiche Mutter in Blümchenhose habt, deren halbwüchsige Kinder konträr zur lustigen Erziehungsberechtigten völlig lustlos und bestückt mit einem einzigen Hokaido auf dem meterlang leeren Kassenband lümmeln, während ihr belastet mit reich gefülltem 25 kg-Körbchen euch nichts sehnlicher wünscht, als endlich die Ware auflegen zu dürfen?

Oder wenn ihr auf der Jagd nach Barilla-Nudel über ein kreischend am Boden liegendes Balg balancieren müsst, dessen euch wiederholt auffällig gewordene Mutter den Ausbruch abwartend rein gar nichts tut (außer die Nerven aller zu schädigen)?

Na?

Verbal oder nonverbal oder gar nicht?

Es gibt kein Richtig oder Falsch, sofern ihr euch die Frage nicht beantworten könnt, wie ihr dazu steht. Beflügelt von entsprechend zugefallener Lesekost kann ich euch nur raten: geschehen und entfalten lassen kippt leicht in erlauben und verwöhnen. Und das ist nicht gut für Kids, denen ein gewisses Maß an gesunder Sozialisierung vermittelt werden soll.

Und jetzt?

 

25.11.2015


Ein Beinahe-Crash und seine Folgen

Kürzlich hatte ich Geburtstag. Wie jedes Jahr und insbesondere in der jüngeren Vergangenheit, in der meine Lenze mit beträchtlicher Geschwindigkeit gen die 50 rauschen, habe ich mir viele Gedanken gemacht. Über das Altern und die entsprechenden Begleiterscheinungen wie die vielen Falten, die hängenden Augenlider, das lichter werdende Haar und die zunehmende Regenerationsnotwendigkeit nach Belastung. Über die noch ausstehenden, einschneidenden Veränderungen im Leben wie etwa den Abschied von mir nahe stehenden Menschen und Tieren. Und über den Tag an sich, der alljährlich Ärgernisse birgt, über die ich hier nicht schreiben mag.

Jedenfalls habe ich trotz all der Gespinste, die mein Hirn rund um den Anlass alljährlich hervorbringt, versucht, mir einen schönen Tag zu schenken. Ich habe mir frei genommen und bin erst einmal mit meiner Cousine zum Frühstücken gegangen. Wie gewohnt ist es ein schönes Date gewesen mit Herzenswärme und tollem Austausch. Genau wie ich es mag. Im Anschluss machte ich mich auf nach Hause, noch immer in Gedanken über das was hinter mir lag und noch kommen würde. An diesem Tag und überhaupt. Währenddessen stand ich im Hier und Jetzt an einer Ampel und fuhr bei Hellgrün langsam an, als ein anderes Auto bei hoher Geschwindigkeit von links über die Kreuzung raste. Zum Glück hing ich gerade nur meinen Gedanken nach und war ansonsten „ zufällig“ mal unbeschäftigt, weder abgelenkt von Radio, noch Telefon oder dem altersbedingt häufig im Fußraum des Beifahrersitzes befindlichen Hund. Sonst wäre es passiert.

Ich war so erschrocken, dass ich nach intuitiver Vollbremsung erst einmal inmitten der Kreuzung stehen blieb. Ich erkannte ebenso erschrockene Gesichter wie meines an den Straßenrändern und fragte zwei von ihnen, ob ich wirklich Grün gehabt hatte (in der Hoffnung, das manchmal einsetzende frühdemenzielle Syndrom habe nicht bereits auf meine Wahrnehmung abgefärbt).

Danach war mir übel. Ich zitterte. Aha, habe ich mir gedacht, so schnell kann das also gehen. So schnell kannst du weg vom Fenster sein. Oder, falls nicht gleich gar so schlimm, so ratzfatz kannst du zu Schaden kommen.

Da war mir dann mein Geburtstag kurz einmal heilig und das Bewusstsein wieder da, dass wir alle, die wir älter werden, froh sein dürfen, wenn sich die Lenze häufen. Denn dieses Glück ist nicht jedem gegeben.

Ich habe das Ereignis als Signal gedeutet Richtung mehr Dankbarkeit und als Bestärkung meiner ohnehin reifenden Haltung, stets das Beste aus all dem zu machen, was mit dem Leben einhergeht.

Außerdem werde ich nie mehr bei Dunkelgelb über Ampeln rasen. Denn dabei hatte ich mich in letzter Zeit immer wieder ertappt. Vermutlich hatte es der andere Autofahrer genauso eilig wie ich oft. Das kann dann dabei herauskommen: ein Beinahe-Crash mit Folgen im Bewusst-Sein.

 

12.11.2015


Von der Kunst der kommunikativen Gelassenheit

Heute habe ich in einem Artikel über das Thema Stoische Gelassenheit gelesen. In etwa ist damit gemeint, dass man nicht immer alles, was anliegt, gleich erledigt, sondern völlig frei von Druck den richten Zeitpunkt abwartet.

Gelassenheit steht für das tief verankerte Bewusstsein – eigentlich ist es eine Lebenshaltung –, dass es für alles auf der Welt den rechten Moment gibt.

Steht also eine Entscheidung an, die ich treffen müsste, aber noch nicht kann, darf ich einfach abwarten. Mit dem an wahnhafte Überzeugung grenzenden Glauben, dass ich bestimmt irgendwann wissen werde, wo es lang geht. Und so lange ich es noch nicht weiß, ist eben einfach der rechte Moment nicht da.

Kommt eine E-Mail rein, die nach Beantwortung schreit, darf ich mir getrost sagen, dass auch morgen noch ein geeigneter Tag dafür ist. Ärgere ich mich über eine zwischenmenschliche Interaktion, von der ich betroffen bin, zwingt mich niemand in die affektive Blitzreaktion, sondern höchstens zum Weiteratmen.

Schön klingt das. Verdammt erstrebenswert. Und ich sage Ihnen, liebe Leser, wenn sich einer übt, dann bin ich es. Und zwar schon seit Jahren, wobei ich mich auch „schon“ über gelegentliche Erfolge freuen darf. Das sind dann die Ereignisse, die mich innerlich kirre machen und ich spüre den dringenden Impuls, mich sofort damit zu befassen und Stellung zu beziehen. Oder einfach nur Botschaften von wem und über was auch immer. Und ich zwinge mich zum Nichtstun.

Vielleicht steckt mein anerzogener Glaubenssatz „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ dahinter, dass ich mir so schwer mit jedweder Gelassenheit und vor allem der kommunikativen tue? Das kann gut sein. Wer wie ich gelernt hat, dass man nichts auf die lange Bank schieben sollte, müsste dann dieselben Probleme damit haben.

Neulich habe ich im Rahmen eines Workshops mal die Teilnehmer gefragt, wie es Ihnen mit meinem Forschungsobjekt What´s App so geht. Diese Plattform ist für mich die allerallergrößte Herausforderung, weil sie ja auf den zackigen Austausch von News und dynamische Dialoge, teils sogar in Gruppen, baut. Als ich mein erstes Smart Phone bekam, habe ich mich mit Vergnügen auf What´s App gestürzt. Ich fand damals, das sei genau mein Ding, denn ich bin ja quasi von Geburt an so kommunikativ wie kontaktstark und zudem noch extrem schnell, also fühlte ich mich endlich in genau meiner Welt. Mit der Zeit dann verdichtete sich, auch aufgrund meiner Freizeitaktivitäten, das What´s App-Aufkommen und es gab Tage, da hatte ich gefühlt keine drei Minuten mehr Ruhe am Stück. Ich begann, mein Handy auf Lautlos zu stellen, was zur Folge hatte, dass ich es ständig in die Hand nahm, um visuell zu überprüfen, was so abgeht. Dann habe angefangen, mein Handy zu hassen oder mich zu zwingen, es nicht mehr auffindbar zu verlegen. Oder es nicht mehr vor der Frühstückszeitung anzuschalten. Wann immer ich die Incoming News sichtete, von denen es reichlich gab, fühlte ich mich genötigt, meinen Senf sofort dazuzugeben. Es war verrückt. Gleichermaßen hatte ich den innigen Wunsch nach reduziertem Tempo in der Kommunikation, nach emotionalem Abstand und absoluter Stille. An manchen Tagen sehnte ich mich nicht nur in die Zeit vor den smarten Phones, sondern sogar in die Ära vor dem Anrufbeantworter zurück – in längst vergangene Lebensphasen, in denen man einfach nicht erreichbar sein und zugleich nicht zum Antworten genötigt werden konnte.

Andererseits wuchsen auch meine Erwartungen an meine Umwelt. Ich, mit meinem hohen Tempo und meinem Kommunikationszwang, konnte bei der ein oder anderen What´s App erkennen, dass der Empfänger zwar online war, aber mir nicht geantwortet hatte. Das ging ja schon gleich gar nicht.

Oh Mann.

Und im Kommunikationsworkshop neulich endlich fand ich dann Gehör mit meinen wirren Gedanken und inneren Zwängen – bei sogar wesentlich jüngeren Leuten. Die wussten, von was ich sprach. Die kannten das Phänomen. Denen ging es auch schon mal so. Sie konnten mich total verstehen.

Das hat sowas von gut getan.

Also. Ich übe mich jetzt noch verstärkter in Gelassenheit. Ganzheitlich und kommunikativ ganz genauso. Ich habe in puncto What´s App & Co. entschieden, dass ich meinen Senf auch gerne gelegentlich für mich behalten darf. Seitdem sage ich nur noch etwas, wenn ich gefragt werde oder glaube, was ich zu sagen habe, ist von globalem Wert.

Seitdem hat das What´s App-Volumen deutlich nachgelassen und ich habe meinen Seelenfrieden zurück.

Die Stoiker haben also Recht. Alles hat seine Zeit, alles wird letztlich gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist der rechte Augenblick (der Weisheit letzter Schluss) einfach noch nicht da. Das sehe ich jetzt genauso und völlig gelassen. Da vertraue ich drauf.

11.11.2015


Von Vampiren und anderen Märchenwesen: Alles Humbug?

Ich habe mich in jüngster Vergangenheit arg viel mit Menschen geplagt, die mir nicht gut tun. Raus aus der Situation konnte ich aber nicht. Also habe ich mir nahezu tagtäglich Gedanken darüber gemacht, wie man optimal mit diesen Situationen im Leben umgehen könnte. Und siehe da, meine Hirninhalte haben offenbar im Universum Anklang gefunden (Resonanzprinzip!). Denn nur wenig später lese ich im Wochenendmagazin der Tageszeitung von Energieräubern – also von Menschen, die einen aussaugen wie Vampire. Die Begegnung mit diesen Leuten, der Autor dort spricht von Dampfplauderern, Blockierern, Spaßkillern, Wettbewerbs-Anheizern, Großmäulern, Besserwissern und Nur-von-sich-Erzählern, kostet uns Unmengen Kraft. Und das dauernd.

Die Gemeinsamkeit all dieser Subtypen an Energie-Saugern ist, dass sie es offenbar selten schaffen, auch einmal ihre Seite zu verlassen und vorübergehend in den Sichtbereich ihres Gegenübers einzutauchen, um herauszufinden, wie es dem anderen dort gerade wohl gehen mag mit dieser oder jener Angelegenheit. Ich spreche von einem Mangel an Empathie, also Einfühlungsvermögen.

Empathie ist aber nun die Grundvoraussetzung für hochqualitative soziale Beziehungen. Sie ermöglicht es uns, unsere eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren und womöglich die Reaktionen anderer in diesem Kontext nachzuvollziehen.

Empathische Menschen sind in der Regel auch sehr sensitiv. Die Schlussfolgerung aber, dass einfühlsame Wesen bevorzugt von Vampiren heimgesucht werden, wird seitens der Psychologie eher verneint. Denn Einfühlsame sind angeblich besser in der Lage, andere zu lenken, weil sie sich in zwischenmenschlichen Interaktionen eben auch mal auf die Metaebene schwingen und das Ganze von oben beleuchten können. Sie verstehen leichter, was der andere denkt, braucht und allgemein wie er tickt. Infolge dieses Durch- und Überblicks richten sie ihr Verhalten aus, um zu bekommen, was sie vom anderen gerne haben möchten.

Das eigentlich Interessante und für uns alle Relevante des Artikels ist nun folgende Erkenntnis:

Es ist dem Menschen in die Wiege gelegt, nach Wertschätzung zu streben und von anderen für sympathisch befunden zu werden. Also strengen wir uns an. Werden dann unsere Erwartungen nicht erfüllt und begegnen uns andere trotz unserer Bemühungen vermeintlich reserviert oder „wurschtig“, sind wir enttäuscht und reagieren ablehnend. Hinzu kommt der so genannte „Attributionsfehler“, das heißt, wir selbst glauben, uns auch einmal ein zwischenmenschliches Fehlverhalten leisten zu dürfen, gehen aber bei unpässlichen Verhaltensweisen anderer gleich davon aus, es handele sich um eine Charakterschwäche.

Unter dem Strich könnte es also sein, dass es diese energieräuberischen Menschentypen in Wahrheit gar nicht gibt. Wenn die Chemie zwischen uns nicht stimmt und wir unsere wechselseitigen Erwartungen – und sei es auch nur mit der Frage: „Und wie geht es (dabei eigentlich) dir?“ – nicht erfüllen, empfinden wir Beziehungen als anstrengend. Wir sind also gleichermaßen beteiligt am Geschehen. Durch das simple Geschehenlassen, unsere eigenen Erwartungen und schließlich, weil wir bestimmt auch mal von anderen als Vampire empfunden werden. Echt gruselig.

21.10.2015


Ist das noch schön?

Auch das noch: Ich habe kürzlich von einem mir bislang noch nicht geläufigen Begriff gelesen. Und da ich gerne neue Wörter und Redewendungen lerne, mich über Alpha-Kevin, „das holt mich total ab“ (i. S. v. „gefällt mir“) oder „das resoniert völlig“ amüsiere, habe ich mich gierig über den zugehörigen Lesestoff hergemacht. Das Novum heißt „Skinny Fat“ und bezeichnet, was ich habe. Ja. Auch ich. Ja, ich weiß, ich bin schlank. Aber ich werde eben auch bald 47 und ich habe bereits ackerfurchentiefe Lebenslinien im Gesicht und so darf ich wohl doch preisgeben, dass ich die ein oder andere Rolle da habe, wo sie meinem inneren Ästheten (= der Body- und Optik-Kritiker) vor allem bei der rückseitigen Betrachtung meines Oberteils Brechreiz verursacht. Frontal weniger. Deswegen verrenke ich mich seit geraumer Zeit nicht mehr groß vor dem Spiegel, sondern begutachte einfach das, was noch einigermaßen intakt ist. Ist doch eine praktikable Strategie. Predige ich schließlich auch immer in meinen Seminaren: nicht immer nur auf die „Löcher im Käse“ starren, sondern auch auf die Substanz. Das, was passt. Mach´ ich!

Doch muss man diesen Rollen jetzt wirklich auch noch einen Namen geben? Sie zur Beweisführung hernehmen, dass man trotz täglichem Bewegungsdrang und Obst ohne Ende gerne mal Pizza-, Pasta- oder Pommes-All-you-can-eats am Abend (ungünstig!) veranstaltet und danach die innere Naschkatze mit Schokolade (viel!) füttert?

Und kann ich – jetzt, da sie einen Namen haben und von einem doch nicht so ganz idealen Ernährungsstil zeugen – noch so weitermachen als ob nichts wäre?

Yes, I can!

Weil für mich Ernährung eben nicht Kult ist, der zur Perfektion getrieben werden muss. Sondern Genuss. Und so lange mich keine gesundheitlichen Problemzonen zum Verzicht auf dies und das bewegen, bewege ich mich von dieser Einstellung keinen Millimeter weg.

Meine Rollen gehören mir. Punkt.

14.10.2015


Ein Tropfen auf dem heißen Stein

Samosurlaub im September. Sonnige Tage auf einer schönen Insel. Das Meer ultrablau. Der Himmel weitestgehend wolkenlos. Der Urlauberstrom schon flau. Blaue Stühle vor weißen Mauern. Malerische Idylle mit liebevoll muschelverzierten Tavernen, bunten, sanft schaukelnden Fischerbooten und hübschen Katzen an jeder Ecke. Ein Fotoobjekt reiht sich an das nächste Postkartenmotiv. Vom Einchecken bis zum Loslassen war es wirklich nicht weit. Kaum in die erholsame Atmosphäre eingetaucht, sind mein Mann und ich auch schon tiefenentspannt und erkunden gut gelaunt Land und Leute im seit jeher geliebten Griechenland.

Und dann: Flüchtlinge an den Häfen von Samos-Stadt und Polygorion. Menschen mit eingestaubten Rucksäcken, sorgsam in Plastikfolie verpackten Pässen und glühenden Gesichtern in der Mittagshitze. Männer und Frauen, die Schlange stehen vor Registrierstellen und behelfsmäßigen Krankenstationen. Kinder, die schlapp an den Händen ihrer Eltern schlurfen oder schlafend geschultert sind. Deren müde Augen mich verfolgen.

Es geht mir ans Herz und an die Seele, so etwas „live“ zu erleben. Einmal mittendrin zu sein im meist diskutierten Thema dieser Zeit. So sieht das also aus, wenn hoffnungslose Heimatlose über die Türkei gen Westen schippern und damit im vermeintlich sicheren Staatenbund Europa Fuß zu fassen versuchen.

Es ist elend. Und die eigene Hilflosigkeit in Anbetracht der vielen Hilfsbedürftigen ergreift dich sofort, erschüttert die Distanz, die in der gewöhnlichen Situation – Nachrichten guckend vom heimischen Sofa aus – auch die Empathie eindämmt.

Was wir getan haben? 48 Flaschen gekauft. 4 Zwölferpacks mit je einem Dutzend 0,5 Litern Wasser. Ohne Kohlensäure. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mehr ist uns spontan einfach nicht eingefallen.

29.09.2015


Kampf gegen Windmühlen, oder: Wahres Loslassen lernt man im Fürstentum Dellavalle

Diese Geschichte aus Italien ist einfach unglaublich: Da wurde ein Typ namens Pier Giuseppe Dellavalle vor 15 Jahren zwecks Straßenbau enteignet. Einfach so nahm man ihm sein Haus, um an Ort und Stelle einen Kreisverkehr zu errichten. Dafür sollte er ein stattliches Sümmchen erhalten, das in Gänze bis heute nicht ausbezahlt wurde. Alles Klagen nützte nichts und – das ist das Allerschärfste daran – der ehemalige Hausbesitzer muss bis heute noch Steuern auf sein nicht mehr existentes Anwesen zahlen.

Seinem Unmut verleiht Signore Dellavalle mit stetigen Prozessen Ausdruck, doch die Restsumme der Enteignung steht noch immer aus. Die Mühlen der Verwaltung haben das Mahlen scheinbar komplett eingestellt in Bella Italia. Kein Wunder also, dass das Motto des jüngst gegründeten Zwergstaates Dellavalle, der – Überraschung! – in der Mitte des erwähnten Kreisverkehrs liegt, lautet: „Lass uns die Welt nicht in den Händen von Idioten lassen!“.

Wir predigen in unseren Seminaren angestrengten Arbeitnehmern ja häufig als Handlungsstrategie „love it, change it, leave it“. Was so viel heißen soll wie: versuche, das Gute an beruflichen Rahmenbedingungen zu erkennen, die Herausforderung zu nutzen, die Chance zum persönlichen Wachstum darin zu finden. Oder aber nimm´ Einfluss und gestalte die Umstände so gut es eben geht mit. Und schließlich, noch bevor es um das tatsächliche Verlassen des Arbeitsplatzes als Exit-Lösung geht, lerne, Unveränderliches anzunehmen und loszulassen, statt alltäglich gegen Mauern zu rennen.

Unveränderliche Rahmenbedingungen gibt es in jedem Job – Dinge, über die man sich zwar mächtig aufregen kann, aber denen gegenüber mal letztlich machtlos ist. Genau hier geht es um das „sein lassen“, das Loslassen, das nicht gegen Wände rennen. Nicht jedermanns Sache, aber für jeden von uns eine Riesenlernlektion.

Wem das heute oder die Tage oder überhaupt einmal wieder schwer fällt, der kann sich ja das Beispiel Dellavalle gedanklich herholen. Wenn der arme geplagte Geist des Signore Dellavalle das schafft mit einem lebenslänglichen Schildbürgerstreich umzugehen, dann ist es auch für uns noch nicht zu spät, unsere eigene Komfortzone zu gründen, statt zu kämpfen, wo es sich vergleichsweise wirklich nicht lohnt.

17.09.2015


Flucht vor der Flucht?

Baden-Württemberg meldet Brandanschläge auf zwei Asyl-Unterkünfte, Türkei jagt Schlepper, Frankreich beklagt Hetze gegen Flüchtlinge, Lesbos steht kurz vor einer Explosion, Kos quillt über und ich fliege nächste Woche nach Samos, das auch nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste liegt.

Und in Buckenhof, wo sich die von mir aus nächstgelegene Flüchtlingsunterkunft befindet, habe ich neulich einen Mann im Wald laut schreien hören: „Dieses Gesindel, dieses Gesocks, Deutschland verkommt immer mehr, wo soll das noch enden mit diesem Dreckspack…“.

Da habe mal wieder gestaunt. Über die Einfachheit der Menschen. Ebenso wundere ich mich schon länger über die lokale Presse, die zwar täglich einschlägige Meldungen macht, aber keine Geschichten erzählt über die armen Seelen, die bei uns ihr Leben retten wollen. So dass man in der Lage wäre, Einsicht zu gewinnen und Mitgefühl zu entwickeln. Steckt da eine Strategie dahinter? Es wäre doch so einfach, aus anonymen Asylsuchenden Bedürftige mit Gesichtern zu machen, die man sich merkt. Denen man helfen will.

Aber was geht in den Köpfen derer vor, die sich in ihren eigenen (schon lange vor der Flüchtlingsflut vorhanden gewesenen) Vorurteilen gegen Ausländer nun endgültig verheddern? Die nicht differenzieren, sondern alle in einen gedanklichen Topf schmeißen, auf dem steht: „Die nehmen mir mein Fressen weg“?

Wenn es etwas zu beklagen gäbe, dann ist es – denke ich – die Durchwinkepolitik der Balkanstaaten und die im Schneckentempo mahlenden Mühlen der Verwaltung vor Ort. Denn ich denke schon und vor allem auch in Anbetracht der massiven Überforderung unserer Kommunen, dass es eine schnellere und treffsichere Auswahl geben sollte, so dass wirklich nur Menschen zu uns kämen und blieben, die definitiv in Not sind. Und nicht auch „Trittbrettfahrer“, also solche, die einfach nur auf wirtschaftliche Optimierung hoffen. Was sie natürlich dürfen. Aber im Moment herrscht ja wohl in jeder Hinsicht eine Nadelöhr-Situation, die zu schmal ist für alle.

Aber das ist nur meine laienhafte Meinung.

Ansonsten bin ich ziemlich sicher, dass auch ich mein Leben zu retten versuchen würde, wenn mir jemand Haus und Hof und Zukunft nimmt. Ich würde es also nicht anders machen. Und Sie? Was würden Sie tun?

Meine Großeltern wurden damals vertrieben. Sie hatten keine Wahl. War dann die Situation damals besser oder anders? Darf man Menschen einen Vorwurf dafür machen, dass sie ihre Wahlfreiheit genutzt haben, um ihre Existenz zu sichern?

Und wie wäre es, wenn man selbst helfen würde, statt sich immer nur den ARD-Brennpunkt anzusehen und bestürzt die Zeitung zu lesen? Selbst mitwirken, mitgestalten, sich einmischen und Nähe suchen: so könnte womöglich aus der „Asylsache“ eine „Herzensangelegenheit“ werden…

Darüber sollten wir mal nachdenken. Und dann: handeln.

08.09.2015


Erlanger leben gesund – warum wohl?

Kürzlich fiel mir mal wieder psychologisch wertvolles Futter in meiner morgendlichen Fundgrube Erlanger Nachrichten zu. Das reibe ich Ihnen, liebe Leser unseres Blogs, mal eben unverdrossen unter die Nase:

Laut der jüngsten Statistik der Techniker Krankenkasse sind die Erlanger Arbeitnehmer mit „nur“ 10,8 Tagen Kranksein pro Kalenderjahr am gesündesten im fränkischen Vergleich. Der Landkreis Erlangen-Höchstadt liegt mit 12,3 Tagen so gut wie im bayrischen Durchschnitt, der mit dem Arbeitsabstinenzwert von 12,8 beziffert wird, wohingegen der Raum Ansbach mit 16,2 Krankheitstagen an der ungesunden Spitze rangiert.

Warum das so ist, weiß angeblich keiner so genau. Wobei der Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit – sowohl inhaltlich als auch honorartechnisch – und Verbundenheitsgefühl zum Job schon angenommen wird. Was ja ziemlich einleuchtend wäre: wenn ich mich in meinem beruflichen Umfeld nicht wohl oder gar verkannt fühle, wird aus einem Ziehen im Rücken schon eher eine ausgewachsene Zerrung und aus einem Nasenflügelzucken womöglich die nächste Grippe. Um ganz sicher zu gehen, bleibe ich dann erst mal zu Hause. An meinem Arbeitsplatz sieht mich ja eh keiner. Möglicherweise merkt auch niemand, dass ich fehle. Also bleibe ich halt fern (und vielleicht auch länger, als ich bräuchte). Kann ich völlig nachvollziehen und Sie, meine psychologisch interessierten Blog-Leser, bestimmt auch.

Jedenfalls habe ich auch keinen Plan, warum die Ansbacher Beschäftigten so „häufig“ im fränkischen Vergleich der Arbeit fern bleiben, womöglich sogar das Bett hüten. Aber eines weiß ich jedenfalls genau. Nämlich, warum die Erlanger so überdurchschnittlich gesund sind.

Mich fragt aber niemand.

Trotzdem sage ich Ihnen das jetzt: Das ultimative Rezept gegen winterlich dunkle Grübeleien, windigen Frühjahrsfrust oder episodisch wiederkehrende Herbstzeittiefs sind die hochgradig erbaulichen, komfortabel erreichbaren, kunterbunten, Samstag mittags knallevollen und kinderlauten Arcaden. Warum? Weil die zum einen hell erleuchtet sind, wenn der Vitamin-D-Mangel durch fehlendes Tageslicht auf die Stimmung schlägt. Und im Hochsommer, bei seit einigen Jahren wüstenhaften Außentemperaturen, die nicht nur dem heimischen Mais den Saft abdrehen, sorgen sie für ein, zwei, drei Stunden für ein äußerst zuträgliches Wohlfühlklima. Zumindest für uns Frauen. :-) 

Also nichts wie hin.

So einfach ist das.

01.09.2015


Multitasking macht Psyche mürbe!

Erst neulich wieder wurde ich unfreiwillig Zeuge eines spektakulären Beinahe-Zusammenstoßes zwischen einem vor mir in der Erlanger Ebrardstraße fahrenden Auto und einem Biker. Letzterer hatte – natürlich – Stöpsel im Ohr und raste ungebremst über die Straße. Einfach so. Von links nach rechts. Der Autofahrer hatte zum Glück gerade sein Handy nicht zur Hand, um mal eben eine What´s App zu beantworten, seine E-Mails zu checken oder nach der angesteuerten Adresse zu googeln. Denn sonst wäre es passiert. Und zwar heftig (genauso heftig schimpfte der Autofahrer übrigens, ich will ihn hier lieber nicht zitieren, konnte ihn aber sowohl akustisch als auch inhaltlich total verstehen).

Was ist nur los mit den Leuten? Warum hat jeder ständig den inneren Drang, alles nur erdenklich Mögliche gleichzeitig machen zu wollen, jederzeit verfügbar und erreichbar sein zu müssen und sogar im friedlichen Morgenwald von Musik berieselt über das nächstgelegene Reh stolpern zu sollen?

Ich wundere mich schon seit Jahren beispielsweise darüber, dass mein Mann sein Walken am Wochenende nur mit speziell getakteten Rhythmen aus dem MP3-Player richtig gut findet, Frauchen beim Gassi gehen Friseurtermine vereinbaren, Herrchen von der Couch aus merkwürdige Farmer-Spiele spielen, Teenies überwiegend digital kommunizieren, Eltern beim Essen in Gaststätten einhändig Kloß balancierende Sprösslinge akzeptieren (die andere Hand wird gebraucht) und dass die Kunst des Original Fränkischen „Bled-Schauens“ an Bushaltestellen immer mehr verkommt.

Und jetzt endlich habe ich ihn. Den ultimativen Beweis, dass all das auch wirklich nicht gesund ist, wenn nicht sogar mürbe oder krank im Kopf macht. Stand vor kurzem in der Erlanger Nachrichten: Das Hirn braucht den Wechsel aus Beschäftigung mit der Außenwelt und dem Blick nach Innen. Wer sein Hirn davon abhält, eingehende Eindrücke zu verarbeiten und sich quasi niemals der Langeweile hinzugeben vermag, der riskiert sogar psychische Erkrankungen.

Aha. Sind also nicht immer nur die Arbeitgeber Schuld an der neurologischen Überlastung und dem sinnlichen Bombardement, das sich Multitasking nennt.

Schade eigentlich. Müssen wir wohl bei uns selbst anfangen, uns mehr Achtsamkeit und Wertschätzung zu gönnen… und dem schon fast zwanghaften Blick auf das tapfer wenigstens temporär auf Lautlos oder Brumm gestellte Handy zu widerstehen.

25.08.2015


Sommerlektüre

Seichte und sommerleichte Romane gibt es ja wie Sand am Meer. Wer allerdings etwas mehr für seine seelische Erfrischung tun möchte und sich Lesestoff wünscht, der zugleich Sinn und Spaß macht, der ist mit diesen Büchern gut beraten: 

Die Australierin Bronnie Ware lässt uns in ihrem Spiegel-Bestseller „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ teilhaben an ihrem unkonventionellen, selbstbestimmten Lebensweg, der sie, die ursprünglich erfolgreiche Bankerin, in die Palliativbetreuung führt. Die Begegnungen, die sie in ihrem unterhaltsam geschriebenen Buch dokumentiert, sind rührend und nachdenklich machend, voller Achtsamkeit und Respekt, reich an kleinen Wundern und großen Taten. In jedem Falle zeigt uns diese autobiografische Reise, dass es in diesem Leben so vieles für uns geben kann. Fernab vorgeschriebener Spuren und unreflektierter Automatismen. Das Buch macht definitiv Lust auf Leben und Mut, individuell lebensnotwendige Veränderungen zu initiieren. 

Zum Nachdenken über das, was man im Hier und Heute alltäglich tut und warum, regt auch „Das Cafe am Rande der Welt“ von Streckeler an. Es handelt sich um ein kleines, kompaktes Büchlein, das man mal eben in ein paar Stunden am Pool durch hat. Die Impulse sind allerdings nachhaltiger Natur. Warum bist du hier? Das ist die zentrale Frage, um die sich hier alles dreht. Also ebenfalls Futter für die Seele und Zündstoff für Glückssucher.

Schließlich sollte man den Wälzer „Der große Trip“ noch mit in den Koffer packen. Das lohnt sich, denn die Autorin nimmt uns mit auf den Pacific Crest Trail und lässt uns teilhaben an ihrer Atem beraubend spannenden und körperlich beinharten Fernwanderung, im Laufe derer sie die Trauer um ihre geliebte Mutter, ihr „verkorkstes“ Leben und ihre Drogen- und Sexaffinität hinter sich lässt. 

Wir wünschen Ihnen lauschige Lesestunden, erquickliche Einsichten – und natürlich einen wunder-vollen Sommer!

29.07.2015


Alles gesund. Alles gut.

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Sommerfrische im August

Wir sind vom 6. - 21. August im Urlaub... 

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Was wäre, wenn das Ende naht?

Gestern kam der olle Hollywood-Katastrophenfilm „Deep Impact“ im Fernsehen. Während ich das etwa dritte Mal mitbangte und mithoffte, dass der gefürchtete Einschlag an der Erde vorübergehen möge, kam mir der Gedanke: Was wäre, wenn das Ende tatsächlich vor der Türe stünde?...

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